Der Jazz'n'Arts-Labelchef im MEIER-Interview

2009 war Enjoy Jazz der Ort in Deutschland, an dem das renommierte Label „ECM“ seinen 40. Geburtstag mit einem erstaunlich hochkarätig besetzten Programmschwerpunkt feierte. In diesem Jahr ließen die Festivalmacher die Kirche im Dorf und würdigten die Arbeit des hiesigen Jazz’n’Arts-Labels. Das hat immerhin auch schon zehn Jahre auf dem Buckel. MEIER hat sich aus diesem Anlass mit Labelchef und Musiker Thomas Siffling unterhalten.

MEIER: Als Ihr vor zehn Jahren das Jazz’n’Arts-Label begründet habt, was war Eure Idee dahinter? Gab es damals nicht schon genug Labels? Zeichnete sich damals nicht schon die Krise der Musikindustrie am Horizont ab?

Thomas Siffling: Ganz ehrlich war es eigentlich erstmal eine Geste Fritz Münzer gegenüber. Meinem Mentor und Freund, der seinen Emanon-Musikverlag weitergeführt sehen wollte. Am Anfang war ich demgegenüber eher abgeneigt, weil ich mich nicht als Verleger, sondern nur als Musiker gesehen habe. Nach zähen Diskussionen schlug ich Fritz dann vor, Olaf Schönborn mit ins Boot zu holen. Mit Olaf zusammen entschieden wir dann, neben dem Emanon-Musikverlag mit seinem Label „Rodenstein Records“ ein „ambitioniertes“ Jazzlabel zu gründen. So entstand Jazz’n’Arts, das von Anfang an nicht nur für unserer eigenen Produktionen gedacht war, sondern immer auch offen für Produktionen von Kollegen sein sollte, um unseren gehobenen Anspruch auch zu definieren. Die Krise der Musikindustrie war damals für uns noch nicht absehbar. Aber das kann auch an unserer Naivität, mit der wir an die Sache herangegangen sind, gelegen haben.

MEIER: Eure ersten Veröffentlichungen zeichneten sich durch ein relativ einheitliches Design mit sehr hohem Wiedererkennungswert aus. War das ein Irrweg? Heute scheint jede Veröffentlichung konzeptionell durchdacht. Das ist fast die entgegengesetzte Strategie. Wie kam es dazu?

Siffling: Unsere Anfangsstrategie war es immer, Dreierserien mit verschiedenen Künstlern und Stilistiken in einem einheitlichen künstlerischen Rahmen zu veröffentlichen. Die Hoffnung dahinter war, dass immer mindestens eine der Produktionen bei den bemusterten Kritiken auf Wohlgefallen treffen würde und wir durch die grafische Gestaltung einen „bleibenden“ Eindruck hinterlassen könnten. Dieses Konzept ist nach meiner Meinung nicht aufgegangen. Wir mussten viele Kompromisse eingehen, um die Serien vollzukriegen und produzierten mit 9 bis 12 Alben pro Jahr deutlich zu viel. Es war schier unmöglich, jeder Produktion die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen. Mit „kitchen music“ (2007) änderten wir das Konzept entschieden. Nach der Trennung von Olaf, der seit 2008 Rodenstein Records weiter betreibt, forcierte ich dies noch mehr. Ich wollte Plattencover, die extra für und zur Musik gemacht wurden. Ein Artwork, dass im besten Fall den musikalischen Inhalt widerspiegelt. So versuche ich immer in Gesprächen mit den Künstlern einen Weg zu finden, eine Art Eye catcher zu bekommen - ohne dass sie sich zu sehr verbiegen müssen. Dieses Konzept hat sich als deutlich nachhaltiger erwiesen. Außerdem können wir jetzt jeder einzelnen Produktion mehr Zeit schenken, um sie zu vermarkten.
 
MEIER: An welche Produktionen denkst Du besonders gerne zurück?

Siffling: Die erfolgreichste Produktion im Label ist mit Abstand „kitchen music“, das erste Album im neuen Design. Aber für mich persönlich sind auch u.a. die Alben von Rainer Tempel, Kristjan Randalu, Lorenz Raab und Oliver Strauch etwas ganz Besonderes. Aber eigentlich ist es müßig, einzelne Titel herauszupicken. Ich bin auf alle 59 Produktionen stolz und höre die auch heute noch gerne.

MEIER: Wo steht Jazz´n´Arts heute?

Siffling: Wir sind ein sehr ambitioniertes deutsches Jazzlabel, das immer den Anspruch an sich stellt, jung, zeitgemäß und verständlich zu klingen und dabei überregional und international wahrgenommen zu werden. Ich denke, hinter den Majors und den etablierten Indies befinden wir uns im oberen Drittel der Liga mit Tendenz nach oben. Was sicherlich eine unserer Stärken ist, ist die Zufriedenheit unserer Künstler.

