Der Titanic-Ex-Chefredakteur im exklusiven MEIER-Interview

Er macht schon lange Satire. Für „Titanic“, „Spiegel online“, das ZDF. Bekannt ist Martin Sonneborn aber auch als Chef der Partei „Die Partei“, gegründet 2004 von Titanic-Redakteuren. Im März kommt der 45-Jährige nach Mannheim, mit dem Programm „Krawall und Satire“. Im MEIER-Interview spricht er über sein Verhältnis zu Mannheim, die deutsche „Zweiheit“ und das ZDF.

MEIER: In Mannheim waren Sie zuletzt im vergangenen Jahr. Wie hat Ihnen die Stadt gefallen?

Martin Sonneborn: Besonders gut gefallen hat mir, dass ich am nächsten Tag wieder abreisen durfte.

MEIER: War es so grausam?

Sonneborn: Es gibt sicher schönere Städte als Mannheim. Außerdem bin ich sehr enttäuscht, dass Oberbürgermeister Peter Kurz immer noch kein Partei-Mitglied ist.

MEIER: Sie meinen „Die Partei“, gegründet im Jahr 2004 von Redakteuren des Satiremagazins Titanic. Sie sind der Bundesvorsitzende. In Mannheim haben Sie nicht gerade viele Mitglieder. Woran liegt's?

Sonneborn: Die Gemüter der Mannheimer sind offenbar resistent gegenüber kleinen, populistischen Parteien. Das ist schade.

MEIER: In Baden-Württemberg findet im März eine Landtagswahl statt. Wie stehen die Chancen?

Sonneborn: Ganz gut. Wir haben ein eindrucksvolles Konzept, das wir „Stuttgart 21“ entgegensetzen: die Partei-Vision „Stuttgart 45“. Das kann sich jeder von den Großeltern näher erläutern lassen. Die wissen Bescheid.

MEIER: Was sagen die Wähler dazu?

Sonneborn: Das Konzept bringt uns große Sympathien. Überall in Baden-Württemberg. Eigentlich in ganz Deutschland. Außer in Stuttgart.

MEIER: Wie sieht es bundesweit aus? Bei der Wahl 2009 gab es für Ihre Partei Probleme.

Sonneborn: Wir sind nicht zugelassen worden – von einem irren Bundeswahlleiter mit CDU-Parteibuch. Deshalb haben wir die Bundestagswahl angefochten und vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt. Ein renommierter Berliner Rechtsprofessor hat die Klage formuliert. Insofern verspreche ich mir da eine gewisse Wirkung.

MEIER: Sie hoffen auf baldige Neuwahlen?

Sonneborn: Wir spekulieren darauf, dass es noch dieses Jahr dazu kommt. Auch die Baden-Württemberger und Mannheimer können dann ihren furchtbaren Fehler korrigieren und müssen nicht noch mal FDP wählen.

MEIER: Am 13. März treten Sie im Schatzkistl auf. Das Programm heißt „Krawall und Satire“. Sie sprechen aber nicht nur über Ihre Partei, sondern lesen auch aus Ihrem Buch „Heimatkunde“ und zeigen Filmausschnitte.

Sonneborn: Heute muss man visuelle Reize setzen. Also gibt es lustige Einspielfilme; für Jugendliche, die einer Lesung nicht zehn Minuten am Stück folgen können.

MEIER: Über das Buch „Heimatkunde“ hat der Berliner Kurier geschrieben: „Üble Ossi-Hetze! Wie kann ein Mensch die Ossis nur so hassen?!“ Sie haben mal gesagt, die Schlagzeile sei unberechtigt. Aber Sie haben durchaus ein spezielles Verhältnis zu den Ostdeutschen, oder?

Sonneborn: Natürlich. Wir von Titanic haben schon seit 1989 ein besonderes Verhältnis zu Ostdeutschland. Das begann fünf Minuten nach dem Mauerfall. Seitdem setzen wir uns mit dem Thema „Deutsche Zweiheit“ auseinander – mit vielen Witzen, Titelbildern und Telefonaktionen.

MEIER: Sie fordern „die endgültige Teilung Deutschlands“ und wollen die Mauer zurück.

Sonneborn: Zu recht. Dieses Ost-West-Verhältnis hat überhaupt nichts mit „Einheit“ zu tun. Das war lange ein Tabuthema, aber mittlerweile ist es offensichtlich, dass wir nicht ein Volk sind, wir und die da drüben. Wir sind die einzigen, die das immer offen angesprochen haben.

MEIER: Sie unterscheiden zwischen Leuten, die Ihre Witze verstehen, und solchen, die sie nicht verstehen. Wollen Sie die zweite Gruppe immer noch in den Osten umsiedeln, sobald es mit der Teilung klappt?

Sonneborn: Das ist einer der zentralen Programmpunkte der Partei. Ich rechne damit, dass sich dann auch viele Mannheimer plötzlich auf der falschen Seite der Mauer wiederfinden werden.

MEIER: Es heißt, Helmut Kohl – „der Kanzler der Einheit“ – sei eigentlich von Titanic in die Politik eingeschleust worden; damit er für satirisches Material sorgt. Gibt es auch im Moment so einen prominenten Mitarbeiter?

Sonneborn: Ich vermute, dass derzeit Guido Westerwelle auf der Gehaltsliste von Titanic steht. Er macht ja derart viel Unsinn – ich kann mir nicht vorstellen, dass dahinter ein ernsthaftes politisches Anliegen steckt.

MEIER: Sie selbst stehen seit 2009 auch auf der Gehaltsliste des ZDF und machen Reportagen für die Heute-Show. Manche der Filme fanden nicht alle lustig. Mit wem hatten Sie schon Ärger?

Sonneborn: Den gab es mal mit der Pharma-Industrie, der Präsident eines großen Verbandes musste nach einem Interview zurücktreten. Und einmal kam es zu Verstimmungen zwischen China und Deutschland. Die Folge war: Guido Westerwelle hatte bei einem Besuch in Peking nur sehr eingeschränktes Rederecht. Das ist ein Zustand, den wir auch in Deutschland und Europa herstellen wollen.

MEIER: Für einige Reportagen wurden Sie auch im ZDF kritisiert. Wollte der Sender Sie loswerden?

Sonneborn: Nein. Für alle, die den satirischen Bereich beobachten, ist es überraschend, dass sich das ZDF so eine komische und offensive Sendung leistet. Es gibt bestimmt Leute bei den Öffentlich-Rechtlichen, die uns gar nicht mögen. Aber den meisten gefällt, was wir machen.

MEIER: Wie viele Freiheiten haben Sie im ZDF?

Sonneborn: Sagen wir mal so: Es ist nicht ganz so frei wie bei Titanic – aber das ist die Satire nirgendwo. Im Großen und Ganzen dürfen wir machen, was wir wollen. Und 99 Prozent von dem, was wir machen, wird auch ausgestrahlt. Eigentlich ein erstaunliches Ergebnis für einen öffentlich-rechtlichen Sender.

Interview: Dimitri Taube

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