Die Kölner Band im MEIER-Exklusivinterview

Foto: Matthias Sandmann

Es gibt die Band Erdmöbel seit 1995. Erst kamen sie aus Münster, dann zogen die vier Musiker nach Köln. Die Pop-Kritik hat die Band eigentlich immer ausgesprochen wohlwollend begleitet, aber das aktuelle Album „Krokus“ wurde gerade in den Feuilletons derart euphorisch gepriesen, dass die Musiker selbst davon überrascht wurden. Fakt ist: Glaubt man, was in den Zeitungen steht, heißt die beste Band der Welt aktuell Erdmöbel. MEIER staunt mit, hat aber eigentlich keine Gegenargumente. Zumal, wenn man mit dem Sänger und Texter Markus Berges und dem Multiinstrumentalisten und Studiofex Ekimas spricht. Denn das sind zwei sehr angenehme Zeitgenossen.

Meier: Hättet ihr jemals gedacht, dass Erdmöbel einmal als die Retter der deutschsprachigen Popmusik gefeiert würden? „Krokus“ wurde bei Erscheinen mit seitenlangen Feuilletons abgefeiert.

Ekimas: Wir können uns das auch nicht erklären. Es ist wohl so, dass wir mit dieser Platte einige offene Türen eingerannt haben. Es war offenbar ein echtes Bedürfnis nach „kulturell Hochstehendem“ da - und wir waren eine der wenigen Bands, die dieses Bedürfnis befriedigt haben.

Markus Berges: Es war ja auch wirklich an der Zeit, dass wir einmal auf breiterer Ebene verstanden werden. „Krokus“ ist zwar unserer Meinung nach ein sehr gutes Album geworden, andererseits ist es auch ein typisches Erdmöbel-Album. Dass dann plötzlich derart auf Gefallen stößt, ist schon überrschend.

Ekimas: Was wirklich anders war diesmal: wir mussten plötzlich keinen Spagat zwischen Rock-Musik und Kultur mehr machen. Das war plötzlich vereinbar. Da hat sich schon etwas verändert.

Meier: Das Wort „Rock-Musik“ hätte ich im Zusammenhang mit Erdmöbel gar nicht in den Mund genommen.

Ekimas: Wir nehmen dieses Wort auch ungern in den Mund, aber es gibt kein besseres.

Meier: Pop-Musik?

Ekimas: Pop-Musik, das ist eben auch Lady Gaga. Und das sind wir nicht. Dieter Bohlen, das ist ist Pop-Musik. Es ist ein schwieriger Begriff. Rock-Musik ist ja eigentlich eine ziemlich häßliche Musik, bei der man mit Gitarren auf der Bühne steht. Und genau das machen wir.

Meier: Aber gerade „Krokus“ lebt doch davon, dass ganz wenige Gitarren zu hören sind.

Ekimas: Na, das war jetzt auch eher symbolisch gesprochen. Wir sind einfach eine richtige Band. So wie die Beatles.

Meier: Vor einigen Wochen hattet ihr eine Radiosendung zu bestreiten, in der ihr Musik spielen durftet, die euch gefällt. Da habt ihr neben Indie-Bands wie Spoon oder Bowerbirds auch Klassiker wie Paul McCartney, Van Morrison, Brian Wilson oder Bob Dylan ausgesucht. Die eigentliche Überraschung aber war für mich ein ganz frühes Lied von Franz-Josef Degenhardt. „Auf der Espressomaschine“ klingt schwer nach Erdmöbel, ist aber von 1965.

Berges: Uns gab es schon, als wir den für uns entdeckt haben. Aber uns ging es wie dir. Man ist ziemlich überrascht. Ich habe irgendwann die alten Degenhardt-Platten noch einmal durchgehört. Wenn man den Politkram wegräumt - was man ja machen muss, weil der Kommunismus ja irgendwie etwas abgebaut hat -, bleibt noch immer viel übrig, den es zu kennen lohnt. Der Mann ist ein großer Poet.

