MEIER-Interview mit der Mannheimer Kulturamtsleiter Sabine Schirra

Seit etwa vier Jahren geistert die Idee eines Produktionszentrums für freies Theater, Tanz, Performance und angrenzende Bereiche durchs Delta. Im April beriet der Mannheimer Kulturschuss das Projekt, im August kam es zu ersten öffentlichen Kontroversen. MEIER hat sich zum Stand der Dinge mit der Mannheimer Kulturamtsleiterin Sabine Schirra unterhalten.

Meier Wie kam eigentlich das Projekt eines Zentrums der darstellenden Künste auf die städtische Agenda?

Sabine Schirra Am Anfang stand einerseits die Überlegung, wie wir die Künstler und Künstlerinnen hier in Mannheim angemessener fördern können. Das hatte weniger mit einem Zentrum zu tun, als damit, wie wir unsere Richtlinien so verändern können, dass wir den Künstlern besser gerecht werden. Danach gab es viele Gespräche mit den Künstlern über ihre Bedürfnisse: Ateliers und Ausstellungsmöglichkeiten für die bildenden Künste, aber auch Räume für die Darstellenden Künste und Performing arts, weil wir u.a. bei „Wunder der Prärie“ gesehen haben, wie schnell man da an Grenzen stößt. Der andere Strang steht im Zusammenhang mit der Kulturhauptstadtbewerbung: Wir hätten gern öfter internationale Gäste hier, für die wir auch ein interessanter Koproduktionspartner sein könnten. Diese losen Enden kulminierten in der Idee eines Zentrums der darstellende Künste, das eine ganze Reihe von Forderungen und Erwartungen von unterschiedlichen Seiten gut bedienen könnte. Und es sollte eben nicht so ausgelegt sein, dass es nur den aktuellen Bedarf befriedigt, sondern Entwicklungspotenzial haben.

Meier Was ist eigentlich freie Szene?

Schirra Der Begriff ist ja nicht geschützt. Ich denke wir reden auf der einen Seite von Schauspielern, Tänzern oder Regisseuren, die hier leben und keine eigene Bühnen haben. Dann gibt es Produktionen oder Formate, die beispielsweise das Tig7 oder das Felina-Theater erproben wollen, die aber räumlich dort nicht zu machen sind. Und es geht natürlich um Künstler, die wir gern einladen würden - in Form von Residencies oder Koproduktionen. Das ist für mich bezogen auf ein Produktionszentrum die freie Szene. Selbstverständlich gibt es auch das Oststadttheater mit seinem unbestrittenen Raumbedarf oder die Freilichtbühne. Das ist aber eine andere Kategorie: Sie bespielen ihre jeweiligen Häuser, und ich sehe sie deshalb nicht in einem solchen Zentrum, das einzelnen Gruppen sicher nicht auf Dauer Theaterräume zur Verfügung stellen wird.

Meier Wie wollen Sie denn mit den sehr divergierenden Einzelinteressen der Szene umgehen?

Schirra Es wird nicht so sein, dass wir alle Wünsche erfüllen können, aber wir haben in Workshop-Runden mit den Theatern über ihren Bedarf gesprochen, und daraus werden wir destillieren was für ein Zentrum relevant ist - und das dann auch noch einmal zurückspiegeln. Es gibt also einen geregelten Dialog zumindest mit den Mannheimer Akteuren. Aber es geht nicht nur um Mannheim oder die Metropolregion. Wir reden über einen attraktiven Standort für den ganzen Südwesten.

Meier Einige Akteure aus der Szene haben ein Problem mit dem Modell einer künstlerischen Leitung? Wie kann gewährleistet werden, dass ein Haus sich überregional profiliert und gleichzeitig den Bedürfnissen der Theaterleute vor Ort Rechnung trägt?

Schirra Das wird schwierig sein und sicher auch zu Problemen führen. Ich könnte mir Folgendes vorstellen: Wir beschreiben das Haus, die Funktion und die Ziele. Dieser Rahmen ist die Grundlage der Ausschreibung für eine künstlerische Leitung und Vertragsbestandteil. Innerhalb dessen ist der oder die aufgefordert, mit den eigenen Kompetenzen und Netzwerken das Haus zu befüllen. Nach zwei bis drei Jahren werden wir dann sehen, ob sich unsere Vorstellungen umsetzen lassen und gegebenenfalls nachjustieren. Die Leitung müsste natürlich auch weit im Vorfeld mit den Theatern und Künstlern die Planung besprechen. Hier wird es um Sensibilität, Glaubwürdigkeit und Kommunikationsfähigkeit gehen. Wir konnten ja zum Beispiel auch bei der Feuerwache sehen, wie sich ein Haus profilileren lässt, wenn es Leitlinien gibt, was man mit einem Haus will. Dazu gibt auch noch Abstimmungsbedarf mit dem Land, das in seiner Kunstkonzeption gesagt hat, dass es sich einen solchen Ort in Baden-Württemberg vorstellen kann - und wer als erster den Finger hebt, der hat gute Chancen.

