Der frühere Staatsphilharmonie-GMD im MEIER-Interview

Sieben Jahre hat der finnische Dirigent als Generalmusikdirektor die musikalischen Geschicke der Deutschen Staatsphilharmonie bestimmt und sich in die Herzen (nicht nur) des Ludwigshafener Publikums (nicht nur) dirigiert. Nach seinem wohl doch nicht ganz freiwilligen Abschied im Sommer 2009 kehrte der gelernte Geiger und passionierte Tango-Sänger im Februar ans Pult der Staatsphilharmonie zurück. Grund genug für ein Telefonat nach Finnland.

MEIER: Hatten sie eigentlich Entzugserscheinungen nach Ihrem Abschied von der Staatsphilharmonie?

Ari Rasilainen: Nein, das nicht, auch wenn es natürlich eine sehr, sehr schöne gemeinsame Zeit war. Es war ja schon recht früh klar, dass ich nach so vielen Jahren auf einer festen Position erst einmal wieder Freelancer sein wollte. Sicherlich haben mir die Kollegen und Freunde in Ludwigshafen auch gefehlt. Aber man kann Freundschaften ja auch übers Telefon oder per Email pflegen. Und ich habe ja auch noch meine kleine Wohnung hier, sozusagen als Stützpunkt für die Gastspiele in Deutschland oder der Schweiz.

MEIER: Sehe ich es richtig, dass die Konzerte jetzt Ihre ersten mit der Staatsphilharmonie seit Ihrem Abschied sind?

Rasilainen: Ganz genau. Wir hatten damals besprochen, dass ich das Orchester in der ersten Spielzeit wegen vieler anderen Engagements nicht dirigieren würde, dann aber in der zweiten. Und ich komme natürlich sehr, sehr gerne zurück. Es wäre ja auch kein gutes Signal, wenn ein ehemaliger Chefdirigent nach seinem Abschied nicht mehr eingeladen würde. Das wäre doch sehr traurig.

MEIER: War es die richtige Entscheidung, wieder ganz nach Finnland zurückzugehen?

Rasilainen: Naja, es war ja auch nicht nur meine Entscheidung. Der Kulturstaatssekretär hatte schon früh durchblicken lassen, dass in Rheinland-Pfalz vier bis sieben Jahren für einen GMD genug seien. Und er hat schon – ich glaube 2006 – bei einer Orchesterversammlung gesagt, dass es keine Verlängerung geben sollte. Das war bestimmt kein gutes Signal, auch nicht für das Orchester. Na, und wissen Sie, die Politiker: Ich will nur mit Musikern spielen, es wäre katastrophal, wenn ich mit Politikern Musikmachen müsste.

MEIER: Die Sprachregelung war aber, dass Sie den Vertrag nicht verlängern wollten …

Rasilainen: Das war ja auch so, aber erst nachdem das Ministerium sehr deutlich gesagt hatte: „wir wollen nicht mehr“. Ich nehme an, das hat damit zu tun, dass ich so sehr gegen die Orchesterstrukturreform war, für die ich übrigens immer noch keine Zukunft sehe. Andererseits ist es aber auch besser, ein bisschen zu früh wegzugehen, als zu spät.

MEIER: Während Ihrer Zeit als Chef – auch in Ludwigshafen - kamen Gastdirigate ja notgedrungen zu kurz. Was hat sich denn in der Zwischenzeit auf diesem Sektor für Sie ergeben?

Rasilainen: Bei mir ist das eine spezielle Situation. Ich habe natürlich eine Agentur, aber ich bin dort nicht exklusiv, ich kann auch allein etwas auf den Weg bringen. Das bringt mir Freiheit, hat aber natürlich auch den Nachteil, dass mein Kalender sich sozusagen nicht automatisch füllt. Konkret habe ich hier in Finnland viel dirigiert, ich war aber auch beim Festival Quincena Musical de San Sebastian in Spanien, ich habe das Niedersächsische Staatsorchester, die Düsseldorfer Symphoniker und das Berner Sinfonieorchester mit Messiaens „Turangalila“-Sinfonie dirigiert. Und überall gibt es Wiedereinladungen. Oper war leider nicht dabei, aber da sind verschiedene Projekte für die Zukunft im Gespräch.

