Ulrich Michael Heissig im MEIER-Interview

In Mannheim ist er ein gerngesehener Gast: Ulrich Michael Heissig. Als Zeichen der Verbundenheit schaute er im Oktober wieder vorbei – mit dem Programm „Der Ring des Nie-Gelungenen“ und seiner Figur Irmgard, fiktive Zwillingsschwester von Hildegard Knef. Im MEIER-Gespräch verrät Heissig, was „seine“ Irmgard ausmacht, weshalb man öfter in gute Kneipen gehen sollte und warum er keine Kunstfigur mehr präsentieren will.

Meier: Sie sind jetzt mehr als zehn Jahre als Irmgard Knef unterwegs? Was war besonders schön?

Ulrich Michael Heissig: Schon der Karrierebeginn. Ein Raketenstart. Das erste Programm spielte ich ja noch zu Lebzeiten von Hildegard Knef, die das noch mitbekommen und abgesegnet hat. Tiefpunkt und Wende war ihr Tod im Jahr 2002 – der Tod des Vorbilds, der Vorlage für meine Figur. Es war zugleich aber auch das „Coming-Out“ der Irmgard Knef. Da wurde deutlich: Okay, das ist keine plumpe Parodie, sondern tatsächlich etwas Eigenständiges.

Meier: Und in Mannheim gibt’s jetzt das Beste der vergangenen zehn Jahre?

Heissig: Genau, die Highlights aus den bisherigen vier Programmen: „Ich, Irmgard Knef – Auferstanden aus Ruin“, „Schwesterseelenallein“, „Die letzte Mohikanerin“ und „Himmlisch! Ewigkeit kennt kein Pardon“. Diese vier Programme bilden auch den „Ring des Nie-Gelungenen“.

Meier: Wie und wo fing alles an?

Heissig: In Berlin, in einer Kreuzberger Kneipe 1996. Ich saß da und habe die Lieder der richtigen Knef laut mitgesungen. Dann meinten alle, ich würde ihr sehr ähnlich klingen. Da hab‘ ich mir gedacht: Aus dieser Sonderbegabung musst du was machen!

Meier: Also: Man sollte öfter mal in gute Kneipen gehen ...

Heissig: Ja, da ergibt sich einiges ... Jedenfalls ist auf diese Weise dann die Figur als „Schwester“ aufgetaucht; als unterprivilegierte, arme Verwandte, die sich berappelt hat.

Meier: Wie ging’s weiter?

Heissig: Die Berliner haben die Figur sofort gemocht. Über kleine Veranstaltungen in Jazzkellern und auf Hinterhof-Festen kam ich mit Irmgard dann irgendwann in die großen Theater. Eine kuriose Karriere.

Meier: Kurios auch, dass manche nach wie vor denken: Die Irmgard ist tatsächlich so eine arme Verwandte, die die Hildegard nie unterstützt hat.

Heissig: Die denken auch: Irmgard gibt’s wirklich und es läuft da nur einer rum – also: ich – und macht die nach. Für sie ist das keine Kunstfigur. Aber das ist ein Zeichen dafür, dass die Figur authentisch rüberkommt.

Meier: Hätte das alles auch mit der „fiktiven Zwillingsschwester“ einer anderen Person so funktioniert?

Heissig: Es gibt keine vergleichbare Person wie die Hildegard Knef. Sie hat die Nachkriegszeit wie keine andere geprägt, über mehrere Generationen hinweg. Und zwar in ihrer Vielseitigkeit als Schauspielerin, Autorin, Chanson-Sängerin und als erste Deutsche, die sich geoutet hat mit ihrer Krankheit. Auch als erste Deutsche, die sich liften ließ, hat sie sich geoutet. Sie war überhaupt die Erfinderin des Outings in Deutschland. Gab’s vorher nicht.

Meier: Was macht Ihnen besonders Spaß an der Figur?

Heissig: Es ist reizvoll, als Schauspieler eine Frau darzustellen. Außerdem ist die Irmgard nicht nur Chanson-Sängerin oder Kabarettistin, sondern sie hat von allem etwas. Sie aus einem Guss. Und: Weil ich meine eigenen Texte schreibe, kann ich auch vieles von mir selbst reinbringen.

Meier: Gibt es auch Hildegard-Knef-Verehrer, die sich beschweren?

Heissig: Seltsamerweise nicht. Leute, die befürchten, dass „ihre Hilde“ angegriffen wird, gehen wohl gar nicht erst hin. Für sie gibt es andere Programme, dort wird die Hildegard dann eins zu eins kopiert. Das ist allerdings ein Konzept, mit dem ich Probleme habe. Ich finde: Es gibt nur ein Original, ihre Interpretationen, ihre Arrangements, ihre Stimme – alles einzigartig. Wo soll also der Reiz darin liegen, sie bloß nur nachzumachen?

Meier: Wie sieht‘s eigentlich im Alltag aus: Schlüpfen Sie oft in die Rolle?

Heissig: Nein, nie. Alles nur für die Bühne. Die Irmgard bin ich wirklich erst, wenn die Maske kommt: Schminke, Brille, Perücke – und dann geht’s los. Für zweieinhalb Stunden. Danach bin ich wieder ich selbst.

Meier: Sie sagen: „Die Irmgard ist die Rolle meines Lebens.“ Was kommt danach?

Heissig: Ich werde sie noch eine Weile spielen, und derzeit arbeite ich an einem Musical über Alexander von Humboldt, aber nach Irmgard werde ich sicher keine Kunstfigur mehr präsentieren ...

Meier: Warum?

Heissig: Weil die blöde Schminke mit der Zeit meine Haut ruiniert ... (lacht)

Interview: Dimitri Taube

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