Der Kurator des Neuen Deutschen Jazzpreises Mannheim im Interview

Bereits zum sechsten Mal vergab die IG Jazz Rhein-Neckar e.V. in Zusammenarbeit mit der Alten Feuerwache den Neuen Deutschen Jazzpreis Mannheim. Mit 10.000 Euro ist es der höchstdotierte Preis für professionelle Jazzbands hierzulande. Das Prozedere ist stets gleich: Eine Vorjury wählt aus den anonymisierten gut 200 Bewerbungen zwölf Semi-Finalisten aus, die gleichfalls anonymisiert an den Juror weitergereicht werden. 2011 hieß der Bojan Z - und dessen Wahl fiel auf: (em), die schließlich den Preis mit nach Hause nehmen durften, das Studnitzky Trio und das Zodiak Trio. MEIER hatte mit dem Juror vor der Preisverleihung gesprochen.

MEIER: Bojan Zulfikarpasic, Ihre Vorgänger als Juroren beim Neuen Deutschen Jazzpreis waren u.a. Jazz- Legenden wie Alexander von Schlippenbach, Joachim Kühn oder Kenny Wheeler. Auf welchen Wegen kamen Sie zu diesem Job?

Bojan Z: Nun, diejenigen, die das Festival organisieren, haben mich kontaktiert. Ich denke mal, dass sie mich auf Festivals gesehen und gehört haben. Dann haben sie mich zum Kurator, zum Juroren des Finales gemacht. Ganz einfach, aber effizient.

MEIER: Nach unseren Informationen wählte eine mehrköpfige Vor-Jury aus dem Pool der Bewerber wohl ungefähr 15 Semi-Finalisten aus. Deren Musik wurde Ihnen anonymisiert zugeschickt. Können Sie uns etwas über ihre Eindrücke des Materials erzählen? Fanden Sie es altmodisch, langweilig, überraschend, aufregend oder ungewöhnlich? Haben Sie jemanden trotz Anonymisierung identifizieren können?

Bojan Z: Ich hatte keine Ahnung, nach welchen Kriterien die Vorauswahl stattfand. Deshalb erwartete ich, ehrlich gesagt, einen Haufen unbekannter junger Musiker. Was ich dann zu hören bekam, hat mich echt umgehauen: Kreativität und technisches Können waren auf einem Niveau, dass ich mir nicht vorzustellen gewagt hätte. Eine der Bands habe ich erkannt, weil sie auf spezifische Weise das Klavier präpariert. Was ich ja auch mache. Nachdem ich meine Wahl getroffen hatte, stellte ich fest, dass ich mit lauter bekannten Musikern zu tun hatte, die alle schon einige Alben veröffentlicht und überall auf der Welt gespielt haben. Das beruhigte mich wieder etwas, denn so machte das, was ich gehört hatte, Sinn.

MEIER: Sie sind in Serbien aufgewachsen, leben nun seit vielen Jahren in Frankreich und touren viel. Sie kennen also allerlei unterschiedliche Jazz- Szenen. Sehen Sie eher Unterschiede oder Gemeinsamkeiten?

Bojan Z: Die Szenen in Frankreich und Ex-Jugoslawien kenne ich in der Tat ziemlich gut. Auch die Niederlande und Italien, weil ich häufig mit Musikern aus diesen Ländern arbeite. Die junge deutsche Jazz-Szene war mir bislang eher unbekannt, wenngleich meine „Arbeit“ als Kurator des Neuen Deutschen Jazzpreises diesen Mangel gerade zu beheben scheint. Gemeinsamkeiten - und das beziehe ich jetzt auf alle Musiker - erkenne ich im Streben nach Originalität, im Wunsch musikalisch voranzukommen. Die andere Gemeinsamkeit besteht darin, dass alle dieselben Clips auf YouTube anschauen. Nein, im Ernst: Die Unterschiede liegen in den musikalischen Traditionen der Länder, aus denen die Musiker stammen.

MEIER: Sie haben die drei Finalisten ausgewählt. Nach welchen Kriterien?

Bojan Z: Ich bekam ja nur die Musik. Keine Namen, nur Nummern. Ich habe mir die Stücke wiederholt angehört, in zufälliger Reihenfolge. Insgesamt bestimmt fünfmal. Nie länger als eine Stunde, weil dann die Konzentration nachlässt. Dabei habe ich mir Notizen gemacht, Eindrücke festgehalten. Das Hauptkriterium war, was die Musik beim Hören mit mir anstellte, ob sie mich beeindrucken konnte. Andere Kriterien waren konventioneller: der Sound, das Zusammenspiel, instrumentelle Fertigkeiten, die Originalität der Komposition. Das Übliche, wenn es darum geht, Musik zu bewerten.

MEIER: Sie gelten in Deutschland noch als Geheimtipp, haben aber bereits in Mannheim konzertiert. Enjoy Jazz 2008! Erinnern Sie sich?

Bojan Z: Es stimmt, dass wir in Deutschland noch nicht sehr bekannt sind, aber glauben Sie mir, wir - meine Band und ich - arbeiten dafür, dass sich das ändert. Natürlich erinnere ich mich an das Konzert in Ludwigshafen, im BASF-Gesellschaftshaus. Ich komme übrigens mit den gleichen Musikern wie damals nach Mannheim: Thomas Bramerie am Bass und Martijn Vink am Schlagzeug. Als special guest ist auch mein Freund Julien Lourau am Saxophon dabei. Und jede Menge neuer Musik. Versprochen!

MEIER: Was halten Sie eigentlich von solchen Wettbewerben wie dem Finale des Neuen Deutschen Jazzpreises, bei dem das Publikum das letzte Wort hat?

Bojan Z: Ich denke, solche Wettbewerbe können etwas Dynamik ins Leben einer Band oder eines Musikers bringen. Das Preisgeld ist nicht übel, aber so ein Wettbewerb bringt auch Publicity. Wir alle brauchen solche Publicity von Zeit zu Zeit, weil die Zeiten im Musik-Business gerade ziemlich hart sind. Wenngleich die Resonanz beim Publikum ausgesprochen wichtig, ja, entscheidend ist, eine Garantie für die Qualität des Gehörten ist sie allerdings nicht.

Interview: Ulrich Kriest / Foto: Zijah Gafic (MEIER 3/2011)

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