Die Starsopranistin im MEIER-Exklusivinterview
Die geborene Leipzigerin gehört inzwischen zu den gefragtesten Sopranistinnen unserer Zeit – und das obwohl (oder weil?) sie sich hauptsächlich mit barockem Repertoire beschäftigt. Das (und natürlich auch vieles andere) macht sie mit überschäumender Energie, im Gesang wie in der „Performance“. Grund genug für die Schwetzinger Festspiele, sie im Rahmen des Schwerpunkts „ „Frauenpower – Powerfrauen“ erneut einzuladen - und für MEIER mit der „Queen of Baroque“ zu telefonieren.
MEIER: Frau Kermes, inwiefern sind Sie eine Powerfrau?
Simone Kermes: Naja, das sagen natürlich immer die andern. Ich hatte gerade Premiere als Armida in Köln, und die Rolle muss man ja als Wahnsinnsweib spielen und singen. Da kommt dann schon mal jemand bei der Premierenfeier aus dem Publikum zu meinem Mann und fragt ihn: „Wie halten Sie denn das aus?“ Dabei ist es natürlich immer etwas anderes, was man auf der Bühne macht und was privat. Mein Temperament ufert allerdings wirklich manchmal dermaßen aus, dass ich versuchen muss, es in Kontrolle zu halten. Was ich aber liebe und auch in der Musik versuche zu geben, ist Energie. Ohne positive Energie läuft gar nichts, durch sie kann ich das Publikum berühren und inspirieren. Schlägt der Funke über, dann explodiert förmlich alles, und alle Menschen, die Seelen , sind mit dir eins. Das sind die Sternstunden eines Künstlers.
MEIER: Was sind Sie denn für ein Tierkreiszeichen?
Kermes: Ich bin Stier, aber mein Aszendent ist Zwillinge. Ich hänge sozusagen zwischen Erde und Luft. Ich hebe manchmal ab, wenn ich singe und falle auch wieder auf die Erde, wenn ich beispielsweise zu Hause die Toilette putze, und das ist auch gut so. Ich merke, dass sich im Laufe meines Lebens das vielleicht etwas Engstirnige und Sture des Stiers eher zum Zwilling hin entwickelt.
MEIER: Ihre Karriere hat sich erstaunlich stabil und folgerichtig entwickelt. Irgendwann scheint aber doch ein Punkt gekommen zu sein, an dem sich etwas gravierend änderte: Sie wurden von der hervorragenden Sängerin zum Star. Wie stellt sich dieser „Aufstieg“ für Sie dar?
Kermes: Ich kann dazu nur sagen, dass ich darüber ungeheuer glücklich bin, weil sehr viel, wofür ich so hart gearbeitet habe und auch gekämpft habe – ich bin ja schon eine Kämpfernatur – sich so wunderbar entwickelt hat. Mein Traum ist sozusagen in Erfüllung gegangen. Aber ein Selbstläufer kann so ein Erfolg ja auch nur sein, wenn die Qualität stimmt. Es nützt nichts, wenn man gepuscht wird, und dahinter steht keine wahrhafte Person mit Charakter, die auch authentisch und ehrlich ist. Es gehört aber natürlich ein gewisses Glück dazu, dass man bestimmten Leuten begegnet, mit denen man musikalisch durch dick und dünn gehen kann.
MEIER: Wen meinen Sie konkret?
Kermes: Zum Beispiel Claudio Osele, mit dem ich seit vier Jahren zusammenarbeite, seit unserer CD „Lava“, die ja dermaßen reingehauen hat. Darauf folgte die zweite CD „Colori d amore“, mit der wir anfangs des Jahres auf großer Deutschlandtournee waren. Oder Teodor Currentzis, mit dem ich in Moskau „Don Giovanni“ gemacht habe und vieles mehr, der mich sehr inspiriert. Ich bin jetzt endlich in der Situation, das zu machen, was mich künstlerisch interessiert. Das ist fantastisch. Und es war bzw. ist ein ehrlicher Weg. Das merkt glaube ich auch das Publikum.
