Holger Schultze ist neuer Intendant am Heidelberger Theater

MEIER: Herr Schultze, Ihre erste Heidelberger Saison müssen Sie noch in Ausweichspielstätten absolvieren, der Theater-Neubau aber wächst bereits. Werden Sie tatsächlich zur zweiten Spielzeit einziehen können?

 

Holger Schultze: Bis jetzt liegt alles im Plan. Wir werden also eine verkürzte nächste Spielzeit bis Anfang Juni und knappere Schlossfestspiele haben, um dann vom Juli bis Oktober 2012 ins neue Haus einzuziehen.

 

MEIER: Im Moment geht es für Sie allerdings noch um den Neustart. Was bedeutet es, dass Sie als Intendant künftig selbst das Schauspiel verantworten? 

 

Schultze: Ich mache das ja zusammen mit meinem leitenden Schauspieldramaturgen Jürgen Popig und den anderen Dramaturgen. Aber es bedeutet schon, dass ich zwar nicht der beste und wichtigste Regisseur bin, schon aber das Schauspiel mit gestalte. 

 

MEIER: Stichwort Stückemarkt. Wie wird er künftig aussehen?

 

Schultze: Wenn Sie sich mit der heutigen Autorenförderung beschäftigen, stoßen sie sehr schnell darauf, dass Autoren heute nicht mehr wie früher ganz einfach Stücke schreiben und dann sehen, wo man sie unterbringen kann. Heute ist so gut wie jedes Stück ein Auftragswerk. Das führt unter anderem dazu, dass Autoren bis zu vier Stücke pro Saison schreiben, die nach der Uraufführung dann aber nicht nachgespielt werden. Das ist zum einen ein finanzielles Problem. Es fließen keine Tantiemen und neue Theatertexte werden nicht mehr ganz unterschiedlich ästhetisch erprobt. Da müssen wir was ändern.

 

MEIER: Was bedeutet das für den Stückemarkt?

 

Schultze: Konzentration aufs Kerngeschäft. 

 

MEIER: Fallen Zusatzveranstaltungen rund um den Kern weg?

 

Schultze: Könnte sein.

 

MEIER: Bleibt der europäische Autorenpreis?

 

Schultze: Natürlich. Im Kern geht es darum, die Verlage wieder mehr ins Boot zu bekommen.

 

MEIER: Wollen Sie das Auswahlverfahren ändern?

 

Schultze: Der Stückemarkt wurde ja von den Verlagen mit begründet und ich fände es sehr gut, wenn die Verlage auch mit ihrem Vorschlagsrecht wieder mehr ins Zentrum rücken. 

 

MEIER: Warum haben wir inzwischen einen derartigen Boom neuer Stücke?

 

Schultze: Ja, was war da zuerst, die Henne oder das Ei? Es ist doch so, dass die Theater sich mehr und mehr legitimieren müssen, dabei auf das Feuilleton angewiesen sind und das nun mal lieber über Uraufführungen als über Zweit- und Drittaufführungen schreibt. Zum anderen ist es anstrengender, einen Autor längerfristig in einer Stadt durchzusetzen. Wir haben das in Osnabrück mit Rebekka Kricheldorf und Dirk Laucke über mehrere Spielzeiten hinweg gemacht und siehe da: Das Publikum fängt an solche Autoren zu identifizieren. Plötzlich kann man ein Kricheldorf-Stück nicht nur zehn-, sondern dreißigmal spielen. Ältere neue Stücke nachzuspielen wird für mich auch in Heidelberg ein großes Thema sein.

 

MEIER: Werden Sie an den Stückemarkt ein kleines Zweitaufführungsfestival andocken?

 

Schultze: Könnte sein. Es geht aber natürlich weiterhin um die Entdeckung neuer Autoren.

 

MEIER: Das wichtigste Zeichen, das Sie setzen, ist die Wiedereinführung einer eigenständigen Tanzsparte. Neue Tanzchefin ist die Holländerin Nanine Linning, von der es im Dezember noch hieß, sie bleibe in Osnabrück. Wie kam es zur Sinnesänderung? 

 

Schultze: Na, wie das so ist. Will ich einen Künstler nach Heidelberg holen, ist die entscheidende Frage, ob ich es schaffe, mindestens einmal mit ihm nach Heidelberg zu fahren. Sieht er Heidelberg, ist sofort alles klar. So war das auch mit Nanine. 