Meier Gibt es momentan noch andere Berwerber?

Schirra So weit ich weiß, nicht offizieller Art, aber es gibt in anderen Städten durchaus Überlegungen. Wir müssen da in überschaubarer Zeit zu einem Ergebniss kommen, weil sonst möglicherweise der Zug an uns vorbeifährt. Und das fände ich ausgesprochen schade. Das Land hatte ja schon einen Zuschuss für die Investition und den laufenden Betrieb in Aussicht gestellt.

Meier Im Dezember werden Sie dem Kulturausschuss erste Ergebnisse in Sachen potenzielle Räume vorstellen. In welche Richtung gehen die Recherchen?

Schirra Wir haben über zehn mögliche Standorte andiskutiert, die von der Bauverwaltung nach bestimmte Parametern geprüft werden, so dass wir dann drei bis vier haben, bei denen es sinnvoll ist, nochmal intensiver hinzuschauen. Da spielen ja außer der puren Eignung so viele Faktoren mit: die Eigentumsfrage, baurechtliche Dinge ...

Meier Wie ist dann das weitere Prozedere?

Schirra Immer vorausgesetzt die Politik findet das Ganze sinnvoll, wäre es wünschenswert, dass wir im nächsten Doppelhaushalt 2012/13 die Mittel für eine externe Machbarkeitsstudie für ein bis zwei potenzielle Standorte haben. Parallel müssten die Struktur, Betreibermodelle usw. besprochen werden, so dass wir in den nächsten zwei Jahren wissen, welche Fläche, mit welcher Struktur und welchen Inhalten in Frage kommt. 2014/15 könnten wir dann Mittel einstellen und konkret anfangen.

Meier Das heißt, wir könnten theoretisch 2015 schon Eröffnung feiern?

Schirra Vielleicht eher 2016. Das wäre jedenfalls meine Idealvorstellung. Mit Blick auf die Kulturhauptstadt – so Mannheim das werden sollte – hätte man dann auch noch genug Zeit, das Modell auszuprobieren. Ich weiß, hier sind viele Fragezeichen. Aber das ist auch das Spannende an so einem Prozess.

Meier Inwieweit kann denn der Landesverband freier Theater sich für das Zentrum engagieren?

Schirra In zweierlei Hinsicht: Schwerste Lobbyarbeit betreiben,was er auch schon tut, weil der Vorstand sich das in Mannheim sehr gut vorstellen kann. Zum zweiten durch Förderung die hiesige Szene so zu unterstützen, dass sie vor Kreativität nur so birst und kracht.

Meier Könnte durch die verschiedenen Fördermöglichkeiten das Budget für das reine Programm dann eher bescheiden sein?

Schirra Eigentlich ja, denn es gibt so viele Möglichkeiten der Kofinanzierung, an die wir im Moment gar nicht herankommen: EU-Programme, Nationales Performancenetzwerk usw. Man würde ja auch für Koproduktionen mit dem Ausland interessanter werden.

Meier Ein Problem in Mannheim ist ja, dass der Kulturetat ganz überwiegend durch die Leuchttürme Nationaltheater etc. verplant ist. Das Zentrum könnte ein weiterer „Leuchtturm“ werden. Wie kann man vermeiden, dass den kleinen Lichtern, sprich, den freien Gruppen und Spielstätten der Strom abgedreht wird?

Schirra Jedes der kleinen Theater hat ja sein eigenes Profil und dafür eine Spielstätte und würde wohl nur ausnahmsweise im Zentrum spielen. Aber Konkurrenzsituationen wird es immer geben. In meinen Augen geht es eher darum, wie wir neue Publikumsschichten gewinnen. Mit dem Verschwinden des klassischen Bildungsbürgers und der veränderten Nutzung von Kulturangeboten stehen wir ohnehin vor einer großen Herausforderung.

Meier Aber es geht ja nicht nur um die Mannheimer Akteure ...

Schirra Ja, ganz wichtig sind Künstleraustausch, Residencies, spannende Leute, die man hier kennenlernen kann u.ä., mit Hilfe von Förderprogrammen, auf die wir momentan kaum einen Zugriff haben. Und es ist erstaunlich: Schon jetzt melden sich viele Künstler von außerhalb, die davon gehört haben, dass hier etwas Besonderes passiert. Wenn von ihnen einige nach Mannheim kämen, würde die Szene hier insgesamt verbreitert und gestärkt – und es könnten sich noch ganz andere Dinge entwickeln. Bei der Popmusik ist das ja auch passiert.

Interview: Ingo Wackenhut (MEIER 11/2011)

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