Wüstenthriller von Wolfgang Herrndorf

Bilder und Möglichkeiten zerrinnen wie Sand zwischen den Fingern; Rätsel bleiben, zahlreich wie die Sandkörner der Sahara. Vielleicht aber hängt auch alles miteinander zusammen – all die Handlungen, Gedanken, Haltungen zur Welt. Wie eine Sandwüstenlandschaft.
"Sand" heißt der dritte, grandiose Roman des Berliner Schriftstellers Wolfgang Herrndorf. Etliche Buchtitel hat der Autor des Überraschungserfolgs von "Tschick" verworfen. Am Ende blieb "Sand" übrig und der funktioniert wie eine große Klammer. Der Titel als Sinnstifter.
Eine Hippie-Kommune, in der ein Massaker begangen wird. Unmotivierte, mit der Aufklärung des Falls betraute Polizisten. Eine als Kosmetikberaterin getarnte Agentin. Ein Mann ohne Gedächtnis, dessen Nachdenken "im Nebel versinkt". Die Kinderschuhe Afrikas, Esoterik, Rassismus, Codes und Chiffren. Ein Koffer voller Geld und Folterverhöre. Über und unter alledem: der Irrsinn der Welt, der konstruierte Zusammenhänge, Missverständnisse und Dummheit produziert. Mag sein, dass die Wüstenthriller-Reflexion "Sand", die im Marokko des Jahres 1972 angesiedelt ist, für Freunde kurz und knapp zu beschreibender Plots nichts ist.
Herrndorf hat erzählt, er halte seinen Roman "für den Aufbewahrungsort des Falschen". Das ist schön gesagt und erinnert an Don DeLillo und dessen überragend komplexe, anspielungsreiche, erratische Romane, in denen es immer um sehr viel mehr geht als um das offen Ausgesprochene. Auch "Sand" kennt zahlreiche Leerstellen, die Verschiedenes bedeuten können. Man wird nicht leicht fertig mit diesem Buch. Es speist sich aus – ungemein pointensicher präsentierten – tödlichen Zufällen und erweist sich, weil es sich nach dem Zuklappen von selbst im Kopf weiterbewegt, als besonders lebendiges Exemplar einer seltenen Art.

[Michael Saager]
Wolfgang Herrndorf: Sand. Roman. Rowohlt Berlin. 480 Seiten. € 19.95

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