Die schwedische Nachtigall im MEIER-Interview
Schade, dass der Sommer 2010 so mies war! Denn die Sängerin Fredrika Stahl hätte mit „Song of July“ einen veritablen Sommerhit zu bieten gehabt. Andererseits ist ihr neues Album „Sweep Me Away“ erst Anfang Oktober erschienen und der Herbst lässt sich recht gülden an. Bedenkt man, dass die in Paris lebende Schwedin mit „A Fraction Of You“ und „Tributaries“ bislang eher im jazzaffinen Singer/Songwriter-Genre unterwegs war, staunt man dann doch. „Sweep Me Away“ ist ein waschechtes Pop-Album geworden, mit potentiellem Sommerhit und einer weiteren Hitsingle namens „Rocket Trip To Mars“. Was ist denn da passiert? MEIER geht der Sache auf den Grund!
MEIER: Liebe Fredrika Stahl, wollen Sie jetzt ein Popstar werden? Ihr neues Album klingt danach.
Fredrika Stahl: Danke sehr, das freut mich. Ich habe einfach anders gearbeitet, als bei meinen beiden vorherigen Alben. Ich bin für ein Jahr nach Schweden zurückgegangen, um dort sehr isoliert zu arbeiten. Kein Handy, keine Menschen, nur mein Klavier und ich. Außerdem habe ich kein normales Demo erarbeitet, sondern auch gleich meine Ideen fürs Arrangement aufgezeichnet. So war das Album gewissermaßen fertig, bevor ich es jemandem vorgestellt habe. Das hat wohl zu diesem etwas poppigeren Resultat geführt. Ich habe dem Pop, den ich in mir habe, einfach mehr Raum zur Entfaltung gegeben.
MEIER: Ich hatte in Interviews gelesen, dass sie nach Paris gezogen sind, weil ihnen Schweden zu langweilig ist.
Stahl: Ich lebe ja auch sehr gerne in Paris, aber das Leben dort ist extrem hektisch. Man kommt einfach nicht zur Ruhe. Das ist einerseits extrem inspirierend, andererseits ist es verteufelt schwierig, diese Inspiration kreativ zu nutzen. Dafür fahre ich dann nach Schweden, wo es sehr ruhig und relaxed zugeht. Würde ich dort nicht arbeiten, wäre es mir schnell zu langweilig. Sagen wir mal so: In Schweden kann ich mich denken hören.
MEIER: Was sagte denn Ihre Plattenfirma, als Sie nach zwei erfolgreichen Alben eine Auszeit nehmen wollten?
Stahl: Ich habe nicht gefragt. Ich war 17 Jahre alt, als ich nach Paris ging. Dann kamen zwei Alben und jede Menge Touren. Ich war umgeben von hochtalentierten und sehr interessanten Menschen, von denen ich sehr viel lernen konnte. Ich habe ja niemals eine Musikhochschule besucht. Ich lerne alles beim Machen. Das war alles ganz toll, aber dann kam doch der Moment, als ich dachte: So, jetzt machst Du mal eine Pause, holst tief Luft und guckst, was als Nächstes kommt. Ich war sozusagen bis zum Anschlag voller Erfahrungen und Eindrücke. Die mussten erstmal sortiert werden. Dafür ging es in die Einsamkeit des Nordens, wo ich kaum jemanden kannte. Das war manchmal etwas traurig, aber es hat sich gelohnt.
MEIER: Wie war denn die bisherige Karriere, so ganz allein unter Jazzern?
Stahl: Na ja, man muss sich das so vorstellen. Ich bin 17, komme aus Schweden, habe keine Ausbildung als Musikerin, werde vom Pianisten von Archie Shepp entdeckt, komme hinein in diese Szene, die tonnenweise Jazz-Geschichte mit sich herumträgt - und schreibe meine eigenen Songs. Das war manchmal geradezu eine Schutzmauer. Die Musiker, mit denen ich spielte, waren okay, sonst hätte ich nicht mit ihnen gearbeitet. Aber manchmal wird man dann doch mit Vorurteilen konfrontiert, wenn es heißt, diesen Standard solltest du besser nicht singen, weil man dazu ganz viel Lebenserfahrung braucht. Und dann bin ich wieder Blondie aus Schweden. Das ist ganz schockierend, dieses Jazz-Blablabla ... Aber meine Songs brachten mir dann wieder den nötigen Respekt.
MEIER: Das hört sich ziemlich frustrierend an.
