Der Musikplauderer im MEIER-Exklusivinterview
Herbstzeit, Enjoy-Jazz-Zeit. Schöne Routine: Auch Roger Willemsen war wieder in der Stadt – und hatte einige seiner Lieblingsjazzplatten im Gepäck. Zu erzählen hat der leidenschaftliche Mann ja ohnehin immer etwas. Eine sichere Nummer also. Bereits zum fünften Mal hieß es „My Favourite Things“. Mehr braucht man nicht zu wissen. Nur etwas Zeit sollte man mitbringen, denn als improvisierender Erzähler geht Willemsen gerne einmal in der Verlängerung. MEIER hatte schon mal vorab in Hamburg angerufen, um zu fragen, was Roger Willemsen ins Delta lockt.
Meier Roger Willemsen, Sie sind mittlerweile wirklich ein alter Enjoy-Jazz-Hase. Bereits zum fünften Mal heißt es am 4. November in der Alte Feuerwache „My Favourite Things“. Die Veranstaltung ist legendär, dauert für gewöhnlich bis spät in die Nacht. Was ist für das Publikum daran interessant, das man sich Geschichten zum und vom Jazz derart ausführlich erzählen lässt?
Willemsen Völlig legitime Frage. Das Kuriose ist, dass die Sache wie ein akustischer Diavortrag begonnen hat. Mir schien es sehr fraglich, ob die Leute sich auf diese Weise auf‘s Hören vorbereiten wollen. Oder sich gar zu einem veränderten Hören inspirieren lassen. Dann hat sich aber herausgestellt, dass die atmosphärische Verdichtung an einem solchen Abend ganz erstaunlich ist. Die Leute schließen die Augen, legen den Kopf zurück, sind von höchster Aufmerksamkeit. Als ich beim ersten Mal nach drei Stunden aufhören wollte, wurde ein „Weiter!“ gefordert. Wie Kinder, die noch nicht ins Bett wollen.
Meier Was ist wichtiger: Willemsen oder die Musik?
Willemsen Die besondere Qualität der ausgewählten Stücke prägt den Abend. Es sind ja wirklich my favourite things. Die Geschichten, die ich dazu erzähle, sind nicht musikgeschichtlich oder -theoretisch. Sondern erzählen von der Entstehung der Musik, von der mit ihr verbundenen Gefühlswelt. Wie entsteht diese Musik, wo will sie hin?
Meier Es scheint da ja ein echtes Bedürfnis nach Erzählungen zu geben. Der Schriftsteller und Musiker Thomas Meinecke lädt auch regelmäßig andere Menschen ein, sich gegenseitig Lieblingsmusik vorzuspielen und darüber zu reden. Hat das vielleicht etwas damit zu tun, dass die heutige Radio-Landschaft nur noch selten und ungern über Musik redet, man sich Wissen und Anekdoten anderswo besorgen muss?
Willemsen Völlig richtig! Der Hörfunk ist heutzutage nicht nur formatiert, sondern auch extrem standardisiert, was die Aufbereitung von Musik angeht. Diese Floskelhaftigkeit ist nicht mehr persönlich erfahrbar. Thomas Meinecke lebt ja seit mehreren Jahrzehnten seine Liebe zur Musik aus, da entsteht dann ein Fluidum der Leidenschaft, was sich auf das Publikum überträgt. Mir hat einmal eine Freundin, die sich nicht für Jazz interessiert, gesagt, als ich über ein Stück erzählte: „Ich wollte, ich könnte mit deinen Ohren hören!“ Mir geht es genauso, wenn ich höre, wie ein Fußball-Trainer ein Spiel oder eine Spielsituation analysiert. Ich wünschte, ich sähe, was der sieht. Wenn man also eine besonders artikulierte Weise wählt, kann man tatsächlich einen Weg bahnen.
Meier Geben Sie mal ein Beispiel!
Willemsen Gut. Ich habe einmal ein spätes Lester-Young-Stück geschrieben ... (lacht) ... oh, mein Gott! ... gespielt, natürlich. Das Stück ist dermaßen kaputt, schleppt sich von Intervall zu Intervall. Kaum auszuhalten, aber eben auch das Protokoll einer Leidensgeschichte. Wenn man das als easy listening hört, wird man keinen Zugang dazu finden. Aber wenn man erklärt, dass hier ein großer, aber zerstörter Musiker in gewisser Weise Abschied von der Musik nimmt, dann berührt das die Leute entschieden. Es ist eine andere Form des Hörens.
Meier Wie stellen Sie sich ihr Publikum vor? Als Jazz-Kenner oder als Jazz-Novizen?
