Mannheims Indie-Legende im MEIER-Interview
Norbert Schwefel hat ein neues Album herausgebracht: „Weinheim Tea Party“. MEIER wollte wissen, was sich hinter dem rätselhaften Namen verbirgt – und natürlich nicht nur das. Außerdem gratulieren wir nachträglich zum 50.
MEIER: Welche Geschichte steckt hinter dem geheimnisvollen Albumtitel "Weinheim Tea Party"?
Norbert Schwefel: Es geht um Weinheim im goldenen Triangle, wo man das mythologische, apokalyptische Feuerreich Muspelheim vermutet, und "The Madhatters Tea Party": Ich glaube, ich schlüpfe hier in die Rolle eines von der Großstadt Geplagten, der in seinen Schrebergarten an rheinischer Hanglage flüchtet, um ein Bündnis mit Alice, umgarnt von Weinreben, einzugehen.
MEIER: In den 80ern hast Du bereits Tapes produziert, die wie Konzeptalben angelegt waren. Ist "Weinheim Tea Party" in seiner ganzen stilistischen Vielfalt jetzt das große Konzeptalbum, von dem Du immer geträumt hast?
Schwefel: Nein. Das ist auf das Tape "The Dancing Partner" von 1985 angespielt, das ich übrigens im Oktober zum Download auf meiner Homepage wieder veröffentliche. "The Dancing Partner" erzählt eine Geschichte und ist tatsächlich ein Konzeptwerk. Aber fünf Jahre nach The Wall von Pink Floyd ging so was damals eigentlich gar nicht. Die Leute konnten es nicht fassen, dass der Schwefel eigentlich so Sachen wie „Dark Side Of The Moon“ liebt.
"Weinheim Tea Party" ist nur sehr bedingt ein Konzeptalbum. Es wird
zusammengehalten, indem hin und wieder der Hase von Alice durch manchen Song rennt. Das war aber weniger Konzept als Mittel zum Zweck. Trotzdem muss für mich ein Album einen richtigen Anfang und einen richtigen Schluss haben und dazwischen dürfen diesmal die Menschen etwas surreal im Geiste der 70er durch Licht und Schatten gehen.
MEIER: Das Album ist wieder in Kooperation mit vielen Musikern aus der Mannheimer Musikszene der 80er Jahre entstanden und es fällt auf, dass du immer wieder auf die gleichen Namen zurückgreifst. Mit wem arbeitest Du da am intensivsten zusammen und warum?
Schwefel: Zuerst mein alter Mitstreiter und Keyboarder Thomas Hinkel, der vor 18 Jahren zur Band gestoßen ist und schon auf dem Motorpsycho-Album von ‘92 mitgemacht hat. Wir sind ein eingespieltes Team, er hat viele Ideen zu dem Album beigesteuert. Dann Leroy Hartmann, der ja auch Songwriter ist. Wir verstehen uns auf der High Magic-Ebene des gleichen Musikgeschmacks und komponieren und singen gerne zusammen. Dann ist da noch Christl Marley, der mit Unterbrechungen seit ‘86 bei Schwefel mitwirkt. Er meinte "lass uns ein bisschen St. Pepper-mässig arbeiten" und schließlich unterstützt uns Verona Davis schon seit 10 Jahren mit ihrer Stimme.
MEIER: Viel Material hat Du in deinem Homestudio im Mannheimer Jungbusch aufgenommen - interessanterweise gleich um die Ecke von Get Well Soon-Macher Konstantin Gropper, der hier sein vielbejubeltes Konzeptalbum "Rest now, weary head" aufgenommen hat. Kennt Ihr Euch?
Schwefel: Meine Freundin ist großer Fan von Konstantin Gropper und seiner Band. Sie brachte mir seine Musik näher, aber persönlich kenne ich ihn nicht. Ja, der Jungbusch versprüht immer ein bisschen Endzeitstimmung. Es ist einfach schön über ein ganzes Album einen Zusammenhang zu schaffen, man kann somit ein Thema viel intensiver behandeln und den Hörer zum Durchhören verführen. Das hat Konstantin Gropper auch bemerkt. Ich habe Get Well Soon zwei mal live gesehen und war vor allem von dem Weihnachtskonzert 2008 in der Feuerwache begeistert, weil sie sich da nicht scheuten kleine, ruhige, glitzernde, Klimperlieder von sich zu geben. Sehr schön und mutig.
MEIER: Du warst schon immer nicht nur Musiker, sondern auch bekennwnder Fan von Leuten wie Marc Bolan, Pater Hammill oder Emerson, Lake & Palmer. Wer oder was inspiriert Dich heute und welchen Song oder welches Album hast Du dir zuletzt gekauft?
Schwefel: Man kann mich heute nur noch schwer mit neuer Musik begeistern. Ich liebe die Musik der 70er Jahre und die habe ich in mich aufgesaugt, und sie dann im Gewand der 80er wieder ausgeblasen. Somit hat sich mein Hauptinteresse an Musik vom Hören zum Machen verschoben.
Vor kurzem hatte ich auf dem Flohmarkt eine Eloy-Vinylscheibe in der Hand, da huschte eine Fotografin um die Ecke und machte ein Foto. Zwei Tage später bekam ich dieses Foto per Mail mit der Überschrift "Schwefel beim Kauf einer Eloy-Platte erwischt". Krass oder? Aber zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen, das ist der reine Nostalgie-Trip und diese Musik inspiriert mich heute nicht mehr. Heute inspirieren mich Bücher, Filme, Industriegeräusche oder Vogelgezwitscher.
MEIER: Welches Album aus der Musikgeschichte hättest du selbst gerne aufgenommen?
Schwefel: Vielleicht Bowies „Low“, mit Toni Visconti und Brian Eno am Mischpult in Berlin in den Hansastudios sitzend mit Blick auf die Mauer, das stelleich mir spannend vor. Ein bisschen werde ich mir diesen Traum sogar erfüllen, denn ich werde demnächst in Berlin in einem ehemaligen Pferdebahnhof mit dem Berliner Geiger Thomthom Geigenschrey eine Session aufnehmen.
MEIER: Du arbeitest schon länger an dem Projekt "Stahloper". Wann wird diese Geschichte reif?
Schwefel: Große Geschichte, deutsches Nachkriegstrauma mit Liebesdrama in deutscher Sprache! Zweieinhalb Stunden geballte Industrie-Oper aus dem Mannheimer Hafen inklusive einer grünen Leiche im Verbindungskanal. Man kann das komplette Libretto bereits auf meiner Homepage lesen. Neben kleineren Aufführungen die für 2011 geplant sind, plane ich die Oper als multimediales Ereignis 2011 im Internet zu veröffentlichen und zwar in Episoden über das ganze Jahr verteilt. Dabei wird natürlich die Musik zu hören sein. Aber es gibt auch Filmmaterial zu sehen, welches ich mit Volker Langenfelder bereits produziert habe, außerdem möchte ich gerne ein paar Theaterszenen einbauen.
MEIER: Du giltst als ewiger Underground-Held der Mannheimer Szene. Gibt es hier eigentlich noch einen Underground?
Schwefel: Nö, alle sind jetzt Overground: oversättigt und massenkompatibel. Schwefel ist jetzt auch Mainstream, doch des Öfteren höre ich von Veranstaltern, dass diese Art von Musik in ihren Köpfen nicht vorgesehen ist.
MEIER: Welchen Song vom neuen Album sollten sich Schwefel-Neulinge auf jeden Fall anhören?
Schwefel: „Cher-Aok-A“, weil magisch.
Interview: Elias Geibel / Foto: Dietrich Bechtel (MEIER 10/2010)




