Popanalyse mit Udo Dahmen und Ulrich Kriest
„Pause machen geht nicht / Pause machen ist nicht erlaubt / Dann bist du arbeitslos und pleite!“, sang vor nicht allzu langer Zeit die hervorragende Berliner Band Die Türen. Die ebenfalls von Berlin aus operierende Band Wir sind Helden hat diesen Ratschlag nicht beherzigt. Nach dem dritten Album „Soundso“ (2007) legte sie eine längere Pause ein, um sich anderen, privateren Dingen zu widmen. Als im Sommer 2010 das Comeback-Album „Bring mich nach Hause“ erschien, toppte es zwar die Charts, hinterließ aber sonst wenig Spuren. MEIER-Musikredakteur Ulrich Kriest hat sich mit Udo Dahmen, dem Leiter der Popakademie Mannheim, darüber unterhalten, ob es heißen kann: Von den Helden lernen, heißt siegen lernen!
MEIER: Betrachtet man die Karriere von Wir sind Helden rückblickend: Liefert die Band einen Blueprint für die Ideen der Popakademie Baden-Württemberg?
Udo Dahmen: Die Art und Weise, wie die Helden sich seinerzeit entworfen haben, ist sicher hochinteressant für den Weg, wie sich eine Band heute aufstellen kann.
MEIER: Wie sah das konkret aus?
Dahmen: Die Band präsentierte sich zunächst als Selbstvermarkter und war dabei sehr eigenständig und originell. Ich erinnere an die damals noch neuen Strategien des Guerilla-Marketing, mit denen sich die Band in Berlin bekannt machte.
MEIER: Was hat die Band geradezu vorbildhaft richtig gemacht damals?
Dahmen: Man hat sich beispielsweise nicht zu früh an einen Vertreter der Tonträgerindustrie gebunden, sondern sich selbst zunächst ein eigenes Publikum erspielt. Dabei spielten die von Judith geschriebenen Texte eine wichtige Rolle, die der Band ein kritisches Image verliehen. Zudem hat man sich sehr genau überlegt, wer als Partner in Frage kommt, um das von der Band geprägte Konzept umzusetzen. Dieses gelungene Zusammenspiel umgab die Band mit einem Flair von Authentizität und Glaubwürdigkeit, die zumindest zum großen Teil das Publikum anlockte, das die Band sich gewünscht hatte. Und dieses besondere Publikum war dann auch bereit, die Transformationen der Band mit Album Nummer 2 und 3 mitzugehen. Dass das nicht ewig funktionieren würde, liegt in der Natur der Sache.
MEIER: Heißt das, eine Band muss sich spätestens mit dem vierten Album neu erfinden?
Dahmen: Ich denke schon, sonst wird es ja langweilig. Die noch aus den 1990er Jahren stammende Alternativ-Haltung der Helden lässt sich nicht einfach ins zweite Jahrzehnt des neuen Jahrtausends hinüber transportieren. Für eine Band, die sich mit politischen Aussagen profiliert hat, ist das ein schwieriges Thema.
MEIER: Zwischenzeitlich war die Band ja auch längere Zeit völlig abgetaucht.
Dahmen: Aus persönlichen Gründen einerseits, und was andererseits großen Einfluss auf die Texte des aktuellen Albums gehabt hat.
MEIER: Bernadette LaHengst hat darüber einen Song geschrieben: „Rockerbraut und Mutter“.
Dahmen: Es ist bestimmt nicht einfach, diese beiden Rollen unter einen Hut zu bekommen. Beides ist zeitaufwendig: die künstlerische Entwicklung und der Alltag als Familie.
MEIER: Aber, wenn man, wie die Helden, ein bestimmtes Milieu anspricht und zugleich sein Privatleben transparent macht und das Milieu mit altert: kann das die Bindung zwischen Band und Publikum nicht sogar noch erhöhen?
Dahmen: Prinzipiell sehe ich das auch so. Andererseits ist die Zielgruppe ja auch durchaus heterogen. Nicht alle Helden-Fans wollen eine Familie gründen. Das Ende der Post-Adoleszenz bedeutet manchmal auch, dass das Interesse an Musik generell nachlässt. Die entscheidende Frage für eine Band ist immer: Wie kann ich meine Fans mitnehmen auf eine nächste Etappe? Dieses Problem führt fast zwangsläufig durch eine Senke. Siehe auch Fanta 4, die das Problem ja intelligent bewältig haben.
MEIER: Wo liegt das Problem bei den Helden denn konkret?
Dahmen: Mir scheint, dass das neue Album eher einen sehr privaten Zusammenhang beschreibt. Für eine Band, die für ihre links-alternativen Haltungen geschätzt wurde, ist das riskant. Andererseits kann die Band nicht einfach zu den alten Positionen zurück. Es besteht also durchaus ein Profilierungsbedarf. Wenn die Band dies Problem bewältigt, sehe ich gute Chancen für mindestens zwei, vielleicht drei weitere Alben.