MEIER: Ihre Opernauftritte sind recht rar geworden, dieses Jahr nur Händels „Rinaldo“ in Köln, wenn ich recht informiert bin. Ist das Theater willkommene Abwechslung für Sie oder brauchen Sie die Bühne in gewisser Weise auch?
Kermes: Naja, vielleicht eher umgekehrt. Ich frage mich immer, was kann ich tun, um etwas zu verändern, um da einen frischen Wind reinzubringen. Aber das ist auch ein Kampf, die Oper ist ein Riesenbetrieb, wo man als einzelner Sänger wenig bewegen kann. Mit Currentzis mache ich demnächst Mozart in Russland. Er hat mir versprochen, die Oper so zu machen, wie es im Libretto steht, also wie original zu Mozarts Zeiten. Dazu wird natürlich auf hohem Niveau gespielt und gesungen, mit historischen Instrumenten und schönen Kostümen. Ich finde oft, dass die Regisseure und Dirigenten keine Ideen und kein Handwerk mehr haben. Meistens ärgere ich mich, wenn ich Oper mache. Irgendwo hapert’s immer, und ich habe dann das Gefühl: Die stehlen meine Zeit. Also: Oper ist schon eine schöne Abwechslung, aber ich mache lieber CDs, liebe es, im Studio perfekt zu arbeiten und neue Sachen zu entdecken, und natürlich Konzerte, wo ich selbst der Boss bin und mit den Musikern gemeinsam bestimme, was wir machen. In der Oper bin ich manchmal ehrlich gesagt ein bisschen unterfordert. Die Musik, die an erster Stelle steht , wird nicht ernst genommen.
MEIER: Ihr einziges Festengagement war in Koblenz …
Kermes: Ja, und das war schon eine tolle Zeit, ich habe Superpartien gesungen, habe gelernt, wie Theater funktioniert, und man hat auch angefangen, sein Fach zu finden. Das geht ja heute schon fast nicht mehr. Die Chefs, die da heute sitzen, haben keine Ahnung mehr. Man wird nicht mehr im Ensemble entwickelt. Und dann spielt es eine Riesenrolle, wie man aussieht: Wenn man zu fett ist, geht das schonmal gar nicht – außer bei Wagner natürlich, bald aber auch da nicht mehr. (lacht).
MEIER: Sie sind nicht das erste Mal in Schwetzingen zu Gast. Was bedeuten Ihnen die Festspiele?
Kermes: Sehr viel, denn ich habe oft bei den Festspielen gesungen. Also Schwetzingen hat meine Entwicklung sehr gefördert und mich begleitet. Ein Wermutstropfen, was ein Sänger zu bemängeln hat, ist die trockene Akustik im Rokokotheater. Was ich natürlich mit Schwetzingen noch verbinde, ist der wunderbare Spargel, der schöne Park und das tobende Publikum.
MEIER: Diesmal singen Sie Weill, Eisler und Hindemith. Spielt Ihre „Band“, wie Sie sie manchmal nennen, die Le Musiche Nove, da auch auf alten Instrumenten?
Kermes: Ja, allerdings nicht mit Cembalo, sondern mit Klavier und Orgel und einem Pianisten, der mehr aus dem Jazz kommt. Wir haben das Programm schon in Spanien gemacht, und es ist sehr gut angekommen, obwohl dort wenige Menschen Deutsch verstehen. Ich liebe diese Texte, diesen Expressionismus und meine Gefühle sind so stark und tief, dass ich mich in diese Zeit zurückversetzt fühle, also falls ich schon mal auf der Welt war, dann war es in den 30er Jahren. Diese Zeit mit ihrer Musik liegt mir sehr am Herzen. Und ich finde es gut, das mal nicht von Schauspielern zu hören.
MEIER: Können Sie sich denn sängerisch da überhaupt genügend austoben?
Kermes: Es geht hier nicht in erster Linie um die sängerisch Leistung, man muss schon auch als Schauspieler und Interpret funktionieren. Nummer eins ist hier der Text - und es ist ungeheuer viel Text.
MEIER: Sie sind Ihrem Fach bis jetzt erstaunlich treu geblieben. Als hoher Sopran kann man alt werden (siehe Gruberova), muss es aber nicht. Wo sehen Sie sich in diesem Zusammenhang in zehn Jahren?
