Plattenhören mit dem Fanta-4-Keyboarder
MEIER Eine nicht-repräsentative, aber aussagekräftige Umfrage in meinem Bekanntenkreis hat gezeigt, dass die Musik der Fantas viel weniger hängenbleibt als die Raps. Eine Ausnahme ist allerdings der Schluffi-Psychedelic-Funk von „Tag am Meer“. Kannst Du dir das erklären?
And.Ypsilon Das könnte natürlich mit dem Stilmischmasch zusammenhängen, den es auf unseren Platten gibt. Da gibt es ja 60ies Surf-Sound mit Dub-Einflüssen, wenn es uns reinläuft.
MEIER Wie wichtig ist Deine Arbeit als Produzent im Hintergrund für die Band?
And.Ypsilon Ich bin ja gar nicht der Musikverantwortliche der Fantas. Da gibt es zum Beispiel den Michi Beck, der als DJ natürlich ganz genau weiß, was die Leute noch vertragen können. Ich dagegen neige persönlich gerne mal zum Extrem.
MEIER Was heißt das konkret?
And.Ypsilon Bandhistorisch gesprochen sind es ja Smudo und meine Wenigkeit, die in den Old School-Tagen durch die Läden gezogen sind, weil uns HipHop so gut gefallen hat.
MEIER Und genau darüber möchte ich jetzt mit Dir sprechen. Ich spiele Dir ein paar Tracks vor und Du erzählst was dazu. Okay? Nummer Eins!
GRANDMASTER FLASH & THE FURIOUS FIVE: „Wheels of Steel“
And.Ypsilon Diese Sample-Orgie hat uns damals schwer gefallen. Das war ja eine neue Welt, die man sich komplett erschließen musste. In Stuttgart gab es den Vorteil, dass hier Amerikaner stationiert waren. Die hatten auch ein paar Clubs, wo solche Sachen liefen. Da sind Smudo und ich als 15-Jährige dann gerne hingegangen. So konnten wir die neue Musik in ihrem kulturellen Umfeld erleben.
Run DMC: „My Adidas“
And.Ypsilon Die frühen Run DMC-Sachen sind ja wirklich Hardcore. Nur Drummachine und Rap.
MEIER Mit „Walk this way“, der Kooperation mit Aerosmith, ging es dann mit Schub Richtung Crossover und Mainstream. Die Tage des Underground waren vorbei.
And.Ypsilon Run DMC kickten Crossover zum frühest möglichen Zeitpunkt, denke ich. Da war das Rappen dann irgendwie gesellschaftsfähig geworden.
KRS-One: „My philosophy“
And.Ypsilon Den kenne ich natürlich, aber nicht diesen Track.
MEIER Früher Gangsta-HipHop, als Run DMC nur noch eine Spaß-Kapelle waren. Der warf sich auf Platten-Covern in Malcolm-X-Posen. Ist jetzt übrigens wieder unterwegs und spielt dieser Tage bei Enjoy Jazz.
And.Ypsilon Echt? Braucht wohl Geld. Kurtis Blow ist ja auch noch fleißig unterwegs. Smudo hatte bei einem Konzert von dem gerade einen Gastauftritt. Da war natürlich extrem lustig. „The Breaks“ von Kurtis Blow stand ja ganz am Anfang. War super, wurde danach immer schwächer. Kurtis Blow spielte recht konventionell mit Band. Übrigens stand auch hinter Grandmaster Flash eine Band, die Sugarhill Gang-Band mit Doug Wimbish und Keith LeBlanc.
MEIER Spielte Gangsta-HipHop für euch eine Rolle. Oder war das schon jenseits des Radars?
And.Ypsilon Gangsta war für mich eher Westcoast. 2 Life Crew. Das war zwar Poser-mäßig, aber durchaus interessant. Klappe aufreißen ist ja im Rap eh wichtig. Wichtiger war für mich allerdings politischer HipHop von Public Enemy. Die verhandelten ernsthafte Themen auf ernsthafte Art und Weise. Das Gesamtpaket Public Enemy - Musik, Texte, Haltung - hat uns damals völlig umgehauen.
DE LA SOUL: „Me, Myself & I“
And.Ypsilon Das Album mit dem Blümchen-Cover aben wir damals rauf- und runtergehört. Ganz maßgebliche Crew. Verspielter Hippie-HipHop.
MEIER Wir bewegen uns klar in Richtung „Tag am Meer“, oder?
And.Ypsilon Stimmt genau! Auch das intelligente Sampling von De La Soul war damals ganz fresh. Arrested Development waren auch ganz okay, mir persönlich aber musikalisch zu harmlos. Andere würden sagen: zu poppig.
FETTES BROT: „Jein“
And.Ypsilon Ah, ja. Sprechgesang mit deutschen Texten.
