Der Chef der Mannheimer Philharmoniker im MEIER-Interview

Ein ganz besonderes Orchester wird in diesem Monat aus der Taufe gehoben: Die Mannheimer Philharmoniker sollen 81 jungen Instrumentalisten die Brücke vom Studium ins Engagement bauen und installieren im Rosengarten eine neue Konzertreihe. MEIER wollte wissen, was dahintersteckt und traf sich mit dem 23-jährigen Gründer und Leiter Boian Videnoff.


MEIER: Die Mannheimer Philharmoniker wollen eine Talentschmiede sein. Was habe ich mir darunter vorzustellen? Klingt ja ein bisschen nach Simon Bolivar Orchester …

Boian Videnoff: Das, was in Venezuela passiert ist absolut einzigartig, ein Programm für hunderttausende von Kindern, die Musik machen können. Dabei steht aber auch sehr der soziale Aspekt im Vordergrund. Bei uns geht es um etwas anderes. Die Philharmoniker sind eine Eliteförderung. Die besten Musikstudenten und -absolventen, die jetzt auf Stellensuche sind, sollen eine Möglichkeit bekommen, sich hier zu vervollkommnen, sie können mit bekannten Solisten zusammenarbeiten, eine richtige Konzertreihe füllen und Teil eines Klangkörpers sein. Dazu gehört auch, zu lernen, dass man sich selbst „vermarkten“ muss – und wie man das am besten tut.

MEIER: Ein bisschen wie ein Orchester für die Generation Praktikum …

Videnoff: Ja, das trifft es in gewisser Weise. Der Altersdurchschnitt bei uns liegt unter 30, auch wenn es eigentlich keine richtige Altersgrenze gibt. Es geht uns darum, jedem eine Chance zu geben, der sie verdient. Wir haben zum Beispiel ein Orchestermitglied, das im Vorspiel bei den Wiener Philharmonikern vor vier Jahren ins Finale gekommen ist, aber bis heute noch keine Stelle hat. Es kann nicht sein, dass man bei den Wienern soweit kommt und dann bei einem anderen Orchester in der ersten Runde scheitert.

MEIER: Das war ja wohl auch der Ausgangspunkt für das ganze Projekt: den jungen Musikern sozusagen eine Brücke ins Engagement zu bauen …

Videnoff: Ja. Der Anstoß kam vor ungefähr drei Jahren, als ich immer öfter von Freunden oder Kommilitonen hörte, dass sie beim Probespiel rausgeflogen sind, obwohl ich wusste, wie gut die sind. Und es gibt wirklich viele, die schon hervorragende Erfahrungen gemacht haben und es wert sind, zum Hauptprobespiel eingeladen zu werden. Manche haben auch nur eine Zweizeilenbiographie und kommen deshalb erst gar nicht zum Zuge. Wenn dann bei uns jemand eine Soloposition hat, bzw. hatte, kann das ja auch für die weitere Laufbahn von Vorteil sein. Vor zwei Jahren habe ich dann konkret angefangen, alles auszuarbeiten, und vor einem halben Jahr haben wir den Rosengarten gebucht. Das war dann sozusagen der „point of no return“.

MEIER: Um ein 80-Mann-Orchester von null zu füllen, brauchte es wahrscheinlich irrsinnig viele Probespiele …

Videnoff: Es waren zwei unglaublich intensive Monate. Dabei hatten wir Unterstützung von Stimmführern wichtiger Orchester, z.B. vom WDR, dem Gewandhausorchester, dem Nationaltheater und der Deutschen Radio Philharmonie. Sie, aber auch die Konzertmeister des Concertgebouw und der Wiener Philharmoniker werden auch in Zukunft in Mannheim Registerproben leiten oder Meisterkurse geben. Das ist für unsere Musiker alles kostenlos.

MEIER: Und dann gibt es ja auch noch so etwas wie Breitenförderung …

Videnoff: Ja, das sind unsere kostenlosen Kinderkonzerte ab Dezember. Dafür suchen wir uns ein Thema und richten das Repertoire ganz gezielt darauf aus. Im Gegensatz zu anderen Orchestern müssen wir uns ja nicht nach unserem Spielplan richten, sondern wollen soviel Repertoire wie möglich spielen. Der Rosengarten sponsort uns da insofern, als er uns besondere Räumlichkeiten und die gesamte Technik zur Verfügung stellt. Und die Resonanz ist jetzt schon riesig.

MEIER: Wie geht denn die konkrete Arbeit vonstatten? Wo proben Sie, und wie oft? Wo wohnen die Leute während der Arbeitsphasen?

Videnoff: Die Probespiele waren alle in der Musikhochschule, der Präsident Rudolf Meister, ist ja nicht nur mein Lehrer, sondern auch Ehrenvorsitzender unseres Fördervereins. Als Büro dient vorläufig noch mein Arbeitszimmer, und als Probelokal haben wir den großen Saal der Abendakademie gebucht, wo wir vor den Konzerten jeweils sieben Tage lang proben. Bei den Musikern ist es so, dass etwa die Hälfte aus Mannheim oder der Umgebung kommen, so dass wir die auswärtigen Kollegen privat unterbringen können. Aber wir sind auch auf der Suche nach Mäzenen, die gerne einen Musiker während einer Arbeitsphase bei sich zu Hause aufnehmen möchten. Unser Ziel ist ja auch, dass sich Freundschaften bilden und ein Wir-Gefühl entsteht. Wir wollen eigentlich nicht, dass die Leute hierher kommen, proben, ins Hotel gehen und dann wieder abreisen. Es soll wirklich so eine Art Community-Gefühl entstehen.