MEIER: Aber zeigen nicht die Erfolge von Sängern wie Knyphausen oder Pohlmann, dass die Zeit der Politisierung vorbei ist?
Dahmen: Mag sein. Diese Sänger setzen eher auf Lebensgefühl. Trotzdem sehe ich gute Chance für eine Re-Politisierung, denn es gibt ja eine virulente Politik-Kritik in den Mittelschichten. Ob es allerdings die Helden sein werden, die das einlösen können, scheint mir derzeit offen. Allerdings wären sie eine ideale Besetzung dafür.
MEIER: Wenn man Ihnen zuhört, dann scheinen Authentizität und Glaubwürdigkeit aktuell wieder hoch im Kurs zu stehen.
Dahmen: Wir reden von Bildern und Symbolen, die kursieren. Es geht also um eine Authentizität zweiter Ordnung, um eine Öffentlichkeitsauthentizität. Im Pop lebt Authentizität eher vom Visuellen als vom Wort. Interviews können Bild-Katastrophen nicht auslöschen!
MEIER: Aber existieren denn im Pop aktuell ganz und gar widersprüchliche Öffentlichkeiten? Wo einerseits noch Authentizität gefragt zu sein scheint, pflegen doch Stars wie Lady Gaga oder auch Beyonce geradezu den Kult des Nicht-Authentischen. Vergleicht man da nicht schnell Äpfel mit Birnen?
Dahmen: Stimmt! Oder nehmen wir Bruce Springsteen, der ja für die Öffentlichkeit immer wieder in die Rolle des Bruce Springsteen schlüpft, der als hyper-authentisch gilt, obwohl er auf der Bühne jeden Abend das gleiche Programm herunterspielt. Das Spiel mit der Authentizität und den Authentizitätssignalen ist äußerst komplex und wohl nur dialektisch zu beschreiben. Das hat die hochintelligente Lady Gaga verstanden - und spielt nun ihrerseits damit.
MEIER: Noch mal zurück zu Wir sind Helden. Deren Bandkonzept war so erfolgreich, dass es nicht lange dauerte, bis es kopiert wurde. Stichworte: Juli und Silbermond. Mittlerweile scheint Silbermond sich als Konsensband etabliert zu haben. Obwohl deren Musik doch viel konventioneller ist. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Dahmen: Die Band hat sehr jung begonnen und hat sich über beständiges Touren musikalisch enorm weiterentwickelt. Die Sängerin ist hübsch und wirkt unkompliziert, das Songwriting hat sich sehr positiv entwickelt; die Band spielt Rock’n’Roll und weiß sich trotzdem zu benehmen. Da kommt allerlei zusammen, was ich jetzt mal spontan den Hans-Albers-Effekt nennen möchte: Beständigkeit, Solidität, Bodenständigkeit, die Vermittlung einer sicheren Ebene - das will der deutsche Fan bei seinem Star sehen. In dieser Liga, das muss man klar sehen, spielen die Helden nicht und wollen dies auch gar nicht.
MEIER: Ich hätte „Wetten, dass ..?“-Kompatibilität dazu gesagt. Bei Thomas Gottschalk am Samstagabend auftreten, in aller Bescheidenheit und glücklich, dabei sein zu dürfen. Während man bei Wir sind Helden zumindest noch auf eine mokante Bemerkung, ein Distanzierungssignal warten würde, oder?
Dahmen: Aber wahrscheinlich in einer Form, die nur ein regelmäßiger Leser der „Süddeutschen Zeitung“ goutieren würde.
MEIER: Die Unberechenbarkeit eines Provokateurs, eines „bösen Buben“, die scheint aktuell nicht mehr gefragt. Zumindest im Mainstream ...
Dahmen: Ja, das scheint so zu sein. Ich bedaure das sehr. Die Diversifikation der Szenen ist derzeit so groß, dass das Provokante abseits des Mainstream nur von einer Handvoll Leute registriert wird. Und im Mainstream findet es nicht statt. In der Indie-Szene ist ein gewisser Eskapismus en vogue, eine selbstgewählte Bohème, die zum politischen Alltag auf Distanz geht. Früher haben Musiker häufig virulente Stimmungen in der Bevölkerung aufgegriffen und verstärkt. Künstlerisch mag das nicht immer besonders befriedigend gewesen sein, aber Ina Deters „Neue Männer braucht das Land“ war immerhin ein unmissverständliches Statement. Heute halten sich die Musiker gerne mal raus.
Interview: Ulrich Kriest / Foto: Billy & Hells (MEIER 3/2011)




