Ostküstensatire von John Cheever

Nein, eigentlich stimmt an der idyllischen New Yorker Vorstadt Bullett Park überhaupt nichts. Das (scheinbar) Paradoxe: Gerade weil alles stimmt, ist das so. Das Verkehrte, Falsche, Widerliche schlummert dabei nicht so sehr unterhalb der blitzsauber aufgeräumten Oberfläche der Stadt. Auch lauert es nicht unbedingt in den Köpfen und Seelen der Bewohner. Das Verkehrte, Falsche, Widerliche ist nicht zuletzt eine Funktion der interpretatorischen Schärfe John Cheevers, die mehr meint als eine leichte Idiosynkrasie gegenüber vermeintlich heilen Spießerwelten amerikanischer Vorstädte in den 60ern. Der Autor, das weiß man, hasste ebenso wie sein Zeitgenosse Richard Yates die Ordnung einer Welt, deren gepflegte Vorgärten und aufgeräumte Hausinnenräume passende Allegorien bildeten für die fassadenhaften Einstellungen ihrer Bewohner.
Der absichtlich schematisch gehaltene Roman "Die Lichter von Bullet Park" erschien erstmals 1969.  Es ist die Hochzeit wohlhabender amerikanischer Mittelschichtbürger, von der auch die HBO-Serie "Mad Men" erzählt, der wiederum Yates' Romane "Ruhestörung" und "Zeiten des Aufruhrs" und eben nicht zuletzt "Die Lichter von Bullett Park" Filmplot inspirierendes Anschauungsmaterial gewesen sein sollen.

Zwar kann eine Stadt im emphatischen Sinne keine Protagonistin sein, doch weil Cheevers bös' funkelnder, alles und jeden schwer ironisierender Roman genau dies erreichen möchte, erscheinen die Leben der gottesfürchtigen, alkoholkranken, depressiven, sexgeilen Figuren mitunter arg beispielhaft. Allerdings ist Cheever ein viel zu grandioser Stilist, ist sein Blick auf diese – womöglich wirklich bedauernswerte Welt – so erbarmungslos genau, dass man nicht nur bestens unterhalten wird, sondern am Ende vielleicht sogar wieder ein wenig schlauer ist.

[Michael Saager]

* John Cheever: Die Lichter von Bullett Park. Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel. Dumont. 254 Seiten. € 19.99 

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