Der lustige Chansonnier im MEIER-Interview

Foto: David Baltzer

Am liebsten singt er über Themen, über die noch nie jemand gesungen hat. Im August war Thomas Pigor in Neustadt an der Weinstraße, zusammen mit Benedikt Eichhorn, Ulf Henrich und dem Programm „Volumen 6“. Im MEIER-Interview spricht der Musiker über sein Chanson des Monats und das Verhältnis zu seinem Pianisten. Und der 56-Jährige verrät, was ihm zum Thema Frauenquote einfällt.

Meier Für SWR 2 und Deutschlandfunk produzieren Sie seit 2011 das „Chanson des Monats“. Im Juli haben Sie gesungen: „Das ist kein Land für Open-Air-Festivals.“ Warum?

Thomas Pigor Im Song geht es darum, dass alle so tun, als ob bei uns immer schönes Wetter wäre. Aber die Hälfte der Festivals fällt erfahrungsgemäß ins Wasser. Oder man bibbert bis kurz vor Schluss, ob es überhaupt stattfindet. Klar, ich weiß, in Neustadt spielen wir auch auf einem Open-Air-Festival ... Ich bin gespannt, ob es regnet. Aber ich hoffe es natürlich nicht.

Meier Nach Neustadt kommen Sie mit „Volumen 6 – Pigor singt, Benedikt Eichhorn muss begleiten und Ulf“, ein Programm mit Benedikt Eichhorn und Ulf Henrich. Warum heißt es eigentlich „Benedikt Eichhorn muss begleiten“?

Pigor Wir machen in erster Linie zwar ein Songprogramm, aber es ist kein reines Konzert, wir haben auch kabarettistische Elemente im Programm. Deshalb gibt es Bühnenfiguren, eine Sängerfigur und eine Pianistenfigur. Unsere Figuren haben ein durch alle Programme gehendes angespanntes Verhältnis. Ich bin der herrische Sänger, der seinen Begleiter deckelt. Das Gemeine daran ist, dass der Pianist mit dem sonnigen Gemüt gar nicht merkt, wie er vorgeführt wird. Deswegen ergreift das Publikum angesichts der offensichtlichen Ungerechtigkeit meist für Eichhorn Partei. Irgendwann im Programm kommt jedoch sein großer Moment und wenn er dann seinen Song singen darf, fliegen ihm alle Herzen zu.

Meier Für „Volumen 6“ haben Sie sich auch einen besonderen Einstieg einfallen lassen. Wie sieht der aus?

Pigor Der Einstieg ist ein vertonter Soundcheck. Ich laufe durchs Publikum, klopfe aufs Mikrofon und sage „Eins, eins, check, check, check, check“, anschließend setzt die Musik in diesem Rhythmus ein, und der Refrain ist „Soundcheck, ein guter Ton ist das A und O in der Kommunikation“. Dann kommt es zu einem Dialog mit dem Techniker, „Mach mal bitte mehr Monitor, mach mal bitte Bass“, wir parodieren genau das, was bei einem üblichen Soundcheck passiert. Aber rhythmisiert. Es geht in Richtung angerappter Reggae. Man braucht ein paar Sekunden, um zu verstehen, was wir da eigentlich machen, aber dann wird schon recht schnell deutlich, dass mit dieser Soundchecksituation das Programm beginnt.

Meier Nochmal zurück zum Thema „Chanson des Monats“. Da ging es zuletzt auch um Schwule im Fußball. Wie war die Resonanz?

Pigor Ich habe viele Mails bekommen, auch von Schwulen, die gesagt haben: Supersong. Auf Youtube haben einige kommentiert, der Song sei zu tuntig. Das konnten meine schwulen Freunde wiederum gar nicht verstehen. Ich habe ja nicht mit verstopfter Nase gesungen.

Meier Wie gehen Sie mit den Youtube-Kommentaren um? Wie finden Sie solche Kommentare?

Pigor Unterirdisch. Aber ich möchte dazu jetzt nicht viel sagen. Das sollen andere beurteilen. Ich habe ja meine eigenen Mittel, um mich zu äußern: künstlerische, musikalische. Zum Thema Internet und Netzgemeinde habe ich ebenfalls ein Chanson geschrieben, schon im Mai, mit dem Titel „Der virtuelle Mob“.

Meier Sie singen: „Ich bin der König aller Foren, ich bin überall präsent / Ich bin unflätig, zotig und impertinent / Mein Deutsch ist erbärmlich, meine Wortwahl vulgär / Orthographie ist mir lästig und zu elitär ...“

Pigor Genau. Und: „Ich gebe ungefragt zu allem meinen Senf dazu / Ich hab von nichts eine Ahnung und ich respektiere kein Tabu / Ich pöble wild drauf los auch ohne triftigen Grund / Reflexartig wie ein Pawlowscher Schweinehund ...“

Meier Dürfen Sie beim Chanson des Monats alles machen – oder haben die Öffentlich-Rechtlichen oft Einwände?

Pigor Die Redakteure sind sehr kooperativ. In der Regel habe ich alle Freiheiten. Wobei ich natürlich auf der Bühne manche Sachen expliziter sagen kann als im Radio. Und hin und wieder gibt es musikalische Einschränkungen. Im SWR läuft das Stück zum Beispiel im Morgenmagazin – in einem musikalischen Umfeld mit viel Klassik. Deshalb weiß ich vorher schon, was nicht gehen wird.

Meier Zum Beispiel?

Pigor Ich wollte mal ein Stück zum Thema Frauenquote machen und das Ganze im Heavy-Metal- und Death-Metal-Sound parodieren. Ich wollte so richtig reindreschen: FRAUENQUOTÄÄÄÄ! FRAAA-UUUEEEEEN-QUOOOOOOOOOO-TÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄHHHHH!

Meier Wie haben die Redakteure reagiert?

Pigor Die haben gleich gesagt: „Ouh, also das lassen wir lieber.“ Und dann haben sie auch mit dem Altersdurchschnitt ihres Publikums argumentiert. Okay, kein Problem. Ich habe mir aber vorgenommen: Irgendwann mache ich diese Nummer noch.

Interview: Dimitri Taube (MEIER 8/2012)

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