Stahl: Ja und nein. Weil es mir klar machte, wie wichtig es ist, dass meine Songs eine eigene Handschrift haben. Es gibt so viele großartige Jazz-Sängerinnen, die Standards interpretieren. Warum sollte ich eine weitere von ihnen werden? Andererseits schließt die Arbeit an eigenen Songs ja nicht aus, dass sie vielleicht diesen speziellen jazzy touch haben. Am wichtigsten war es für mich, dass ich das Gefühl hatte, die Kontrolle zu behalten. Wenn man jung ist und einen Vertrag bei einer großen Plattenfirma bekommt, dann arbeitet man mit vielen Menschen zusammen, die alle sehr kompetent sind und alle eine Meinung haben. Dann hagelt es Ideen und Vorschläge. Manche sind gut, manche weniger. Da muss man aufpassen.
MEIER: Wenn Sie keine musikalische Ausbildung haben, wie komponieren Sie denn? Ohne Notation?
Stahl: Ich kann keine Noten schreiben, insofern muss ich meine Songs am Instrument entwickeln und versuchen, sie so gut in Erinnerung zu behalten, dass ich sie anderen Menschen vorspielen kann. Das sorgt manchmal für ziemlich gute Stimmung, wenn die anderen, besser ausgebildeten Musiker das bemerken. Die lachen sich kaputt! Aber die Sache hat auch etwas Gutes, weil man Regeln, die man nicht kennt, auch nicht beachten muss. Ich kann viel spontaner arbeiten, kann neue Idee entwickeln. I can think outside the box.
MEIER: Kann man Spontaneität trainieren?
Stahl: Klar! Sonst würde man ja immer dasselbe machen. Aber ich habe mich auch nie geschämt, Fragen zu stellen. Und seit einiger Zeit habe ich mich entschlossen, Unterricht zu nehmen, allerdings keinen Gesangsunterricht.
MEIER: Warum das?
Stahl: Ich bin es gewohnt, auf meinen Körper zu hören. Und obwohl ich sehr viel arbeite, habe ich das Gefühl, dass ich mit meiner Stimme sehr natürlich und gesund umgehe. Ich verletze mich da nicht, ganz instinktiv. Aber was mich wirklich auf neue Ideen bringt, ist die Verbesserung meines Klavierspiels. Das nehme ich sehr ernst.
MEIER: Sie haben sehr jung begonnen, professionell Musik zu machen. Warum haben Sie sich eigentlich nicht für Popmusik à la Kate Nash entschieden?
Stahl: In meinem Elternhaus wurde überhaupt kein Jazz gehört, nur Pop. Als ich nach Paris kam, geriet ich durch Zufall in die Jazz-Clubs und entdeckte diese Musik regelrecht. Das war sehr aufregend: Ich entdeckte eine (für mich) neue Musik, als ich gerade beschlossen hatte, selbst Musik zu machen. Ich bin ja auch immer noch sehr nah dran an der Jazz-Szene und werde sehr wahrscheinlich später auch mal wieder jazzigere Sachen schreiben. Aber ich plane all das nicht, ich arbeite mehr aus dem Bauch heraus. Und mein neues Album fühlte sich gut für mich an. Ich genieße die Freiheit, mich zwischen unterschiedlichen Stilen bewegen zu können. Letztlich geht es doch darum, dem Song sein bestes Kleid zu verpassen. Da ist mir jedes Mittel recht!
MEIER: „Sweep Me Away“ ist extrem aufwendig produziert. Wie wollen Sie die neuen Songs live präsentieren?
Stahl: Wir haben sogar zwei Konzepte. Zunächst einmal spielen wir in diesem Herbst eine sehr intime, akustische und leichte Version. Ich am Klavier, mit einem Gitarristen: Remie Decoutenhove. Das ist für mich interessant, weil das Album, wie Sie richtig sagen, derart aufwendig mit Streichern, Bläsern und Mellotron produziert ist. Wir specken die Songs jetzt wieder ab und präsentieren ihre Essenz. So, wie ich sie damals in Schweden geschrieben habe. Back to the Roots! Anschließend wird es dann eine Tour mit Band geben, da gibt es dann mehr Möglichkeiten zur Improvisation.
MEIER: Und danach noch eine Tour mit Orchester! Dann hätten Sie bis 2015 ausgesorgt, oder?
Stahl: Stimmt! Das hört sich gut für mich an!
Interview: JOS / Foto: Lisa Roze (MEIER 11/2010)