MEIER: Im Internet lassen sich Ihre Auftritte momentan nicht gut verfolgen …

Rasilainen: Jaja, ich bin gerade dabei, meine Website neu zu machen, mit allen Terminen, Presse, neuen CDs und so weiter. Ich bitte da noch um ein bisschen Geduld.

MEIER: Als Freelancer mit einem nicht ganz so vollen Kalender wird doch sicher auch vieles recht kurzfristig realisiert …

Rasilainen: Ich wurde zum Beispiel gerade gefragt, ob ich in zwei Wochen in Vancouver in Kanada einspringen könnte. Inzwischen wissen die Agenturen, dass ich frei arbeite und fragen dann auch für solche kurzfristigen Engagement an.

MEIER: Sie hatten also in den letzten eineinhalb Jahren schon mehr Zeit und Muße als zu Chefzeiten?

Rasilainen: Ja, und ich habe jede Sekunde dieser freien Zeit genossen. Die Batterie ist jetzt voll. Ich habe die Zeit auch genutzt und sehr systematisch das Opernrepertoire durchgeschaut, das große deutsche, aber auch Puccini, Verdi … Wenn man so fix eingespannt ist, sind Sie ja am Ende eines Konzerts schon mental beim nächsten. Das ist nicht so gesund.

MEIER: Während Ihrer Ludwigshafener Zeit haben Sie ordentlich CDs aufgenommen. Was tut sich in dieser Hinsicht?

Rasilainen: Mit Norköpping Symphony haben wir den Sallinen-Zyklus fortgesetzt und die Sinfonien von Nathanael Berg, und es gibt einige Pläne für neue Projekte.

MEIER: Die Staatsphilharmonie hat inzwischen mit dem Ring begonnen. Sind Sie ein bisschen neidisch, dass Ihrem Nachfolger dieser Coup gelungen ist?

Rasilainen: Natürlich bin ich nicht neidisch. Ich hatte mir schon zu meiner Zeit mit der Staatsphilharmonie mehr Kooperationen mit dem Pfalzbau gewünscht.

MEIER: Haben Sie generell die Entwicklung des Orchesters in den vergangenen eineinhalb Jahren verfolgt? Wie stellt sich Ihnen das dar?

Rasilainen: Da habe ich jetzt doch nicht mehr soviel mitbekommen. Aber es interessiert mich natürlich, ich bin da sehr gespannt, und wir werden sicher viel reden, wenn ich im Februar in Ludwigshafen bin. Was die Struktur angeht, ist das wichtigste aus meiner Sicht, dass die Orchesterstellen wieder in Richtung 90 gehen.

MEIER: Wie sehen denn Ihre konkreten Pläne für die nächste Zeit aus?

Rasilainen: Wie gesagt Kanada, dann habe ich im Mai wieder Konzerte in Saarbrücken und in Bern, CD-Aufnahmen in Norköpping, dirigiere in Spanien und in Turku in Finnland, das dieses Jahr Kulturhauptstadt ist. Außerdem mache ich eine kleine Tournee mit dem fantastischen Oboisten Albrecht Mayer und den Münchner Symphonikern. U.a. spiellen wir da auch im Gasteig und der Berliner Philharmonie.

MEIER: Freuen Sie sich auf das Wiedersehen mit der Staatsphilharmonie?

Rasilainen: Aber klar, ich möchte den Kontakt mit dem Orchester sehr gern weiter halten. Wir haben so viele schöne Konzerte zusammengemacht, und ich musiziere sehr sehr gern mit den Kollegen. Ich freue mich sehr darauf. Außerdem bin ich auch auf den renovierten Pfalzbau gespannt.

MEIER: Was genau erwartet uns denn bei „Karneval in Venedig“?

Rasilainen: Das Konzert findet ja im Rahmen der „Bunten Reihe“ der BASF statt. Ursprünglich wollte ich Matti Salminen dabei haben, das war dann aber leider doch nicht möglich. Jetzt haben wir als Gäste die Sopranistin Norma Fantini von der Bayerischen Staatsoper und den jungen Tenor Lucian Krasznec vom Staatstheater Darmstadt. Wir machen Ausschnitte aus Verdis „Maskenball“, aus „Hoffmanns Erzählungen“, aber auch „Tosca“, dazu gibt es ein bisschen Reznicek und nordischen Wind mit „Maskerade“ von Carl Nielsen.

Interview: Ingo Wackenhut (MEIER 2/2011)

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