Mannheims GMD und Wagners Ring
Die „Ring“-Regisseursfindung in Mannheim war ein Problem. Nachdem das Nationaltheater sich von Christof Nel getrennt hatte, inszeniert nun Altmeister Achim Freyer Wagners Tetralogie. Musikalisch ist das natürlich Chefsache. SPIELZEIT, der Kulturplaner von MEIER und LEO, sprach mit Dan Ettinger – nicht nur über Richard Wagner.
SPIELZEIT: Darf ein Israeli Wagner dirigieren?
Dan Ettinger: In Israel nicht. Deshalb versuchen wir israelische Dirigenten ja auch soviel Wagner wie möglich außerhalb von Israel zu spielen. Aber im Ernst: Diesem Wagnertabu in Israel gegenüber bin ich gespalten. Künstlerisch ist es nicht ok, die Musiker haben doch eine sehr große Lücke in der musikalischen Ausbildung und der Praxis, auch was das Durchhaltevermögen angeht. Und das gilt auch für das Publikum: Wagner live zu hören, ist ja etwas völlig anderes als auf CD. Aber dieses Tabu ist mehr Symbol als Realität. Und ich frage mich immer, warum Wagner nein, Mercedes, Grundig oder Volkswagen ja. Oder warum Wagner nein, aber Orff und Strauss ja. Als Holocaust-Überlebender der zweiten Generation akzeptiere ich aber natürlich die traumatischen Empfindungen, die viele immer noch haben.Und ich erfahre diese Ambivalenz natürlich auch selbst.
SPIELZEIT: Könnte diese Ambivalenz sich auf ihre musikalische Arbeit niederschlagen?
Ettinger: Nein, ich bin mit deutscher Kultur aufgewachsen. Deutsche Musik ist meine Natur, und dazu gehört auch Wagner. Vielleicht spielen diese Emotionen eine Rolle, aber ich glaube, dass man das trennen muss, genauso wie die Person Wagner und seine Musik.
SPIELZEIT: Was für ein Wagner-Sound schwebt Ihnen vor? Worauf legen Sie besonderen Wert?
Ettinger: Ich habe einmal fast einen Skandal ausgelöst, weil ich sagte: Ich möchte Mozart spielen wie Wagner und umgekehrt. Was ich meine ist: Ich möchte Wagner genauso klar spielen wie Mozart und Mozart mit der gleichen dramatischen Intensität wie Wagner. Es sind natürlich unterschiedliche Stile, aber sie kommen aus einer Wurzel. Das heißt für Wagner: klar, artikuliert, nicht zu schwer, aber auch nicht zu dünn, und schon nicht fettarm – soweit das überhaupt möglich ist, hier die richtige Mischung zu finden.
SPIELZEIT: Dynamisch gehen Sie ja sehr in die Extreme, wie man bei Ihrem sinfonischen Ring, oder beim Lohengrin schon hören konnte ...
Ettinger: Ja, das mache ich generell. Auch bei Mozart. Denken Sie an seinen Brief, wo er klarmachte, wie wichtig ihm die dynamischen Extreme sind. Und von Mozart geht für mich eine direkte Verbindung zu Wagner.
SPIELZEIT: Wie schafft man es dann als Dirigent, die Sänger nicht zuzudecken, sie nicht zum Brüllen zu bringen?
Ettinger: Das betrifft ja nicht nur Wagner. Generell ist das Orchester für mich nicht nur ein reines Begleitinstrument. Manchmal ist es ein weiterer Solist, und es ist ok, dass an bestimmten Gesamthöhepunkten die Sänger nicht mehr einzeln unterschieden werden können. Aber man muss das sehr spezifisch sehen. Rheingold hat ein anderes Klangbild als Walküre usw. Für mich muss es zwischen Bühne und Graben immer wieder flexible Verhältnisse geben. Das ist eine dynamische Sache, und man sollte sich davor hüten, diese Balance von Tonträgern her zu beurteilen. Natürlich versuchen wir, die Sänger nicht zu überdecken, aber nicht um jeden Preis. Manchmal ist das Orchester wichtiger.
SPIELZEIT: Das Orchester spielt den Ring ja im Schlaf – gibt es da vorgefasste Meinungen, gegen die Sie ankämpfen müssen?
Ettinger: Nein gar nicht. Das ist ja das Tolle: Mit diesem Orchester ist Wagner viel leichter, für mich einfacher z. B. als Mozart, für den es hier ja auch einen spezifischen Stil gibt. Da sind wir noch eher auf der Suche nach einem neuen gemeinsamen Weg. Bei Wagner gibt es hier diese Riesentradition, aber ich kann formen, balancieren, phrasieren, und dem Orchester manchmal ein anderes Klangbild oder einen neuen dramatischen Ansatz vermitteln.
SPIELZEIT: Nun inszeniert ja tatsächlich doch Achim Freyer den neuen Mannheimer „Ring“. Wie finden Sie das?
Ettinger: Ich bin natürlich fasziniert von dieser Persönlichkeit. „La Traviata“ in Herrn Freyers Mannheimer Inszenierung war ja mein Glücksstück – daraufhin wurde ich hier engagiert. Auch insofern gehe ich mit ganz viel guter Energie in dieses neue Abenteuer. Mehr kann ich momentan nicht sagen, wir haben ja noch gar nicht angefangen.
