De Ex-Mannheimer Sängerin im Exklusiv-Interview

Auch wenn sie seit zwölf Jahren nicht mehr im Jungbusch wohnt: Mit den Stationen Guru Guru, Sanfte Liebe und DePhazz hat Barbara Lahr die hiesige Independent-Szene geprägt wie kaum eine andere Sängerin. Ihr viertes Album „Six String Call“ hat den handgemachten Sound ihres seit 2009 bestehenden Trios perfekt eingefangen. MEIER hat nachgefragt

Meier: Hallo Barbara, deine Plattenfirma empfahl mir vor dem Phoner, es bei dir besonders lange klingeln zu lassen. Für den Fall, dass du dich gerade im Garten befändest. Wie darf man sich dein Leben im pfälzischen St. Julian vorstellen? Eine Selbstversorger-Idylle?

Barbara Lahr: Als ich mit meinem Mann vor zwölf Jahren hierher zog, hatten wir das vor, aber eigentlich sind wir viel zu faul fürs Gärtnern. Und wenn mal etwas Gemüse gedieh, waren meistens die Rehe schneller. Wir wohnen im letzten Haus an der Straße: Hier ist es so ruhig, dass wir nach über zehn Jahren im Jungbusch erst mal gar nicht einschlafen konnten.

Meier: Wie fiel denn die Wohnort-Wahl ausgerechnet auf ein Dorf in der Peripherie deiner Geburtsstadt Kaiserslautern?

Barbara Lahr: Hier in der Nähe lebte ich schon mal als junge Frau in einer WG, die in einer Etage einer einstigen Drahtfabrik ihren Sitz hatte. Die Lampen, die wir in dem Gebäude fanden, verhökerten wir auf Flohmärkten und machten ansonsten alle Musik. Die positive Erinnerung an diese Zeit zog mich wieder in den Pfälzer Wald zurück.

Meier: Und dort entstanden mit Rainbow Line und Undo Undo zwei deiner selbst produzierten Solo-Alben. Ich finde, man hört ihnen die konzentrierte Arbeitsweise an einem Ort fern aller Ablenkung an.

Barbara Lahr: Was die Kreativität betrifft, lag ich mit meiner Intuition richtig, doch ich merke schon auch, dass Einiges schwieriger geworden ist, seit ich in Mannheim nicht mehr so präsent bin. Als ich mich etwa für den Helene-Hecht-Preis bewarb, den die Stadt Mannheim jährlich für Musikerinnen und Produzentinnen ausschreibt, hieß es: „Sie wohnen ja gar nicht mehr in der Metropolregion Rhein-Neckar.“ Für eine Zweitwohnung fehlt mir aber schlicht das Geld, und zudem habe ich zwei altersschwache Hunde, die viel Zeit einfordern ...

Meier: Aber live bist du im Delta doch weiterhin präsent. Sei es durch Kooperationen mit Thomas Siffling, deine kontinuierliche Zusammenarbeit mit DePhazz oder dein aktuelles Trio mit Bernhard Sperrfechter und Erwin Ditzner ...

Barbara Lahr: Ja, mit vielen dieser Musiker habe ich noch Kontakt. Manche kommen mich auch im Sommer besuchen – im Winter eher weniger (lacht). Den Rhein-Neckar-Raum sehe ich immer noch als meine Heimat und bedauere es daher, mich bei manchen Dingen inzwischen etwas außen vor zu fühlen.

Meier: Als Sängerin von Sanfte Liebe wurdest du in den 80ern als „deutsche Laurie Anderson“ gefeiert, und deine Gesangsparts bei DePhazz sorgten dafür, dass das Projekt zeitweise als konkurrenzfähige Antwort auf Portishead rezipiert wurde. Wäre es da nicht naheliegend, dass du als „Delta-Wave-Eminenz“ von der Popakademie Baden-Württemberg berufen werden würdest? Gab es da schon eine Anfrage?

Barbara Lahr: (lacht) Nein, bisher noch nicht. Aber ich habe Udo Dahmen mal in einer Mail gefragt, ob es für seine Musikbusiness-Studenten nicht eine interessante Herausforderung sein könnte, mal für ältere Musiker zu arbeiten und für uns das Booking zu machen. Aber da kam leider die Antwort, dass er hierfür momentan niemanden zur Verfügung hätte. Schade, denn ich würde sehr gerne noch mehr live spielen. Mit Sanfte Liebe waren das manchmal bis zu 90 Konzerte im Jahr.

Meier: Apropos Sanfte Liebe: der Drummer Erwin Ditzner prägte mit seinem filigranen Spiel entscheidend den Stil der Band. Unvergesslich, wie er sich während der Show eine Zigarette drehte und dabei nicht aus dem Takt geriet. Wie kam nun bei deinem aktuellen Album „Six String Call“ die erneute Zusammenarbeit zustande? Immerhin liegen fast 20 Jahre dazwischen!

Barbara Lahr: Verrückt, nicht? Aber ich glaube, wir haben das beide gar nicht so auf dem Schirm. Das fühlte sich im Proberaum wieder ganz vertraut an, auch wenn ich mich heute auf einer Bass-Ukulele begleite. Die Initiative kam von Erwin. Er hatte mit Bernhard Sperrfechter, mit dem ich in den letzten Jahren als Duo „Barba Ra“ aufgetreten bin, immer wieder in Jazzformationen gespielt und fragte an, ob wir rhythmische Verstärkung bräuchten. Und Bernhard brachte mit Marco Schneider einen ehemaligen Gitarrenschüler ins Spiel, der uns in drei Tagen aufnahm und produzierte.

Meier: Mit dem Texter Steffen Herbold ist auf „Six String Call“ noch ein weiterer bekannter Name aus Sanfte Liebe-Zeiten mit von der Partie ...

Barbara Lahr: Als er für Sanfte Liebe „Seven Waitresses“ schrieb, war er noch blutjung, heute ist er ein renommierter Librettist. Steffen schreibt Texte für mich, indem er mich besucht, sich umschaut, mich fragt, was ich mache und wie es mir geht – und all das integriert er in die Songs. Wenn es in „The Less You Loose“ heißt: „I‘ve got a buddah in my kitchen and a flower on the floor“, so hat er etwas von meinem Leben eingefangen, wie ich es nicht besser hätte tun können. Das passt einfach, und darüber bin ich sehr froh. Wenn ich alle Texte selbst schreiben müsste, käme ich gar nicht mehr zum Musikmachen. Mein Anspruch ist eben hoch. Und bei einem Handwerk, das man nicht beherrscht, muss man viel Zeit und Mühe investieren und hat dennoch keine Garantie, dass es am Ende gut wird – Lebenserfahrung hin oder her. Es gibt da den Spruch: „Echtes Gefühl, falscher Fingersatz“. Wenn man das im Hinterkopf behält, kann es einem leichter fallen, sich helfen zu lassen.

Interview: Markus von Schwerin (MEIER 9/2012)

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