Western-Roman von Pete Dexter

Der beste Freund des legendären Revolverhelden Wild Bill Hickok heißt Charley Utter. Er ist ein kleiner, eleganter, sanfter Mann, ein Sinnsucher und Melancholiker. Er passt nicht in den wilden, schmutzigen, stinkenden Westen, den der 1943 in Michigan geborene Autor Pete Dexter nach allen Maßgaben literarischer Sinnlichkeit vor uns ausgebreitet hat. Sein Western-Roman "Deadwood" zeigt eine Welt, in der alte Frauen einen Atem haben wie "Sumpfgas" und grobschlächtige Männer nach "toten Tieren" riechen, wenn sie leichenschwer auf einer Prostituierten liegen.
Sämtliche Handlungsfäden laufen in Deadwood zusammen. Wer sich von dem Ort entfernt, kehrt früher oder später zurück. Deadwood übt eine nachgerade magnetische Anziehungskraft auf die Romanfiguren aus. Man könnte sagen, dass die legendäre Goldgräberstadt in den Black Hills von South Dakota, die Dexter in ihrem Gründungszustand von 1876 beschreibt, die heimliche Hauptfigur des Buches ist. Der Roman erschien erstmals 1986, machte Dexter berühmt und war die maßgebliche Vorlage für die gleichnamige HBO-Fernsehserie.
Deadwood ist die gewalttätige, korrupte, rassistische, ja, verkommene Wiege dessen, was man später einmal das "zivilisierte Amerika" nennen wird. Die Zeiten sind rau, die Sitten roh. Lakonische Brutalität zieht sich einem blutroten Faden gleich durchs ganze Buch.
Gleichwohl kann man nicht sagen, dass „Deadwood“ ein herzloser Roman ist. Dexter hat viel übrig für all die verlorenen, kaputten, beinahe durch die Bank alkoholkranken und zusehends Richtung Wahnsinn driftenden Figuren. Am meisten Sympathien hegt er freilich für Charley – den freundlichen, einsamen Humanisten.
Michael Saager

* Pete Dexter: Deadwood. Aus de Amerikanischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind. 448 Seiten. € 22.–

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