"Es ist wichtig, dass wir uns spezialisieren"
Interview mit Frank Zumbruch
"Es ist wichtig, dass wir uns spezialisieren"
Frank Zumbruch hat schon einiges auf die Beine gestellt: eine eigene Werbeagentur, das Netzwerk Komplizen.com und das Barcamp Rhein-Neckar als offene Konferenz der regionalen Kreativwirtschaft. Außerdem arbeitet er intensiv daran, dass aus der Metropol- eine Kreativregion wird. MEIER sprach mit ihm über diese Pläne, ihre Realisierung und die Situation in Heidelberg.
meier: „Frag nicht, was die Region für dich tun kann, frag, was du für die Region tun kannst.“ Dieser Satz ist zu lesen auf kreativregion.de. Ziemlich idealistisch, oder?
Zumbruch: Ist vielleicht idealistisch, ja. Vor allem ist es konstruktiv. Ich denke, überall da, wo es eine ausgeprägte Förderstruktur gibt, versiegt auch ein bisschen der Quell der Eigeninitiative. Und darum geht es in dem Zitat: Dass man sich auch in einer solchen Situation nicht zurücklehnt, sondern eine gewisse Balance sucht.
meier: Und welche Rolle spielen dabei die von Ihnen mitbegründeten „Komplizen.com“ oder das Barcamp?
Zumbruch: Wir wollten keinen Verein oder noch eine weitere Initiative gründen, sondern das Ganze lieber von innen heraus angehen, als Zusammenschluss und Netzwerk von Kreativen eben. Bei den Barcamps ist es sogar so, dass wir als Initiatoren gar nicht so sehr in Erscheinung treten, zumindest auf der Homepage. Das machen wir bewusst so. Wenn du die Kreativen in der Region an einem Prozess beteiligen willst – gerade wenn es z.B. um die Kommunikationsbranche geht – solltest du schauen, dass du dich nicht selbst in den Vordergrund spielst. Es geht darum, dass wir alle zusammen etwas erreichen wollen und nicht, eine Werbeveranstaltung in eigener Sache zu lancieren.
meier: Aber ist da die Region in Sachen Kreativwirtschaft nicht hinten dran? Immerhin hat Nordrhein-Westfalen schon in den 1990ern die Kreativwirtschaft als Jobmotor erkannt.
Zumbruch: Natürlich war das Ruhrgebiet in Sachen Kreativwirtschaft deutlich früher am Start. Das Bundesland ist seit Jahrzehnten wirtschaftlich im Umbruch und ist auf der Suche nach seinen zukunftsfähigen Stärken schon lange auf die Kreativwirtschaft gestoßen. In Köln und Düsseldorf oder Essen ist traditionell sehr viel Kreativwirtschaft ansässig. Das wurde seitdem eben gebündelt. Die haben es auch als erste geschafft, sich als Oberzentren zu vernetzen und ihren Antrag zur Vergabe der Kulturhauptstadt als Region zu formulieren. Das hätte man meines Erachtens mit der Metropolregion Rhein-Neckar genauso tun sollen, aber das steht auf einem anderen Blatt.
meier: Fokussierung scheint auch bei der Förderung der Kreativwirtschaft ein wichtiges Thema zu sein. In Mannheim will man weiter vor allem die Musikwirtschaft ausbauen.
Zumbruch: Gehen wir mal von der Idee aus, dass wir es tatsächlich schaffen, dass die Region als Kreativwirtschaftsstandort bundesweit und darüber hinaus ernst genommen wird. Das ist ja der Ansatz, den wir auch mit Kreativregion.de verfolgen. Sollten wir da Erfolg haben, halte ich es für essentiell wichtig, dass sich die einzelnen Städte und Kommunen innerhalb der Region spezialisieren. Nicht jede Stadt hat die gleichen guten Chancen auf jedem Gebiet. Mannheim hat das mit der Popmusik vorgemacht.
meier: Wie sieht es denn mit der Kreativwirtschaftsförderung in Heidelberg aus?
Zumbruch: Mein Eindruck ist, dass man sich von Seiten der kommunalen Wirtschaftsförderung noch etwas in die Thematik einarbeiten muss. Grundsätzlich werden einfach noch zu viele Dinge durcheinandergeworfen. Was ist Kreativwirtschaft, wie definieren wir sie hier? Was bedeutet die kreative Klasse, welche Rolle spielt die Kultur? Wenn etwas gefördert werden muss in Heidelberg, dann ist es Raum für kreatives Handeln. Kreativität an sich kann man nicht fördern, aber die Rahmenbedingungen. Und da hapert es noch gewaltig. Wir haben relativ hohe Mieten, das ist bekannt. Und wir haben im Moment noch relativ wenig Platz. Da wird sich aber sicherlich mit der Bahnstadt und den US-Kasernen, die nach einem Abzug der Amerikaner leer stünden, einiges tun. Die Schaffung von Raum, das ist ein ganz klarer Ansatz, den ich für wichtig halte.
meier: Welche Reaktionen kommen von Seiten der Stadt?
