Heidelberg

Heidelberg ist reicher geworden. Um eine Bar, wie man sie sonst nur aus Metropolen kennt. Das Ginsburg schafft etwas ganz Besonderes: in sparsamem Ambiente eine glamouröse Atmosphäre entstehen zu lassen.

Normalerweise schreiben wir an dieser Stelle, was der Wein kostet, wie teuer ein Bier ist oder ob beim Caipi das Mischungsverhältnis stimmt. Bei Ginsburg ist das alles nicht möglich. Weil es keinen Caipi gibt und auch sonst keinen Cocktail. Und weil die Infos auf der Karte schon sehr rudimentär sind. „Pils 2,70 Euro“ steht drauf oder „Longdrinks ab 4,80 0,2“. Mehr nicht. Keine Marke, kein Namedropping mit Winzern, keine Angaben, welcher Saft aus dem Kühlschrank geholt werden kann.

Und das ist pure Absicht. Die Ginsburg-Betreiber Matthias Rohr und Roman Losch – in Heidelberg bestens bekannt als Macher von Reichsapfel & Lager – möchten, dass die Menschen ins Gespräch kommen. Miteinander, aber auch über die Theke hinweg mit dem Barkeeper: Welchen Whisky hast du da? Ist der Rotwein aus der Pfalz? (Nein, aus Italien.) Kannst du mir einen Gin-Tonic machen? Gibt es wirklich nichts zu essen und statt Prosecco nur Champagner? (Exakt.) „Wir reisen viel und sehen in anderen Städten, dass sich das Publikum wahnsinnig durchmischt“, erzählen Rohr und seine Frau Ulrike Hacker. „In Heidelberg gibt es da ein Defizit.“ Sie wollen, dass sich bei ihnen Studenten genauso wohlfühlen wie Leute, die sich für die Clubs zu alt fühlen, aber trotzdem nicht nur essen, sondern richtig ausgehen wollen.

Dass das Ginsburg scheinbar Widersprüchliches vereint, spürt man schon beim Betreten des Raumes. Die Wände sind aus rohem Beton, für die Einrichtung galt basic als Prinzip. Und dann hängen von der Decke wieder sehr liebevoll auf Flohmärkten zusammengesuchte Fünfzigerjahre-Lampenschirme, die einen krassen Kontrast zu den Werken an der Wand bilden: Sie stammen aus der Serie, in der die Mannheimer Fotografin Sabine Kress dem Rotlichtmilieu ihrer Heimatstadt ein künstlerisches Denkmal gesetzt hat. Nach einem sehr kurzen, mit einem „sehr schlanken Budget“ und mit Unterstützung der Innenarchitekten und Designer Mathias Reuter und Uli Odenwald bewerkstelligten Umbau, hat das Ginsburg Anfang des Jahres eröffnet. Und seitdem sorgt die Lage immer wieder für einen Aha-Effekt: Die Bar ist an der Friedrich-Ebert-Anlage zwischen Bismarckplatz und Juristischem Seminar, das man durch die großen Scheiben sehen kann.

Was noch fehlt, ist ein Schriftzug. Der Name Ginsburg bedeutet nichts. Er soll einfach schön klingen. Und ein bisschen auch an Serge Gainsbourg und die Wurzeln seiner einst aus Russland eingewanderten Familie – die damals Ginzburg hieß – erinnern. Denn die Musik des französischen Chansonniers kann hier durchaus mal laufen. Vielleicht aber auch was  ganz Anderes. Man darf sich überraschen lassen– immer wieder.

(MEIER 2/2012 – Nicole Hess, Foto: Christian Buck)

Friedrich-Ebert-Anlage 1, Heidelberg, So bis Do 18 – 2, Fr & Sa 18 – 3 Uhr

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