Der Seelenflüsterer im MEIER-Interview
Ist es Klassik? Ist es Pop? Ist es Minimalismus? Ist es die Wiedervorlage von Richard Clayderman? Die Musik des italienischen Pianisten Ludovico Einaudi ist nicht einfach einzuordnen, sitzt zwischen allen Stühlen. Stücke wie „Divenire“ haben echte Pop-Hit-Qualitäten, sind aber andererseits auch recht einfach gestrickte Kompositionen. Klassik light. Besonders originell ist das Ganze nicht, dafür verkauft sich diese akustische Wellness-Oase aber wie geschnitten Brot. Brauchen wir eine neue Ökologie des Klanges? MEIER hat sich mit Ludovico Einaudi unterhalten.
MEIER Herr Einaudi, in der Branche staunt man über ihren kommerziellen Erfolg. Sie sind mit ihrer Neo-Klassik in den britischen und italienischen Pop-Charts vertreten und füllen auch in Deutschland spielend große Hallen. Als Spross eines der wichtigsten Verlagshäuser Italiens hätten sie den kommerziellen Erfolg gar nicht nötig. Was ist das Geheimnis ihres Erfolges?
Ludovico Einaudi Ich selbst wüsste das gar nicht so genau zu benennen. Vielleicht könnte man den Blick etwas weiten und sagen: Wenn jemand konsequent seiner Vision folgt, dann strahlt das etwas sehr Spezielles aus, was von Außen als wertvoll wahrgenommen wird. Und das hat nichts damit zu tun, ob es der Musikindustrie gerade gut oder schlecht geht. Aktuell geht es ihr nicht gut, aber trotzdem wird meine Musik von den Menschen bemerkt und offenbar geschätzt.
MEIER Recherchiert man im Internet, was ihre Fans zu ihrer Musik notieren, dann fallen da auffallend häufig Worte wie „Entspannung“ oder „Abschalten vom Alltag“. Hat ihre einfache und harmonische Musik eine therapeutische oder gar ökologische Qualität? Könnten sie diese genauer beschreiben?
Einaudi Ich glaube, ich sollte mich darauf beschränken, nur über meine Seite der Produktion nachzudenken. Wenn ich spiele, gerate ich in eine Art Meditation, einen Zustand, der sich den Prozessen in der Natur annähert. Ich denke, es handelt sich dabei vielleicht sogar um eine Sehnsucht, Natur zu werden. Da gibt es nichts Schöneres und Interessanteres, Einfacheres und Komplexeres als die Textur der Landschaft, die Umrisse der Flüsse, die Farben des Himmels.
MEIER Natur werden ist natürlich radikal ökologisch gedacht. Ich hatte eher an die Idee vom Ambient Music gedacht. Sie haben ja bei einem der bekanntesten Avantgarde-Komponisten des 20. Jahrhunderts, bei Luciano Berio studiert. Davon ist in ihrer Musik kaum noch etwas zu spüren. Glauben Sie, dass studierte Musiker und normale Hörer in ihrer Musik unterschiedliche Qualitäten wahrnehmen?
Einaudi Ich mag solche Kategorisierungen nicht. Ich denke, ich überlasse derlei denen, die meine Musik hören. Man kann meine Klangwelten betreten und dann entscheiden, ob man bleiben möchte oder nicht.
MEIER Auf ihrem Album „Nightbook“ haben sie mit Electronic und dunkleren Atmosphären experimentiert. Sie haben auch ein Seitenprojekt namens Whitetree, bei dem sie mit den Brüdern Lippok (ToRococoRot) spielen. Manche ihrer Fans verstörten diese Experimente. In Heidelberg spielen sie wieder solo in einer Kirche. Wohin geht ihre künstlerische Entwicklung gerade?
Einaudi Ich habe mein ganzes Leben lang experimentiert. „Le Onde“ war ein experiment als Solo-Pianist, „Divenire“ war ein Experiment mit Orchester und Electronics. „Nightbook“ hat sich etwas weiter in diese Richtung vorgewagt. Aber meine Interessen variieren so wie meine Auftrittsorte. Mal spiele ich in einem Theater, mal spiele ich in einer Kirche. Aber derjenige, der spielt, bin immer ich.
MEIER Die Hörerschaft der klassischen Musik ist mittlerweile sogar noch älter als die Jazz-Hörerschaft. Hierzulande wird die neo-klassische Musik wahrgenommen als eine Möglichkeit, der E-Musik ein jüngeres Publikum zurück zu gewinnen. Wie denken sie darüber?
Einaudi Nun, vielleicht haben die rituellen Umstände bei klassischen Konzerten sich etwas zu sehr von unserem Alltagsleben entfernt, so dass jüngere Musikhörer sich darin nicht mehr wiedererkennen. Aber die Meisterschaft, die die klassische Musik transportiert, wird sie vor dem Vergessen bewahren. Da bin ich ganz sicher. Was die sogenannte Neo-Klassik angeht, so ist das ein Marketing-Label. Mit so etwas beschäftige ich mich nicht.
MEIER Welche Musik inspiert sie? Satie? Minimalismus? Was halten sie überhaupt von Ambient Music?
Einaudi Sagen wir es mal so: Ich wurde von meiner Mutter inspiriert, die Bach und Chopin auf dem Klavier spielen. Und von meinen Schwester, die die Beatles und Jimi Hendrix hörten. Später kam dann noch der Minimalismus hinzu, klar. Die Idee, dass weniger mehr ist. Satie ist ein Einfluss, aber ebenso afrikanische Musik. Und noch andere Musiken. Saties Konzept von Ambient Music finde ich sehr interessant, auch weil hier die Ideen von John Cage vorbereitet werden. Die besagen, dass Musik keine emotionalen Qualitäten und menschlichen Einflüsse aufweisen muss, um Musik zu sein. Jedes Geräusch, sogar die Stille, kann Musik sein.
Interview: Ulrich Kriest (MEIER 12/2011)




