Generationenroman von Martin Amis

Martin Amis rechnet mal wieder ab. Der 63-Jährige gilt als Nestbeschmutzer des britischen Literaturbetriebs. Sein Doku-Roman "Koba der Schreckliche" über Stalins Schreckensherrschaft sorgte für eine steife Brise im Literaturzirkuszelt.
Sein jüngster Roman "Die schwangere Witwe“"nimmt die Errungenschaften der sexuellen Revolution aufs Korn. Viel sei das nicht, meint Amis: Vater tot, das Kind der schwangeren Witwe noch nicht auf der Welt. Amis hat seinen Romantitel einem Essay des russischen Denkers Alexander Herzen entnommen. Der verbale Marketing-Trommelwirbel in Form des vorausgeschickten Satzes "Für dieses Buch werden mich die Feministinnen hassen" passt gut dazu.
Und der Roman? Ist anders als erwartet. Nämlich weitaus differenzierter, gar nicht mal so schrecklich bissig-boshaft, dafür ziemlich lustig, von einiger erzählerischer Raffinesse und nicht zuletzt auch dies: selbstironisch. Denn mit ein bisschen Fantasie mag man in Amis' Protagonisten Keith Hearing, einem 22-jährigen Bücherwurm, der Klassiker der englischen Literatur nach Sexstellen abgrast, den Autor selbst erkennen.
Älter geworden, erinnert sich Keith an den Sommer des Jahres 1970, den er gemeinsam mit Freundin Lily, Busenwunder Sheherazade und paar anderen im Urlaubsparadies Italien verbringt. Ein Sommer der Liebe, der endlich ausgelebten Triebe soll es werden. Und der zentrale Kniff von "Die schwangere Witwe" liegt eben darin, dass sich die angestauten Erregungen nur halbwegs und ziemlich ungelenk ausagieren lassen. Die gesellschaftlich gemachten Verkrampfungen sitzen tief. In der Trennung von Liebe und Sex, die sich damals durchzusetzen beginnt, stecke etwas Trauriges. Sie markiere den Beginn einer Pornografisierung der Welt: Keith ist ein Kulturpessimist. Amis mit Sicherheit auch.
[Michael Saager]
Martin Amis: Die schwangere Witwe. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Carl Hanser Verlag. 414 Seiten. € 24.90

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