 

MEIER: Warum eröffnen Sie wieder eine eigenständige Tanzsparte?

 

Schultze: Weil das ungeheuer wichtig ist. In Deutschland gibt es aufgrund der Sparmaßnahmen ja einen rasenden Kulturabbau und zuerst betroffen ist oft die Tanzsparte. Also will ich eine Zeichen setzen, einfach mal frech sein und entgegen dem Trend eine Sparte eröffnen. Das Problem der Tanzkooperation ist ja, dass das Physical Virus Collective zwar eine hohe künstlerische Qualität hat, aber nicht in Heidelberg angesiedelt ist und identifiziert wird.

 

MEIER: Kann es da nicht schwierig werden, das Publikum wieder für den Tanz zu gewinnen?

 

Schultze: Etwas zu wagen ist die einige Chance, gutes Theater zu machen.

 

MEIER: Und was wäre, wenn der Gemeinderat den Tanz wieder weg haben möchte? 

 

Schultze: Ich bin da ja optimistisch und habe gerade in Osnabrück erlebt, dass eine nicht so gut laufende Tanzsparte plötzlich zum Megamagnet wird. Tanz kann begeistern und ich gehe davon aus, dass auch der Gemeinderat begeistert sein wird, sobald die Menschen in Scharen in Vorstellungen strömen. Aber das müssen wir erst erreichen. 

 

MEIER: Das Argument für die Freiburg-Heidelberger Kooperation war, man müsse die Tanzbudgets zusammen führen, ansonsten seien die Sparten in beiden Städten gefährdet. Ist es heute doch wieder machbar, mit den 400.000 Euro, die Heidelberg pro Saison nach Freiburg überwiesen hat, eine funktionierende Sparte zu betreiben?  

 

Schultze: Die Kooperation kostet so viel wie mein derzeitiges Tanztheater in Osnabrück. Möglich ist das auch deshalb, weil man im modernen Tanz mit immer weniger fest angestellten Tänzern arbeitet.

 

MEIER: Wie viele werden es sein?

 

Schultze: Neun wie in Osnabrück.

 

MEIER: Wie würden Sie Nanine Linning charakterisieren?

 

Schultze: Sie ist eine sehr heutige und hervorragend vernetzte Choreografin, die uns, da sie in Holland ein Shooting Star ist, die Chance von Kooperationen etwa mit Amsterdam eröffnet. Sie macht ein sehr energetisches und emotionales Theater, das heutige Themen aufgreift. 

 

MEIER: Wird Sie im neuen Theater einen Ballettsaal haben?

 

Schultze: Nein, überhaupt nicht. Einen Tanzsaal hat man leider nicht vorgesehen, aber ich werde einfach eine der neuen Probebühne als Tanzsaal nutzen. 

 

 

MEIER: Welche Überraschung! Hätte man bei der Planung des Neubaus nicht einen Tanzsaal einplanen müssen?

 

Schultze: Da kann ich nicht widersprechen.

 

MEIER: Neuer Opernchef ist Heribert Germeshausen, derzeit Operndirektor in Dessau. Was zeichnet ihn aus?    

 

Schultze:  Sie brauchen in der Oper ja jemanden, der tolle Konzepte macht, gut vernetzt ist und vor allem eine große Kenntnis von Sängern hat. Letzteres wird immer seltener. Heribert Germeshausen ist aber noch einer, der sehr viel herumfährt, alle Sänger kennt und europäisch vernetzt ist. Die Kunst wird sein, neue Stimmen hierher zu holen. Eine hoch diffizile Aufgabe.

 

MEIER: Zum Schauspiel. Wird es weiterhin blutjung sein?

 

Schultze Das erste Problem ist ja, dass das Schauspiel zur Zeit im Theaterkino mit 150 Sitzplätzen spielt und dann ins neue Haus mit 600 Sitzplätzen wechselt. Das ist alles andere als einfach. Ansonsten gehöre ich nicht zu denjenigen, die dem Jugendwahn verfallen sind. Mir ist sehr wichtig, ein hoch qualitatives Ensemble zu versammeln. Wir brauchen unter anderem mehr ältere Schauspieler und nicht nur junge, sondern auch namhaftere Regisseure. Das Schauspiel muss ein Flaggschiff dieses Theaters werden.

 

[Interview: Jürgen Berger / Foto: Eric Carstensen]


    

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