Willemsen Natürlich sehe ich im Publikum die bärtigen Studienräte, die im Hobbykeller Pfeife rauchen. Aber ich sehe auch sehr viele Leute, die man bestenfalls als „musikaffines Publikum“ bezeichnen kann. Ich kann nicht davon ausgehen, dass die zuhause Jazz hören. Aber Namen wie Charlie Parker oder Miles Davis setze ich schon voraus. Ich muss ja irgendwo einsetzen. Aber am schönsten wäre es, ginge es voraussetzungslos. Natürlich braucht man nicht zu wissen, wer Charlie Parker war. Aber man braucht einen Zugang zur Rasanz seines Stückes.
Meier Also improvisieren Sie selbst auch?
Willemsen Sehr viel sogar! Ich bereite keine Texte vor, sondern mache mir maximal Stichworte. Ich lese nicht, sondern ich erzähle. Also muss ich gut vorbereitet sein.
Meier Als doch schon regelmäßiger Gast bei Enjoy Jazz - entwickelt man da ein spezielles Gefühl des Irgendwie-schon-dazu-Gehörens?
Willemsen Doch, doch! Meistens versuche ich schon auch noch das eine oder andere Konzert mitzunehmen. Das klappt nicht immer, aber es waren schon richtige Sternstunden dabei. Charlie Haden und Brad Mehldau oder Ornette Coleman. Was für das Festival sehr wichtig ist, ist, dass Rainer Kern eine klare Konzept-Idee hat. Gucken Sie sich mal das Programm 2011 an! Sonny Rollins, The Pyramids, Nils Petter Molvaer, Charles Bradley – große Namen und Grenzbereiche zugleich. Da werden neue Stile jenseits des Straight-Ahead-Jazz erkundet, Geburtsprozesse begleitet und gleichzeitig Traditionen verehrt. Wohnte ich in Mannheim, säße ich bestimmt an jedem zweiten Abend im Publikum!
Meier Nun sind Sie ja recht häufig in Mannheim, weil Sie auch noch in Sachen Literatur engagiert sind. Wie schätzen Sie das Kulturprogramm in der Metropolregion ein?
Willemsen Wissen Sie, ich bin in den letzten Jahren in keiner anderen Stadt so regelmäßig wie in Mannheim. Und werde stets aufs Neue mit einem bleibend enthusiastischen Publikum konfrontiert. Man sagt immer, man solle sich möglichst rar machen. Aber in Mannheim könnte ich, glaube ich, mehrmals im Jahr auftreten und die Feuerwache voll machen. Da ist schon erstaunlich.
Meier Haben Sie eine Erklärung dafür?
Willemsen Ich denke, es könnte damit zu tun haben, dass die Stadt so lange einen Kulturbürgermeister hatte, der jetzt Oberbürgermeister ist. Vielleicht resultiert daraus eine Empfindlichkeit für das Kulturleben. In Mannheim habe ich viel seltener als in vielen anderen Städten das Gefühl, dass die Kultur bloß einen dekorativen Zweck erfüllt. Ich treffe Peter Kurz immer wieder in Veranstaltungen von mir - oder wir treffen uns bei Sponsorentreffen - und kann deshalb sagen: Der Mann ist, was Kultur angeht, ein Überzeugungstäter. Das hat nichts mit Parteipolitik zu tun. Außerdem hat Mannheim ein ganz besonderes, herzlich-raues Klima. Es gibt Milieus, unterschiedliche soziale Schichten und Ethnien, die präsent sind und auf frische Weise Austausch treiben. Wenn eine Stadt nicht snobistisch ist und keinen Glashaus-Kulturbegriff inklusive „Betreten verboten!“-Schildern hat, dann ist es Mannheim.
Meier Würden Sie ein Konzert aus dem diesjährigen Enjoy-Jazz-Programm persönlich empfehlen?
Willemsen Schon den Abend mit Sonny Rollins. Das ist ja einer der letzten überlebenden Giganten des Jazz. Ihn noch einmal live zu erleben, hat schon fast eine historische Dimension. Außerdem verdanke ich Sonny Rollins zwei der herausragenden Konzerterlebnisse meines Lebens. Das sollte man nicht verpassen!
Meier Meines Wissens ist das Konzert bereits ausverkauft.
Willemsen Es wäre eine Schande, wäre es nicht ausverkauft.
Meier Kultur als integraler Bestandteil von Stadtentwicklung funktioniert in Mannheim?
Willemsen Meines Erachtens ganz großartig. Vielleicht sollte man der Stadt noch etwas mehr Selbstbewusstsein wünschen, mit diesem Pfund zu wuchern.
Meier Eine letzte persönliche Frage noch. Angesichts der Vielzahl Ihrer Projekte: Wie organisieren Sie das alles?
Willemsen Ich habe das große Glück, nur Sachen zu machen, die ich mit Leidenschaft und Enthusiasmus machen kann. Das macht es wirklich leicht. Ich mag das nicht einmal „Arbeit“ nennen.
Interview: Ulrich Kriest




