Tobias Jundt im MEIER-Interview

Die polyglott, polymorph, perverse Band hat die wohl größte Karriere der letzten Jahre hingelegt. Nachdem sie jede Türklinke jedes Jugendhauses der Republik mit Namen kennen, hagelt es nun Anerkennung allüberall. Eine Seite in der „ZEIT“, Titelstory in „SPEX“, Erfolg bei der Jugend der Republik. Bevor sie gar nicht mehr ans Telefon gehen, weil sie der Größenwahn übermannt hat, griff MEIER noch schnell zum Hörer. Abgenommen hat Tobias Jundt, der Sänger, Texter und Anführer der Band.

Meier: Mein Arbeitszimmer liegt direkt neben dem Jugendzimmer meines 14-jährigen Sohnes, und seit mehr als einem Monat höre ich jeden Tag nur Schmatzen und Pferdegewieher.

Tobias Jundt: Oh! Da könnte ich durchaus mitverantwortlich sein. Was habe ich da nur gemacht? Man sieht ja oft nicht, welche Konsequenzen das eigene Tun für das Volk hat.

Meier: Wenn man sich mit Bonaparte beschäftigt, zaubert das automatisch ein Lächeln ins Gesicht. So wurde euer Debütalbum ausgerechnet vom Intro-Magazin, das sonst völlig unkritisch alles abfeiert, ordentlich abgewatscht. Ich zitiere: „Die Single ‚Too Much’ ist in ihrer widerwärtigen Einfältigkeit ein schlecht gerockter Anschein einer guten Idee.“ Der Studienrat spricht: „Setzen! Fünf!“

Jundt: (lacht) Ich fand das herrlich. Wir waren damals noch ganz neu. Bei den großen, internationalen Bands traut sich das ja eh niemand. Ich würde das, was ich mache, ja nicht als Kunst bezeichnen, aber wenn es einem Musikkritiker derart den Tag verhagelt, dann ist das schon lustig. Da fragt man sich: Hallo? Was hört denn der da? Ich wage die These, dass man schon bemerken kann, dass beim Songwriting von Bonaparte ein Handwerker die Finger im Spiel hatte und sich etwas dabei gedacht hat.

Meier: Musikalisch wird Bonaparte gerne in die Schublade „Elektro-Punk“ eingeordnet. Aber auf dem neuen Album „My Horse Likes You“ hören wir barocke Händel-Loops und einen Gershwin-Song. Was hat das zu bedeuten?

Jundt: Eine Cover-Version? Von welchem Song? Ich habe dabei an die Muppets-Show gedacht.

Meier: Ich höre da den Gershwin-Song „Let´s call the whole thing off“.

Jundt: Es gibt einen Rhythm Change, okay. Das gibt es tausende Male - und mein altes Klavier ist schwer verstimmt. Aber es ist kein Cover. Aber, gut, Elektro-Punk ist das nicht. Das zweite Album war in stilistischer Hinsicht schon ein kleiner Befreiungsschlag für mich. Das Debüt war noch ganz nah beim Bild vom ewig feiernden Berlin, wovon Bonaparte ja ein Teil waren, nur eben mit Spiegeln in der Hand. Jetzt hab ich gedacht, ich knall das Barockstück an den Anfang und dann gleich das Pferd hinterher. Danach ist einfach alles möglich.

Meier: In einem Interview hast Du gesagt, dass im Pop das Pferd häufig zum Objekt gemacht wird, während Du aus der Warte des Pferdes singst.

Jundt: (lacht)

Meier: Vergleichbar erzählst Du „Computer in Love“ aus der Perspektive des Computers. Handelt „Fly A Plane Into Me“ vom World Trade Center?

Jundt: (lacht): Wow! Deshalb gebe ich gerne Interviews! Man hört Interpretationen, auf die man selbst nie gekommen wäre. Sehr lustig! Durch das Verändern der Perspektive ergeben sich schnell spannende Dinge. Der Song handelt von Kommunikation und Zwischenmenschlichem, hat aber einen gewaltigen Titel für ein, nun ja, Liebeslied, (ruft): 69, 69! Das ist die einzige Zahl, die sich alle in der Band merken können. (erklärend): Ich habe gerade Kinderfahrräder für alle gekauft. Damit wir auf Tour Semmeln kaufen fahren können. Welche Zahlenkombination taugt für die Fahrradschlösser der KinderfahZräder von Bonaparte?

Meier: In der Intro-Kritik damals wurde Dir „schlimmstes Mittelstufe-Englisch“ nachgesagt. Ich finde gerade den Umgang mit Sprache bei Bonaparte extrem gelungen und interessant. Sehr eigen und gespielt naiv.

Jundt: Ich hoffe es doch sehr. Was ist denn heute naiv, gespielt naiv oder clever um die Ecke gedacht naiv? Bei einem Schauspieler haben die meisten Leute kapiert, dass er seine Rollen spielt. Musikern traut man das irgendwie wohl nicht zu. 200 Prozent Authentizität! Jeder, der mit klarem Verstand Bonaparte hört, hört auch, dass Sprache ein Grundpfeiler dieser Band ist. Bonaparte ist Text und Rhythmus! Alles andere ist Verpackung. Die Texte sind mir unglaublich wichtig, weil ich nichts singen kann, was keine Bedeutung hat. Sonst kann ich ja auch schweigen und zu Hause bleiben. Wenn dann ein Musikkritiker in einem Magazin solche Sachen schreibt, denkt man: „Nanu, hab ich dessen Schwester einen Korb gegeben, oder was?“

Meier: Du bist gebürtiger Schweizer, die Band ist international besetzt, aber gegründet wurde Bonaparte in Barcelona. Wie kam es dazu?

Jundt: Vor ein paar Jahren war ich auf der Suche nach einem Ort, wo meine Songideen auf einen Nährboden fallen. Ich bin mit einem ganz kleinen Rallye-Fiat aus den 60er Jahren durch Europa gefahren, wollte nach Madrid, habe mich verfahren und landete in Barcelona. Die Leute dort haben sehr positiv auf mich und mein kleines Auto reagiert, das gefiel mir gut. Da habe ich die ersten Songs aufgenommen. Die erste Gig-Anfrage kam dann aus Berlin, und da bin ich dann nicht mehr weggekommen, weil Berlin schon der richtige Boden für Bonaparte war und ist. Da habe ich Leute getroffen, die sich auch alle dort, wo sie herkommen, nicht ausleben konnten. Aber Bonaparte ist keine Berliner Band, sondern eher ein weltumspannendes Ding.

Meier: Mancher sagt, Eure Shows seien sexistisch.

Jundt: Das ist natürlich alles immer eine Frage der Perspektive. Aber eigentlich kann das gar nicht sein, weil alle Tänzer genau das machen, was sie wollen. Und nicht das, was ich ihnen sage.

Meier: Immerhin hast Du meinem Blick auf das Pferd alle Unschuld ausgetrieben. Nachdem ich „My Horse Likes You“ gehört habe, werde ich bei jedem Galopprennen nur noch die ungeheure sexuelle Energie vor Ort spüren können.

Jundt: (lacht): Scheiße. Ja, gut!

Interview: Ulrich Kriest (MEIER 10/2010

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