MEIER: Du bist Musiker, Produzent, Labelbetreiber. Ist Multitasking heute eine notwendige Tugend? Gibt es mitunter Anforderungen, die professioneller gelöst werden könnten, wenn mehr Geld da wäre?

Siffling: Sicherlich langt es heute nicht mehr, „nur“ Musiker zu sein. Mann muss lernen, sich selbst zu vermarkten, ein Netzwerk aufzubauen etc. Dabei hat mir die Firma sicherlich sehr geholfen. Natürlich wären viele Dinge einfacher zu lösen, wenn die finanziellen Mittel vorhanden wären. So arbeite ich für diverse Produktionen mit einer Promotion Agentur aus München zusammen. Marion Hölczl, die einen super Job macht, muss auch bezahlt werden. Bei den wenigsten Produktionen trägt sich solch eine Investition. Insofern müssen wir die Künstler, die ja auch davon profitieren, in die Pflicht nehmen. Mit mehr Geld könnte man deutlich mehr Werbung machen, was sowohl den Künstlern als auch der dazugehörenden Produktion sehr helfen würde. Aber bei den allgemeinen Verkaufszahlen im Jazz ist das leider sehr schwierig zu realisieren.

MEIER: Im Oktober wird die Arbeit von Jazz´n´Arts bei Enjoy Jazz mit einem gar nicht so kleinen Programmschwerpunkt geehrt. Wie ist das Verhältnis von Festival und Label?

Siffling: Sehr gut. Rainer Kern und ich kennen und schätzen uns schon sehr lange, und Rainer versucht, mich oft - sowohl als Label als auch als Musiker - zu unterstützen und zu protegieren. Insofern bin ich ihm für die Möglichkeit, uns zum zehnjährigen Jubiläum im Rahmen von Enjoy Jazz präsentieren zu können, sehr dankbar.

MEIER: Kannst Du Eure unterschiedlichen Projekte, die spielen werden, kurz vorstellen?

Siffling: Lorenz Raab und Bleu ist ein Trio aus Österreich um den Trompeter Lorenz Raab. Avantgarde Groove World Jazz mit perfekter Live Performance. Ein absoluter Tipp! Sarah Kaiser und ihre Band sind unsere jüngste Produktion, an der ich nicht ganz unbeteiligt war. Ich habe Sarah überredet, komplett in deutsch zu singen, und herausgekommen ist wunderbarer deutscher Soul Jazz. Dann stelle ich im Duo mit Daniel Prandl mein neues Album „Ballads“ vor. Nur Balladen und nur Flügel und Flügelhorn/Trompete. Ein besinnlicher Abend, versprochen! Abgerundet wird das Mini-Festival im Festival von Oliver Strauch mit Kenny Werner am Piano und Johannes Weidenmüller am Bass, um sein wunderbares „New York Album“ vorzustellen. Eine Hommage an das Great American Songbook!

MEIER: Welche Projekte und Perspektiven gibt es für die Zukunft des Labels?

Siffling: Ich bin sehr motiviert, das Label weiter nach vorne zu bringen. Sicherlich muss man auch den wirtschaftlichen Aspekt beachten und sich deshalb von diversen Sachen verabschieden. Gegenüber finanzkräftigeren und vielleicht auch besser vernetzten Labels können wir bei der Künstlersuche nicht mithalten. Rückschläge waren sicherlich unsere zahlreichen Vertriebswechsel und die Krise in der Musikindustrie. Es wird immer schwieriger, CDs auf herkömmlichen Wegen zu verkaufen. Da muss ein generelles Umdenken her! Die Konzerte sind die CD-Shops der Zukunft. Das müssen die Musiker lernen und sich vermehrt um Ihre Booking Aktivitäten kümmern. Auch dies ist ein schwieriges Feld. Es ist sehr, sehr schwierig, eine Booking Agency für junge aufstrebende Künstler zu bekommen. Es gibt schlicht zu wenige Agenturen, und auch das Gagenniveau macht es für Agenturen nicht wirklich attraktiv, sich hier zu engagieren. Hier müssen die Künstler mehr in die Pflicht genommen werden, auch wenn es sehr schwer ist, sich selbst zu verkaufen. Aber das müssen Sie eben dann lernen.

Interview: JOS (MEIER 10/2010)

Kommentieren

Meine Informationen merken

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


Kann ich nicht lesen, neues Bild bitte.


Kommentare werden umgehend geprüft und erst dann freigeschaltet.

Noch keine Kommentare zu diesem Artikel

Teilen |

Newsletter

Newsletter Abo
Welde_zeigt

Die meistgeklickten Podcasts:

1. Hakims Imbiss
2. ACTA Demo
3. Restauranttester Rach

Promotion

Wellnessurlaub im 4+ Sterne Wellnesshotel an der Mosel