„Geh’ nie alleine in die Maria“, warnten mehrere voneinander unabhängige Quellen – also nehme ich einen Kumpel mit. Tatsächlich heißt die Kneipe „Gasthaus zur Bergstraße“, aber so nennt sie keiner. Maria Pellegrinon gehört der Laden – und zwar seit 1970. Um Marias Gaststätte wabern sagenhafte KleinstadtMythen. Zum Beispiel die über den Philosophieprofessor, der hier gerne mit Obdachlosen über den Sinn des Lebens diskutierte. Oder die vielen über Mister Siggi, der immer da ist und meistens Schach spielt. Als wir reinkommen, sind beide nicht da, die Besitzerin auch nicht, „Immer nur tagsüber“, erzählt die Bedienung, eine lustige Mittfünfzigerin. Kaum sitzen wir und äußern unseren Wunsch („Bier!“), knallt sie uns zwei 0,5-Liter-Pullen „Brauhaus Gold“ (natürlich ohne Glas) auf den Tisch. Und da die Dehydrierung der größte Feind des Trinkers ist, las- sen wir uns gleich noch die Karte geben: Pommes, alle möglichen Arten Schnitzel, Cevapcici … und – etwas überraschend – auch eine „Portion geriebener Käse“ für zwei Euro. Weil die meisten Zutaten dann aber doch nicht vorrätig sind, gibt es „Frikadellen mit Bratkartoffeln“. Die stehen nicht auf der Karte und deshalb erfindet die freundliche Bardame ad hoc einen Preis: „Kostet fünf Euro!“ Und das sind sie allemal wert. Über uns hängt eine Lampe mit eigenem Schalter, wir knipsen das Tischlicht an, während bei uns selbst allmählich das Licht ausgeht. Auch in der Maria ist es bald finster. Ganz leise werden Ende Februar 41 Jahre gelebte Heidelberger Kneipengeschichte beendet. Ein Investor hat das Haus gekauft, die Maria muss weg. Für immer! Im Moment rührt uns das fast zu Tränen. „Russen-Alex ist ein Bullenspitzel“, steht auf dem Männerklo, „der verrät jeden!“ Plötzlich kommt eine Frau rein, ins Männerklo. „Schon halb 1“, sagt sie, den Wischmob in der Hand, grinsend, sie will putzen – jetzt! Wir müssen in den Barbereich, oben wird schon aufgestuhlt. Am Stammtisch für „Fischer, Jäger und andere Lügner“ sitzen noch ein paar Gestalten, die vorglühenden Studenten sind inzwischen weg – ihre Milieustudie ist beendet. Wir sind mittlerweile so besoffen, dass wir uns erstklassig in das Panoptikum der Heidelberger Trinkerkaste einfügen. Wo sollen die alle hin, wenn es die Maria nicht mehr gibt? Wo sollen WIR hin? Wir gehören jetzt dazu und sind nicht mehr, wie vorhin noch, argwöhnisch beäugte Eindringlinge. Ins Gespräch kommen wir dennoch nicht – geredet wird in der Maria nach Mitternacht nicht mehr viel. Wir können auch gar nicht mehr so richtig reden. Was würden wir jetzt für ein Zimmer geben, ein kleines, nettes Zimmerchen in diesem Gasthaus! Aber wir müssen raus in die Kälte. Und wir dürfen nie mehr zurückkehren. „Zallen, bidde!“

[Text: Sebastian Riemer, Foto: Piru, MEIER 03/2011]

Gasthaus zur Bergstraße (†)Bergstr. 11Heidelberg

 

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