Meier: Vielleicht sollten die Fans des Poeten Degenhardt mal ein „Best of“ kompilieren. Vielleicht ist Degenhardt auch so altersmilde geworden, dass er sich über eine Wiederentdeckung aus anderer Perspektive freuen würde.

Ekimas: Degenhardt altersmilde? Niemals! (lacht)

Berges: Wir haben übrigens Degenhardt auch schon gecovert: „Ein schönes Lied“. Kann man auf YouTube angucken.

Meier: Element of Crime haben Degenhardt auch schon gecovert.

Berges: Ja, das stimmt!

Meier: Könnte euer rasanter Ruhm denn auch damit zu tun haben, dass die „Hamburger Schule“ etwas Moos angesetzt hat. Normalerweise guckt man bei intellektuell ambitionierten Texten reflexhaft Richtung Norden.

Ekimas: Ich glaube, Erdmöbel bedienen nicht das Bedürfnis nach dem Intellektuellen, sondern das Bedürfnis nach dem Poetischen. Das ist schon ein Unterschied. Ich habe auch gar nichts gegen Blumfeld und Distelmeyers kontroverse Texte, wo dann diskutiert wird, ob man das darf, ob das jetzt noch cool ist. Über unsere Texte wird nicht diskutiert. Das ist auch gut so, denn wir wollen das auch gar nicht. Die Leute sind ein bisschen lockerer geworden was Poesie angeht.

Meier: Obwohl ihr deutsche Texte habt, muss man genau und manchmal auch wiederholt hinhören, bis sich die Abfolge von Worten zu einer Narration oder einem Bild fügt. Das ist schon ganz schön knifflig manchmal.

Ekimas: Man kann das aber auch einfach so hören. Mit weniger Erwartung und weniger Arbeit. Einfach nur hören: Worte und Sätze. Ein Song wie „Wort ist das falsche Wort“ lässt sich nicht so leicht »entschlüsseln«. Allein innerhalb der Band Erdmöbel gibt es vier unterschiedliche Interpretationen. (lacht) Texte sind ja auch eine emotionale Sache.

Berges: Narration ist ja auch nur eine Möglichkeit unter anderen mit unserer Musik umzugehen. Man kann aber mit Assoziationen auch spielen. Andere Bands legen viel mehr Wert auf eine »Message«, da wird die Narration dann wichtiger als die Assoziation.

Ekimas: Die Moral von der Geschicht´, die gibt es bei uns nicht. Aber die Leute kommen damit ganz gut klar.

Meier: Wie sieht es denn in Sachen Radio-Airplay bei Erdmöbel aus?

Berges: Schlecht sieht das aus. Dabei würden wir gerne mal einen richtigen Hit landen. Das klingt jetzt vielleicht etwas verstiegen. Aber als Band haben wir schon diesen Ehrgeiz und arbeiten daran. „Krokus“ wurde zwar viel vorgestellt im Radio, aber eben nur bei den Kultursendern. Der Radio-Hit bleibt weiter ein Wunschtraum.

Ekimas: Es gibt bei den Radiostationen so Musikraster - und da fallen wir leider immer durch. Da heißt es dann: »Das ist zu schwierig, da sind unsere Hörer verwirrt und rufen uns dann an und nerven uns!« Ich verstehe das nicht so ganz, aber die Radioleute wollen durch ihre Arbeit offenbar keine Aufmerksamkeit erregen.

Meier: Das Radio als Nebenbei-Medium. Kaum läuft im Dudelfunk ein Song von Erdmöbel, gibt es haufenweise Autounfälle und in Tischlereien werden dutzende Finger abgesägt.

Berges: Ja, genau! (lacht) Und es ist doch wirklich eine Kackhaltung, das nicht zu wollen, oder? (lacht)

Interview: Ulrich Kriest (MEIER 4/2011)

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