Zumbruch: Glücklicherweise ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit von kreativen Freiräumen in der Stadt, mittlerweile auch von Seiten der Verwaltung und des Gemeinderates, da. Für diese Sensibilisierung hat man sich teure Gutachten geleistet. Gutachten, die ortsansässige Unternehmensberatungen übrigens noch fundierter und schlüssiger hätten erarbeiten können. Daran wollen wir eben arbeiten, dass man aus Prestige-Gründen nicht mehr auf Anbieter aus Hamburg, Düsseldorf oder Frankfurt angewiesen sein muss.
meier: Aber reichen Zuschussprogramme und verbilligte Mieten tatsächlich, um einen Kreativstandort zu schaffen. Muss man nicht auch den Wert Kreativität an sich wieder bewusster machen?
Zumbruch: Im Moment wird mit der Kreativwirtschaft eine weitere Sau durchs Dorf getrieben. Die Öffentlichkeit stürzt wegen der hohen Kennzahlen auf die Kreativwirtschaft und weil es sehr viele Beschäftigte in diesem Wirtschaftszweig mit enormem Wachstumspotenzial gibt. Das liegt aber daran, dass die Kreativwirtschaft aus so vielen unterschiedlichen Branchen besteht. Diese Heterogenität bedingt aber – und das wird oft und gerne vergessen –, dass wir es in der Kreativwirtschaft mit sehr prekären Zahlen zu tun haben. Wenn es um Kranken- und Altersversorgung geht, um die Höhe der Gehälter, um Arbeitsbedingungen. Da sind wir mit der Kreativwirtschaft auch mal am unteren Ende der Skala. Neben vielen Erfolgreichen gibt es auch sehr viele Überlebenskämpfer.
meier: Worauf zielen die Bemühungen zukünftig dann ab: Kreatives Potenzial hier zu halten oder weiter gefasst darauf, eine offenere Region zu schaffen?
Zumbruch: Im Grunde stecken da mehrere Ansätze drin, die richtig sind. Zum ersten die Erkenntnis, dass die Kreativwirtschaft einen wichtigen Standortfaktor ausmacht. Dass es für jede Region wichtig ist, Kreativität zuzulassen, weil natürlich erwiesen ist, dass die wirklich guten Köpfe aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur nur dann in eine Stadt kommen, wenn sie ein entsprechendes lebenswertes Umfeld vorfinden. Sowohl kulturell als auch in Form einer gewissen Toleranz, die eben viel Kreativität zulässt. Zum zweiten geht es darum, eine Stadt bzw. eine Region wirklich konkurrenzfähig zu machen. Wie schon gesagt: Es ist bitter, wenn man große Konzerne vor Ort hat, die glauben, ihre Agenturen immer noch in Frankfurt, Düsseldorf oder im Ausland haben zu müssen. Es gibt hier sehr, sehr viele gute Leute in der Region. Drittens die Nachwuchsförderung: Das ist eine allgemeine Herausforderung, im Sport genauso wie in der Kultur oder eben der Wirtschaft. Es wird ein toller Nachwuchs herangezogen, aber es ist nicht automatisch so, dass er in der Region bleibt. Dieses Risiko muss man aber einfach gehen. Leute, die hier in der Region gefördert werden, sollen natürlich die Möglichkeit haben, sich draußen in der Welt die Sporen zu verdienen. Vielleicht kommen sie ja wieder. Und vielleicht nicht erst im Rentenalter, sondern schon, um sich hier selbständig zu machen.
meier: Komplizen und Kreativregion – welche Aufgaben können solche Netzwerke übernehmen?
Zumbruch: Wir haben sehr viele gute Leute an den verschiedensten Orten in der Region. Diese Vielfalt gilt es zu ordnen und stark zu machen, um diese Region als Wirtschaftsstandort konkurrenzfähig zu machen. Dazu gibt es bisher verschiedene Initiativen, die daran arbeiten – und es sollen sich ruhig weitere gründen. Wir von Kreativregion.de wollen dazu kleine Impulse geben. Das ist uns wichtig. Ob in Form von Webtalks, öffentlichen Podiumsdiskussionen, regelmäßig stattfindenden Barcamps oder anderen Veranstaltungsformaten. Wir wollen Netzwerkarbeit ermöglichen, um vor allem neue Ideen zu entwickeln und auch zu verwirklichen.
meier: Netzwerken – ohne das geht wohl wirklich nichts mehr?
Zumbruch: Netzwerken ist schon lange das A und O, und wer könnte es besser als wir Kreativen? Wir Komplizen haben es mit unserem Netzwerk schon vorgemacht – und sind dafür ja auch mehrfach ausgezeichnet worden. Aber ein geschlossenes Netzwerk wie das der Komplizen ist die eine Sache. Was in dem Zusammenhang noch viel wichtiger ist, sind offene Netzwerke, bei denen die Akteure in erster Linie alles daran setzen, gemeinsam etwas zu bewegen.
meier: Ist das nächste Barcamp schon in Planung?
Zumbruch: Das nächste Barcamp ist definitiv schon in Planung und wird aller Wahrschein-lichkeit nach kurz nach der Langen Nacht der Museen in Mannheim stattfinden. Stay tuned!
Interview: Nina Haas - Foto: Daniel Obradovic







