Der "Voice of Germany"-Star im MEIER-Exklusivinterview
Der kleine Mann ist ein Phänomen. Das wissen wir hierzulande nicht erst, seit er bei der SAT1-Castingshow „The Voice of Germany“ dermaßen sensationell und spektakulär durchgestartet ist. Seit Jahren entertaint der Mannheimer Schauspieler, Sänger, Komponist und Tausendsassa das Delta. MEIER hatte Rino nach langem hin und her in einem Berliner Hotel aufgestöbert und mit ihm über sein Leben vor, während und nach „Voice of Germany“ gesprochen.
MEIER Rino, wo sind deine Haare geblieben?
Rino Galiano Die sind mir nach dem Tod meines Vaters vor jetzt fast genau einem Jahr in Büscheln ausgefallen, und da habe ich beschlossen: Jetzt trage ich mit Stolz und Würde meine Glatze. Der Arzt hat damals gesagt, sowas kommt vor.
MEIER Wieviele Interviews hast du in den letzten sechs Wochen gegeben?
Galiano Unzählige, Radio, Gala, Bild. Mit denen von Bild hab' ich zwei Stunden geredet, und sie druckten alles, nur nicht das, was ich gesagt habe.
MEIER Und was war die dämlichste Frage?
Galiano „Rino, du hast fruchtbar abgenommen, nimmst du Drogen?“
MEIER Und was hast du geantwortet?
Galiano Ja, ich nehme Heroin und spritze es mir in den Augapfel. De facto ist es allerdings so, dass wir wirklich unglaublich viel Stress haben, und da kann ich essen, was ich will. Ich scheiße dann halt auch sehr viel (lacht).
MEIER Du bist in Mannheim und drumherum seit langem eine feste Größe, und jetzt diese irrsinnige Popularität bundesweit. Was kommt dir unwirklicher vor: dein altes oder dein neues Leben?
Galiano Das ist 'ne schwierige Frage. Denn es hat sich zum einen eigentlich gar nichts verändert: Ich tu nichts anderes, als das, was ich auf der Bühne immer mache. Ich habe allerdings ein viel größeres Spektrum an Zuschauern. An Leuten, die mich auch auf der Straße wiedererkennen. Das ist unglaublich. Egal, wo ich hingehe, ich hab' einen extremen Wiedererkennungswert, die Leute sprechen mich mit meinem Namen an. Auf jeden Fall muss ich mein Leben anders gestalten. Das hat mir am Anfang sehr viel Angst gemacht. Ich wollte zweimal einen Rückzieher machen. Und da hat mich der Xavier zurückgehalten und gebatscht. Offengestanden hatte ich schon immer Angst vor großen Dingen und bin auch künstlerisch gesehen immer gerne etwas kleiner geblieben. Es mangelte ja nicht an Angeboten. Aber ich bin ein durchaus ein sehr bescheidener und kleiner Mensch, ich brauche meinen Rückzug. Das hier hat auch meine Beziehung und meine nahes Umfeld sehr verändert. Das hat mir tatsächlich Angst gemacht.
MEIER Und sind die Reaktionen auf dich denn durchweg positiv?
Galiano Auf der Straße schon, da komme ich offensichtlich sehr angenehm rüber. Im Internet ist das ein bisschen anders. Da gibt es auch Unverschämtheiten und Diskriminierungen. Das finde ich natürlich schlimm, aber das trifft mich jetzt nicht so sehr.
MEIER Spielt dabei eine Rolle, dass du schwul bist und damit ja auch ganz offen umgehst?
Galiano Ja auch. Ich hab' da ja nie einen Hehl draus gemacht, das würde mir auch wirklich schwerfallen (lacht). In dieser Beziehung hab' ich wirklich ein starkes Ego, das macht mir nicht so viel aus. Es gibt halt einfach unverschämte Menschen. Und wenn es mich trifft, kann ich damit fast besser umgehen, als wenn ich merke, dass andere schlecht behandelt werden. Da setze ich mich viel eher zur Wehr, als wenn es gegen mich geht.
MEIER Woher kommt das denn?
Galiano Schon durch den Beruf. Als Schauspieler wirst du von Anfang an kritisiert, und es wird ständig an dir rumgenörgelt. Da kriegst du eine ganz dicke Haut und findest eine Mitte für dich, wo die weißt: Das ist mein privates Ich, und das ist die Kunstfigur bzw. der Künstler. Allerdings gibt es bei dem, was ich jetzt mache, die ganz große Schwierigkeit, dass ich mich bisher immer sehr leicht hinter einer Rolle oder einem Charakter „verstecken“ konnte. Das kann ich jetzt nicht, weil ich mit meinem privaten Namen auf der Bühne stehe. Ich bin da als Kunstfigur schutzlos. Andererseits möchte ich natürlich auch keine Rolle spielen, sondern echt und authentisch sein. Ich bin jetzt richtiggehend nackt. Auf der Bühne ist das nicht so das Problem, da mache ich meine Arbeit. Aber ich werde jetzt als Privatperson wahrgenommen, und die habe ich sonst immer sehr gut im privaten Bereich lassen können. Jetzt muss ich mir sehr genau überlegen, was ich sage und wie ich auftrete.
