Ketsch

Im Schnellschritt hat der sächsische Spitzenkoch Tommy R. Möbius einen Michelin-Stern für Die Ente in Ketsch erkocht. Es ist der Erste in fast 40 Jahren, die Euphorie ist groß. Trotzdem bleibt „Die Ente“ ihrem Stil treu: unverkrampft, exzellent und frei von Starallüren. 

Es gibt diese Sternerestaurants, in denen man zwar spürt, dass man in der gehobenen Gastronomie angekommen ist, aber eine charmante Leichtigkeit über alldem schwebt. So ist es auch in der Ente. Man sitzt entweder im erhöhten Gastraum oder im romantischen Wintergarten auf bequemen Stühlen, die abendliche Beleuchtung ist perfekt gelungen, man unterhält sich freudig an den stilvoll eingedeckten Tischen. Nichts lenkt ab vom eigentlichen Höhepunkt: dem Essen. Schon der Gruß aus der Küche und die Ansage des gut gelaunten Kellners geben Anlass zum Schmunzeln: „Fish and Chips“ landen auf dem Teller, natürlich in Miniaturform. Winzige frittierte Fisch-und Meeresfrüchte und hauchdünne Mini- Chips, liebevoll verpackt in einer kleinen Rolle aus Zeitungspapier, daneben ein Klecks Zitronen- Mayonnaise und kleine Fruchtgeleewürfel, die das würzige „British Meal“ auflockern. Mit diesem humorvollen Start zeigt Chefkoch Tommy R. Möbius, der seit Juli dieses Jahres die kulinarische Gesamtleitung innehat, dass er auch Sinn für Spielerei hat. Der 36 -jährige zählte bislang zu den Spitzenköchen Österreichs und wurde sieben Jahre in Folge in Wien mit dem Michelin-Stern ausgezeichnet. Es wird schnell klar, warum. Neben Verspieltheit und Humor zeichnet Möbius noch eine Eigenschaft aus: Harmonie. Zum Beispiel beim Krautwickel, gefüllt mit feiner Gänsestopfleber und Blutwurst-Petersilie (€ 22.–). Hier werden die gegensätzlichsten Aromen harmonisch verbunden, aber so, dass man sie im Einzelnen dennoch herausschmecken kann. Dazu empfiehlt die freundliche Sommeliere einen 2009er Weißburgunder vom badis chen We ingut Hub e r (0,1l € 5.–), der fruchtig-frisch, aber mit bemerkenswerter Eleganz und Tiefe perfekt mit den starken Aromen mithalten kann. Hinter der Suppe des Tages (€ 11.–) verbirgt sich ein köstlicher Maronen-Schaum im Glas, der mit nussig-süß-salzigen Aromen und einem Hauch Karamell betört. Dazu werden Zimt-Blätterteigdreiecke und Maronen-Mousse in Schupfnudelform gereicht. 

Sinn für Regionalität Dass er aber auch ein Faible für bodenständige, regionale Gerichte hat, beweist Möbius bei der geschmorten Ochsenbacke, die stilecht auf rheinische Art mit Kloß, Rotkraut und sauer eingelegtem Gemüse daherkommt (€ 29.–). Kreativer wird es dann beim zarten Reh, mit köstlicher Mandelcreme und Kakaoaromen, die das Reh wunderbar umschmeicheln. Zu beiden Gerichten erfreut der empfohlene 2007er St. Emilion vom Weingut Graf Neipperg (0,2l € 8.–). Die Cuvée aus Merlot, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc ist trocken, blumig und nicht zu aufdringlich. Zum Schluss noch ein Klassiker, der wieder zum Schmunzeln einlädt: ein Gemälde, bestehend aus einem herrlich duftenden Mini-Bratäpfelchen auf Vanilleschaum, gefüllt mit Nuss, neben einem Klecks Zimteis und einer Spur Rum mit Keksstückchen (€ 13.–). Keine Frage: Tommy R. Möbius und sein Team haben sich viel vorgenommen in Ketsch. Die Abendkarte wechselt monatlich, damit die Gäste immer wieder neue Geschmackserlebnisse erfahren können. Vielleicht fehlt noch ein bisschen Mut zum Experiment, aber wenn es in der Ente trotz dieser ambitionierten Ansage weiterhin so unaufgeregt bleibt, dann kommen wir jederzeit wieder.

[MEIER 01/2012 - Julia Hess]

Die Ente im Seehotel
Kreuzwiesenweg 5
Ketsch
Tel. 06202 6970
Di bis Sa 12 – 14 und ab 18 Uhr
www.seehotel.de 

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