Der Finanzkabarettist im MEIER-Interview

Mit Geld kennt er sich aus. Er kann die Finanzkrise mit Fuselanleihen, Suffsammelobligationen und Deliriumgarantiezertifikaten erklären. Und er weiß, wie man ganz sicher Millionär wird. Aber Chin Meyer sagt auch: „Der Besuch meines Programms befreit nicht vom Besuch des Steuerberaters“. Im Oktober war der Kabarettist im Rahmen von „Denke. Schön“, dem Kabarettherbst des Kulturfensters, in Heidelberg zu Gast. Im MEIER-Interview spricht der 53-Jährige über Steuerfahnder, Millionäre und lustige Politiker.

Meier Nach Heidelberg kommen Sie mit dem Programm „Der Jubel rollt!“. Es geht um das Thema Geld – kann man das so zusammenfassen?

Chin Meyer Ja, es geht um Geld, um Steuern und um einen Steuerfahnder, der die großen Schweinereien verhindern will. Es heißt ja immer, dass die Großen davonkommen mit ihren Steuerschweinereien und der kleine Mann erwischt wird.

Meier Kommen die Großen tatsächlich immer davon?

Chin Meyer Sagen wir mal so: Ein im DAX notierter Konzern hat ganz andere Möglichkeiten in der „steuerlichen Gestaltung“ – ein schöner Begriff, wie ich finde. Steuerliche Gestaltung heißt im Grunde nichts anderes als: Über irgendwelche Tricksereien in Grauzonen gerade mal so am Rande der Legalität tätig zu sein. Dafür braucht ein Konzern natürlich viele Fachleute. Ein einfacher Angestellter hat diese Möglichkeiten nicht.

Meier Können Sie den Heidelbergern auch erklären, wie man Millionär wird? Was macht man da am besten?

Chin Meyer Wer Millionär werden will, hat mehrere Möglichkeiten. Die erste ist: Man geht arbeiten. Das funktioniert tatsächlich – wenn man jeden Monat 100 Euro zurücklegt, ist man in 500 Jahren Millionär. Aber es gibt natürlich Menschen, die sagen: Och, 500 Jahre sind im Großen und Ganzen kein Problem, aber ich weiß nicht, wo ich jeden Monat die 100 Euro herkriegen soll.

Meier Und die zweite Möglichkeit?

Chin Meyer Die zweite Möglichkeit ist die, die von den meisten Millionären gewählt wird: die Geburt. Die meisten Millionäre werden bereits als Millionäre geboren und erben das Geld dann nur noch. Wenn man es also nicht schafft, in einer Reichenklinik ein Baby auszutauschen, sich selbst in die Krippe zu legen und überzeugend darzustellen, dass man unter besonders schnellem Wachstum leidet, dann muss man warten – bis das reiche Baby groß genug ist, um es zu heiraten. Das ist der dritte Weg zu schnellem Geld.

Meier Kann eigentlich Finanzminister Schäuble etwas von Ihnen lernen? Welchen Tipp würden Sie ihm geben?

Chin Meyer Er sollte mehr Steuerfahnder einstellen. Denn: Jeder Steuerfahnder bringt dem Staat jährlich durchschnittlich Zusatzeinnahmen von etwa einer Million Euro. Dazu habe ich mal eine schöne Rechnung aufgestellt: Wenn ich zwei Millionen neue Steuerfahnder einstelle und jeder eine Million Euro reinbringt, dann haben wir die Staatsverschuldung in Höhe von zwei Billionen innerhalb eines Jahres getilgt, die Arbeitslosenzahl halbiert und die komplette Wählerschaft der FDP in den Knast gebracht.

Meier Werden Sie gelegentlich auch ernsthaft nach Geldanlage- oder Steuertipps gefragt?

Chin Meyer Tatsächlich hat mich eine Frau mal wegen eines Steuerproblems angesprochen. In diesem Fall konnte ich das Problem relativ elegant lösen und ihr helfen. Aber in solchen Fragen sollte man besser professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Der Besuch meines Programms befreit nicht vom Besuch des Steuerberaters.

Meier Hätten Sie vor ein paar Jahren tatsächlich gedacht, dass das Thema Geld so gefragt ist auf der Bühne? Oder sind Sie selbst überrascht?

Chin Meyer Nein, mich überrascht es eher, dass es nicht noch mehr gefragt ist. Geld ist eine wichtige Energie in unserem Leben, ohne Geld wird es hart. Das wissen die meisten Leute auch. Trotzdem treffen sie oft absurde finanzielle Entscheidungen – da schließe ich mich nicht aus. Wir sind gut darin, nach Schnäppchen zu suchen, verwenden aber nicht die gleiche Energie darauf, uns um die wirklich wichtigen finanziellen Dinge zu kümmern. Zum Beispiel – so langweilig das vielleicht auch klingt – die Altersvorsorge.

Meier Sie werden ja oft als Finanzkabarettist bezeichnet. Aber sitzen die wahren Finanzkabarettisten nicht zum Beispiel in Griechenland? Oder in Berlin – wenn wir an Klaus Wowereit und den Flughafen denken? Und in Rheinland-Pfalz – wenn wir an Kurt Beck und den Nürburgring denken?

Chin Meyer Das ist natürlich vollkommen richtig. Ich bekomme aus der Politik durchaus Konkurrenz. Diese Leute, die Sie genannt haben, treten ja ebenfalls öffentlich auf und sagen dann lustige Sachen. Aber das Gute daran ist: In gewisser Hinsicht arbeiten sie mir auch zu. Und dafür bin ich sehr dankbar.

Interview: Dimitri Taube (MEIER 10/2012)

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