MEIER: Und wer bezahlt das alles?

Videnoff: Unsere erste Saison kostet ungefähr 300.000 Euro, das wird komplett aus Sponsoring und Spenden gedeckt. Wir arbeiten am Fundraising seit einem Jahr, und ich finde es schon sehr erstaunlich, wie viele unserer Anfragen positiv beantwortet wurden. Die Solistengagen sind durchweg Freundschaftspreise, weil die Kollegen unser Projekt unterstützen wollen. Und vieles weitere läuft natürlich über Eigenleistungen oder „gespendete Arbeit“, wie von unserem Rechtsanwalt Steffen Gallas. Der Hauptposten sind die Stipendien für unsere Musiker, mit einer monatlichen Unterstützung, die in etwa für die Miete reichen sollte.

MEIER: Wie würden Sie sich denn von den Konzertprogrammen her im Mannheimer „Orchesterangebot“ einordnen?

Videnoff: Naja, Pro Arte, bringt quasi die Elite nach Mannheim, das ist sehr wichtig, die Akademiekonzerte haben einen Akzent auf der groß besetzten Spätromantik, das Kurpfälzische Kammerorchester konzentriert sich auf das 18. Jahrhundert, und dann gibt es die Gastorchester vom SWR und die Staatsphilharmonie. Aber ein in Mannheim ansässiges Orchester, das sich um das philharmonische Repertoire vor allem des 19. Jahrhunderts kümmert, gibt es eigentlich nicht. Aber natürlich unterscheiden wir uns von den Berufsorchestern vor allem durch unser Verständnis als Talentschmiede, ein bisschen analog zur Jugendnationalmannschaft.

MEIER: Und die Musik nach 1900?

Videnoff: Das ist natürlich auch eine Frage der Kosten, denken Sie nur an die GEMA-Gebühren: Das könnten im Musensaal schon mal 2.000 Euro für ein Werk sein. Immerhin spielen wir Britten und Korngold. Aber wir haben natürlich viele Ideen, die wir umsetzen werden, wenn sie finanzierbar sind. Aber Sie haben schon recht, dass wir vor allem das philharmonische Standardrepertoire pflegen, auch damit unsere Musiker das kennenlernen.

MEIER: Und wie stehts mit der historischen Aufführungspraxis?

Videnoff: Dafür interessiere ich mich sehr - durch meine Studien mit Herrn Meister natürlich, aber auch schon vorher durch meine Mutter, die (u.a. auch) darauf spezialisiert ist. Also wenn Sie bei uns einen Mozart hören, dann wird das unseren heutigen Vorstellungen nach als stilgetreu zu bezeichnen sein. Bei Komponisten wie Beethoven und Schumann möchte ich am ehesten einen goldenen Mittelweg zwischen Romantisierung und radikaler Historisierung gehen.

MEIER: Sie betonen die Jugendlichkeit der Orchestermitglieder. Nach vier Jahren spätestens ist aber Schluss. Es wird also reichlich Fluktuation geben. Wie kann da ein homogener Klangkörper entstehen?

Videnoff: Diese Gefahr kann man natürlich sehen, aber ich habe auch ganz andere Erfahrungen gemacht. Ich erwarte eher, dass wir einen spezifischen Klang und eine Spielfreude entwickeln und dass sich Musiker, die neu dazukommen, da sehr schnell einfügen wollen und können. So wird diese Spielkultur von einer „Generation“ zur anderen vermittelt und immer weiterentwickelt.

MEIER: Denken Sie mittelfristig auch an Gastdirigenten?

Videnoff: Auf jeden Fall. Wir sind schon mit mehreren sehr namhaften Kollegen im Gespräch. Ich stelle mir vor, dass dieses Orchester, auch wenn ich es einmal nicht mehr leiten werde, immer einen sehr jungen Chefdirigent hat, und zusätzlich hervorragende Gastdirigenten einlädt.

MEIER: Wie steht es denn mit Ihren eigenen auswärtigen Engagements?

Videnoff: Ich habe in Bulgarien und Italien mehrere professionelle Orchester dirigiert, und mache in Burgas demnächst „La Traviata“. In Deutschland ist es für einen jungen Dirigenten schwierig, an Konzerte heranzukommen. Doch für die nächsten Jahre sind schon ein paar sehr spannende Dinge geplant, über die ich aber noch nicht sprechen kann. Und natürlich hoffe ich, dass wir mit den Mannheimer Philharmonikern Erfolge feiern und in der Orchesterlandschaft Aufmerksamkeit erregen werden. Aber mit 23 Jahren habe ich da ja alle Zeit der Welt.

MEIER: Warum gehen Sie eigentlich nicht ganz klassisch über den Opernbetrieb mit Korrepetition und so weiter?

Videnoff: Es ist auf jeden Fall mein Traum, Oper zu machen. Aber ich glaube, der übliche Weg ist nicht mein Ding. Und außerdem tendiere ich durch meine Erfahrungen als Assistent am Opernhaus in Rom eher zum italienischen Betrieb. Vielleicht denke ich darüber aber nächstes Jahr auch schon ganz anders.

Interview: Ingo Wackenhut (MEIER 10/2010)

Alle Termine: mannheimer-philharmoniker.de

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