Der Kabarettist im MEIER-Exklusiv-Interview

Foto: Rafael Kroetz

Er ärgert sich. Über Politiker, die Mist bauen. Und nichts lernen. Dabei könnten Politiker auch stilvoll mit einer Affäre umgehen, findet Mathias Richling. Im Februar war der Kabarettist mit seinem Programm „Der Richling-Code“ in Hockenheim und Limburgerhof. Im MEIER-Interview verrät der 58-Jährige, was Christian Wulff nicht kapiert hat, warum die Piraten ganz schnell in einer Regierung sitzen könnten und wer ihm derzeit das Parodieren richtig schwer macht.

Meier Nach allem, was wir in den vergangenen Wochen über Christian Wulff erfahren haben: Steckt nicht in jedem Spitzenpolitiker ein kleiner Berlusconi?

Mathias Richling Natürlich. Es gibt sicherlich Ausnahmen, und man könnte jetzt sagen: Politik ist nicht immer leicht, man wird als Politiker dauernd durchs Dorf getrieben, und die Medien bauschen gerne mal was auf. Aber wir sehen an vielen Beispielen: Er funktioniert nicht mehr, der gesunde Menschenverstand, der einen bremst, alles und noch viel mehr in Anspruch zu nehmen, als das, was einem per Amt zusteht. Wulff ist kein Einzelfall.

Meier Es gibt dieses eine Buch über Wulff: „Besser die Wahrheit“. Wie sollte das nächste Buch heißen? „Vorerst gescheitert“?

Richling Eine gute Idee. Vielleicht muss er sich auch gar nicht viel Arbeit machen. Einfach das Foto austauschen und den Namen ändern. Aber im Internet fällt das bestimmt wieder jemandem auf.

Meier Wenn die Wahrheit nur Stück für Stück rauskommt und sich Politiker ans Amt klammern: Ärgert Sie das? Oder freuen Sie sich, weil Sie es für die Bühne verwerten können?

Richling Das würde ja bedeuten: Ich wünsche mir nur Gurken in der Regierung, damit das Kabarett gut läuft. Nein, so ist es nicht. Natürlich ärgert es mich.

Meier Was ärgert Sie am meisten?

Richling Es gibt keinen Lernprozess. Auch Herr Wulff hat offenbar nicht kapiert, dass wir in einer Zeit des Umbruchs leben, die geprägt ist von Internet und einem enormen Informationswillen der Wähler. Wie man dann so dusselig sein kann, zu sagen, in einem Jahr ist alles vergessen, ist mir unbegreiflich. Das Internet und damit auch wir vergessen nichts mehr so schnell. Das hat Herr Wulff wohl nicht verstanden. Er hätte gut gepasst in die Zeit von Helmut Kohl und dessen Aussitzfähigkeiten. Oder sogar in die Kaiserzeit. Mit dem modernen Deutschland fängt Herr Wulff wohl nicht viel an.

Meier Wer hat im vergangenen Jahr am wenigsten gelernt?

Richling Herr Dr. Guttenberg vielleicht. Erstaunlich, dass er trotzdem noch lange beliebt war. Gut, später dann, im Herbst, da hat er sich alles versaut. Aber es hat unendlich lange gedauert, bis er seine Sympathie in der Bevölkerung verspielt hatte. Das bedeutet, wir sind als Volk viel gnädiger als man vermutet und brauchen lange, bis wir wirklich übelnehmen.

Meier Wie kann ein Politiker stilvoll mit einer Affäre umgehen? Geht das überhaupt?

Richling Klar. Die meisten Leute sind doch bereit, Fehler zu verzeihen. Sie wollen aber, dass man sie mitnimmt, wie es heute heißt. Sie wollen, dass man ihnen alles erläutert, dass man sie ernst nimmt. Nicht so wie Wulff, Guttenberg, davor Westerwelle und andere. Ich bin gespannt, wie der Nächste mit seiner Affäre umgeht.

Meier Es gibt ja jetzt eine Partei, die vieles anders machen will und sich für Transparenz einsetzt: die Piratenpartei. Was kann sie in den kommenden Jahren erreichen?

Richling Es gibt heute viel mehr Wechselwähler als früher. Wer weiß, wenn die anderen uns weiter so überfallen, könnten die Piraten ganz schnell in einer Regierung sitzen.

Meier Haben Sie eigentlich schon jemanden von der Piratenpartei für eine Parodie im Blick?

Richling Eine Parodie lebt davon, dass die Leute überhaupt erstmal den Namen der Figur kennen, die da parodiert wird. Das ist bei der Piratenpartei schwierig. Noch.

Meier Die SPD entscheidet wahrscheinlich dieses Jahr, wer als Kanzlerkandidat antritt. Steinbrück, Steinmeier, Gabriel: Wen würden Sie am liebsten parodieren? Wer wäre da der beste Kandidat?

Richling Für mich ist jeder machbar. Ich nehme den, der kommt. Aber eigentlich spielt es für mich keine Rolle. Wenn es wirklich nur auf die Parodie ankäme, dann müsste ich ja auf Ronald Pofalla hoffen. Nur ist er leider in der falschen Partei.

Meier Und wer macht Ihnen das Parodieren derzeit richtig schwer?

Richling Die gesamte FDP – mit Ausnahme von Rainer Brüderle. Die anderen drücken in ihrer äußeren Form, in ihrer Sprache, ihren Ideen und ihrem Handeln das aus, was bei ihnen auch geistig und inhaltlich abläuft. Sie sind nicht erkennbar.

Interview: Dimitri Taube (MEIER 2/2012)

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