Kermes: Was wollt ihr denn immer mit diesen zehn Jahren? Da sitz ich hier auf meinem Balkon bei meinen Kräutern … (lacht)
MEIER: … kochen viel und machen manchmal Karaoke …
Kermes: Genau. Aber im Ernst: Ich möchte jetzt erstmal unser drittes Album mit Claudio aufnehmen, wird nächstes Jahr erscheinen, dazwischen noch viele andere Projekte, und in nächster Zeit werde ich mich mit dem Belcanto beschäftigen, ich denke da ist noch viel zu machen, auch mit historischen Instrumenten. Belcanto fängt im Barock an, Rossini und Co sind ja nur der Rattenschwanz, also wenn man das Können, die Gesangstechnik gepaart mit der Virtuosität hat, ist es ein Leichtes Belcanto zu singen. Es ist viel einfacher als Mozart (lacht), und man hat Riesenerfolg (lacht). Wir werden mal sehen, wie das dann weitergeht. Auf jeden Fall möchte ich noch viele Platten machen. Ansonsten komme ich immer mehr davon weg zu planen. Mich nervt das schon, wenn Leute sagen, willst du das in 2014 machen und dann das … Ich weiß doch heute nicht, ob ich das dann noch singen will. Ich bin jemand sehr Spontanes, und ich sehe auch, dass kurzfristig immer noch ganz andere Sachen kommen, als wenn du total verplant bist. Mir machen so langfristige Planungen eher Angst.
MEIER: Aber es gibt konkrete Opernpläne …
Kermes: Ja sicher, aber nicht so jetsetmäßig, heute hier morgen da. Ich finde auch, in der Oper verbrüllt man sich viel mehr. Die Stimme wird nicht geschont, das ist ein tierischer Verschleiß. Konzerte sind sicher gesünder für die Stimme. Andererseits: Man bewegt sich mehr und wird nicht so fett, weil man ja noch in die Kostüme reinpassen muss (lacht). Das ist vielleicht nicht schlecht. Oper konzertant mache ich aber sehr gern, nächstes Jahr an der Deutschen Oper Berlin z.B. „Candide“ von Bernstein.
MEIER: Bellini & Co. kommt dann auch eher konzertant?
Kermes: Es gibt einige Solo-Gala-Konzerte u. a. nächstes Jahr am 1. Juni im Festspielhaus Baden- Baden und noch bei diversen Festivals. Natürlich auf historischen Instrumenten.
MEIER: Zurück zur Bühne: Gibt es Regisseure, die Sie so interessieren würden, dass Sie nicht absagen?
Kermes: Es gibt auf jeden Fall einige, die ich gut finde: Peter Konwitschny, Georges Delnon oder Tilman Knabe. Mit dem habe ich in Stuttgart die „Fledermaus“ gemacht. Der ist natürlich sehr skandalmäßig. Er hat doch jetzt auch in Mannheim was inszeniert …
MEIER: Jaja, Lohengrin, der Mannheimer Opernskandal des Jahrzehnts. Ich fand’s großartig, vom Kopf auf die Füße gestellt, die Mannheimer Wagnerianer waren sauer ...
Kermes: Jedenfalls, Tilman Knabe finde ich gut, der ist authentisch und arbeitet richtig hart mit den Sängern, der ist ein Künstler, der lässt sich nicht beeinflussen, egal, ob er wieder engagiert wird oder nicht. Mir gefallen Leute, die zu ihrer Sache stehen, die mit dir arbeiten, dich akzeptieren, dich in ’ne Rolle setzen und richtig führen, die Visionen und Fantasie haben. Personenregie - ein Wort das nicht mehr existiert. Was ist der Kontext? Viele Regiesseure kennen garnicht das Wort - Tilman weiß, wovon ich rede. Trotz alledem höre ich nicht auf zu träumen und zu hoffen und zu reden und zu kämpfen und zu lieben - für die Musik - und ich wünsche es mir, dies mit vielen Menschen zu teilen.
Interview: Ingo Wackenhut (MEIER 6/2011)