SPIELZEIT: Inwiefern haben Sie denn den Eindruck, dem Haus seit Ihrem Amtsantritt schon Ihren Stempel aufgeprägt zu haben?
Ettinger: Das ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall hat sich einiges in Sachen Energie, Stimmung, Vibrations geändert. Was genau, kann ich gar nicht klar bennennen. Ich bin ja Akteur und nicht Beurteilender. Was das Repertoire angeht, ist mein Einfluss sicherlich noch nicht besonders erkennbar, und bei Besetzungen – naja, wenn Sie sich Mozart anhören: recht groß besetzt – ist das natürlich ein Statement. Aber zwei Jahre sind nichts. In der ersten Spielzeit orientiert man sich, in der zweiten beginnt man ein bisschen zu gestalten. Von Anfang an wichtig war mir allerdings der neue Ring - das habe ich gepuscht. Denn wir hätten problemlos den alten Ring weiterspielen können. Und wichtig war und ist mir ein neuer Da-Ponte-Zyklus, aber die Produktionen sind noch sehr frisch – das werden wir noch sehen. Nach dieser „Zauberflöten“-Einstudierung möchte ich das allerdings noch mehr.
SPIELZEIT: Was werden Sie 2011/12 denn an Repertoire in Mannheim dirigieren? Nach welchen Kriterien entscheiden Sie das?
Ettinger: Zuerst ist das eine Frage der Koordination zwischen meinem Kalender und der Mannheimer Disposition. Wenn ich mit einem Stück gastiere, ist es natürlich sinnvoll, es vorher auch in Mannheim zu dirigieren. Es ist eine Mischung aus Sachzwängen, egositischen Wünschen und Ensemble- bzw. Orchesterinteressen. Kommende Spielzeit bin ich natürlich mit „Rheingold“ und „Walküre“ sehr beschäftigt, an Wiederaufnahmen mache ich „Figaro“, „Zauberflöte“, Onegin“, „Lohengrin“ und - neu für mich in Mannheim - „Der Liebestrank“.
SPIELZEIT: Sie wollen sich in Mannheim nach Wagner auch mit Richard Strauss beschäftigen. 2014 ist Strauss‘ 150. Geburstag – haben Sie auch deshalb bis dahin verlängert?
Ettinger: Nein, das Jubiläumsjahr ist eher ein Bonus. Und wir wissen auch noch gar nicht, ob es Neuproduktionen gibt. Dafür aber richtige Wiederaufnahmen, intensiv geprobt, musikalisch quasi neueinstudiert. Das ist wieder ein egoistischer Wunsch von mir, aber es passt. Ich habe noch nie Strauss-Opern dirigiert und möchte mit Salome und Elektra anfangen, wenn es sich ergibt, kommt dann vielleicht auch „Die Frau ohne Schatten“.
SPIELZEIT: Wie sieht es denn momentan mit ihren anderen festen Stellen aus?
Ettinger: In Tokio bin ich vier mal zehn Tage, und die Spielzeit läuft auch während unserer Ferien hier, was ganz praktisch ist. Israel Symphony habe ich sehr heruntergefahren, da mache ich jetzt nur noch drei Konzerte, nächste Spielzeit sogar ein Sabbatical. Aber die Planung läuft weiter über mich, da muss ich irgendwann vielleicht sagen: diese Verantwortung als Chef geht nicht mehr.
SPIELZEIT: Sehen Sie einen Unterschied in Ihrer internationalen Wahrnehmung seit Sie GMD in Mannheim sind? Tragen Sie quasi den Namen Mannheims in die Welt?
Ettinger: Ich denke schon. Die Leute registrieren das: „Ah, Sie sind Chef in Mannheim“. Das bedeutet schon etwas – was genau weiß ich nicht (lacht). Nein, das ist schwer zu sagen. Jedenfalls ist es nie negativ oder zynisch gemeint. Vielleicht denken die Leute eher: Aha, dann passiert doch was in Mannheim (lacht). Und manchmal wundern sie sich wohl auch, wie ich es schaffe, diese drei Stellen zu haben und trotzdem noch recht viel zu gastieren.
SPIELZEIT: Und wie schaffen Sie‘s?
Ettinger: Mit viel Physiotherapie (lacht). Aber es ist klar, dass ich mein ganzes Geld nicht in BMWs oder Gucchi investiere, sondern in First-Class-Flüge und –Hotels. Und ich versuche nicht nur soviel wie möglich nach Hause – also momentan nach Mannheim – zu kommen, sondern auch für möglichst lange Perioden. Für unsere zwei Ring-Spielzeiten habe ich z. B. viele Gastdirigate nicht angenommen. Manchmal bin ich hier für eine Neueinstudierung aber auch zu wenig präsent. Das war ein bisschen so beim „Lohengrin“. Da habe ich jetzt gelernt, dass das ein Problem sein kann. Aber es ist schon schwer, nein zu sagen, wenn München, Wien oder die Met anrufen.
Interview: Ingo Wackenhut (SpielZeit 9/2011)
Nationaltheater Mannheim
Rheingold: Premiere am 28.10.2011
Die Walküre: Premiere am 25.3.2012