MEIER Ich fand es ja schon lange sehr seltsam, dass ein Alleskönner wie du immer noch auf Mannheims heiterer Bühne herumkrebst. Du musst doch Karriereträume gehabt haben ...
Galiano Nein, ich hatte nie den Hintergedanken, ein ein Star werden zu wollen. Wegen so etwas mache ich auch in dieser Show nicht mit. Der Wettkampfgedanke fehlt mir vollkommen: Ich hab' meinen Spaß, mache meine Arbeit und geb' mein Bestes. Das hab ich aber immer schon gemacht. Es war viel eher so, das mich der Tod meines Vaters in ein tiefes depressives Loch geworfen hat. Ich hab alles abgesagt, mich eingesperrt, nichtsw mehr gegessen und war richtig krank. Dann ist mir eingefallen, dass mein Vater sich immer gewünscht hatte, dass ich bei so einer Castingshow mitmache und dass er gesagt hat: „Du kannst sie in die Pfanne hauen, du bist besser als die alle“. Ich hab' das aber niemals machen wollen, die Vorstellung furchtbar, Fremdschämfaktor 120. Und dann habe ich ihm doch post mortem diesen Wunsch erfüllt - und es keine Sekunde bereut.
MEIER Und hagelt es denn auch ordentlich Angebote?
Galiano Das kann man sagen. Momentan sind wir mit Universal in Verhandlungen für einen Plattenvertrag. Das ist nicht ganz einfach für mich, aber man respektiert meinen Status als Profi. Viele, auch große und gut bezahlte Angebote musste ich schon ausgeschlagen, weil sie nicht meins waren. Mit „Sieben Brücken“ hab ich offenbar eine Tür in Richtung „deutscher Schlagersänger“ aufgemacht, aber das bin ich natürlich nicht.
MEIER Die Schubladen stehen also offen, und es wird sich zeigen, wo man dich reinsteckt - oder wo du dich reinstecken lässt …
Galiano So ungefähr. Da ist unheimlich viel im Schwange. Was ich aber auf jeden Fall bald machen möchte, ist ein Abend im Capitol, sowas wie ein Dankeskonzert für meine Mannheimer Freunde. Ich werde auch sicher mit Xavier weiterarbeiten, und ich will auf keinen Fall den Schauspieler ganz aufgeben. Und die Elwa möchte ich gern verfilmen.
MEIER Und was wird aus deinen schon geplanten Auftritten, zum Beispiel mit der Elwa Tr'tcz im Schatzkistl?
Galiano Die werde ich natürlich wahrnehmen. Aber es wird schwieriger sein, wir müssen so viele Leute wegschicken, da müsste ich eigentlich in größere Räume. Auch, wenn mir das Herz blutet: Ich gehe stark davon aus, dass ich diese kleinen Sachen nicht mehr oft werde machen können. Als Theatermensch fürchte ich auch, dass durch die Größe der Kontakt zum Publikum verlorengehen würde, und es macht mir schon Angst, vor 5.000 Leuten zu stehen und einfach nur mein Ding abzuspulen. Ich habe den intensiven Kontakt zum Publikum sehr gern.
MEIER Mit wem tauschst du dich denn am stärksten aus, wenn es um solche perspektivischen Sachen geht?
Galiano Mit Xavier und mit seinem Team, auch mit Michael Herberger. Wir haben uns seit August intensiver kennengelernt und schwimmen auf einer Wellenlänge. Vielleicht „weils aach Monnema sin“. Da kann ich wirklich andocken. Was mir sehr fehlt, ist ein Mann wie Reginald Dehoff, der mich so geprägt hat und der mir jetzt super helfen könnte. Aber da bin ich jetzt leider auf mich allein gestellt.
MEIER Wer dich ein bisschen kennt, weiß, dass du einen sehr schrägen und extrem selbstironischen Humor hast, der sich auch gern um Körperöffnungen und Flüssigkeiten dreht. Bei VoG ist davon wenig zu spüren. Ist das bewusste Stromlinienförmigkeit oder bist du so gerührt, dass du nur noch liebe Sachen sagen kannst?
Galiano Dieser „dreckige“ Rino hat viel mit Freak o'clock zu tun, wo ich ohne Rücksicht auf Verluste auf die Kacke hauen konnte. Das schwuppt auch in Interviews immer mal wieder durch. Aber dann hat mich Xavier von Anfang an als Engel bezeichnet, und der Versuch über Musik zu vereinen und Emotionen zu transportieren, das ist mir natürlich auch nicht neu. So sehe ich Musik auch. Musik ist ein Mittel, die Menschen miteinander zu verbinden. In dem Moment hast du auch Macht – und Verantwortung. Mit Kraftausdrücken würde ich bei einem so breiten Publikum weniger erreichen, als wenn ich versuche, es mit Liebe zu lösen. Das ist keine berechnende Herangehensweise, sondern eine logische Konsequenz. Ich habe das alles wirklich von Anfang an für meinen Vater gemacht, und da ist einfach sehr viel Liebe im Spiel. Die Sau rauslassen kann ich woanders immer noch, und das werde ich auch (lacht).
MEIER Das hoffe ich doch ...
Interview: Ingo Wackenhut (MEIER 2/2012)