MEIER War doch klar, dass das kommt, oder? Ihr habt früh gesagt, dass ihr niemanden imitieren wollt, sondern eure Lebenswelt, eure Erfahrungen als Stuttgarter zum Ausgangsmaterial nehmen wollt.
And.Ypsilon Der Slogan war: „We are from the Mittelstand!“ Das war in der Tat sehr entscheidend für unsere Arbeit. Am wichtigsten von den hiesigen Crews waren wohl für uns, auch als Counterpart, an dem man sich abarbeiten konnte, Advanced Chemistry. Die waren ähnlich früh dabei wie wir. Vor und auch noch nach der ersten Platten haben wir ja auch bei einigen HipHop-Jams mitgemacht. Nicht häufig und auch nicht wirklich gern, weil dort die Stimmung immer so angespannt und so rechthaberisch war. Jeder war davon überzeugt, dass allein er den richtigen HipHop macht. Und damals waren wir wirklich die Einzigen, die bereits konsequent auf deutsche Texte setzten. Andere hatten vielleicht mal ein, zwei Spaßstücke auf Deutsch im Repertoire. Das war gleich nach der legendären Reise von Thomas D. und Smudo, die damals drei Monate lang durch Amerika gereist sind. Auf den Spuren des Rap. Und da haben die gemerkt, dass die Amis ziemlich blöd gucken, wenn ein Europäer kommt und mit Akzent auf Englisch rappt. Das ist peinlich! Wenn sie aber auf Deutsch rappten, horchten die interessiert auf. Die verstanden zwar kein Wort mehr, spürten auf gewissermaßen die Authentizität der Energie. Das fanden die klasse! Wieder zurück, haben die beiden uns Zuhausegebliebe überzeugt.
FISCHMOB: „Du (äh, du)“
And.Ypsilon Ich habe das alles ganz gerne gehört. Aber als Bastler hat mich das nicht mehr so richtig beeindruckt. Und beeinflusst schon gar nicht. Ich hatte nicht das Gefühl, ich müsste das auch so machen. Obwohl es da schon echte Highlights gibt. „Schwule Mädchen“ von Fettes Brot etwa, mit diesem großen Electro-Einfluss, den ich sehr schätze. Doch, toll gemacht! Da bin ich sehr, sehr neidisch. Bei diesem Crossover staune ich schon, aber meine musikalischen Wurzeln sind viel, viel früher gelegt worden. Außerdem haben wir uns ja früh auch gar nicht mehr als HipHop verstanden.
K.I.Z.: „Riesenglied“
And.Ypsilon Wir sind ja fast eine Generation älter als die und sehen das auch so. Deshalb brauchen das jetzt nicht zu machen. Aber Smudo ist ein großer Fan von K.I.Z. und schleppt immer deren Tracks an. Ich finde das auch sehr erfrischend. Und ein Albumtitel wie „Sexismus gegen Rechts“ ist schon sehr intelligent.
SNOOP DOGG: „Drop it like it´s hot“
And.Ypsilon Ganz groß! Von allen Gangsta-Rappern ist Snoop schon auf dem nächsten Level.
MEIER Minimalistischer können coole Beats nicht sein, oder?
And.Ypsilon Genial! In einem Genre, in dem alle Künstler sich supercool geben, der Coolste von allen zu sein! Das kann man auf die Schnelle gar nicht beschreiben, was und wie der das so macht.
MEIER Die Fähigkeit zur Selbstironie?
And.Ypsilon Ein supercooler Gangsta mit Humor. Vielleicht. Auf jeden Fall hat es sehr, sehr viel Ausstrahlung, was er macht.
DIE FANTASTISCHEN VIER: „Gebt uns ruhig die Schuld (den Rest könnt ihr behalten)“
And.Ypsilon Wir haben uns von unserer Produzentencrew Vorschläge schicken lassen, haben das, was uns besonders gut gefiel, gepickt und weiter bearbeitet. In Zusammenarbeit mit unserer Live-Band. Da wird das dann so lange umarrangiert und bearbeitet, bis es zu den Raps passt. Ist eigentlich gar nicht so anders als früher mit den Loops. „Schuld“ basiert auf einer Grundidee unserer Hamburger Außenstelle. Smudo hat einen wunderbaren Produzenten an der Hand: DJ Farhot. Der hat die Grundidee geliefert. Wir haben das auseinandergenommen und reduziert auf das, was uns gefällt. Die Stilistik gefiel uns aber noch nicht, da fehlte die Leichtigkeit. Dann haben Michi Beck und Thomilla es ihrerseits auch noch mal auseinander genommen und die Idee mit dem Surf-Sound gehabt. Dann haben wir mit der Band zusammen daran weitergearbeitet, bis das Stück komplett das Genre gewechselt hatte. Jetzt sind nur noch ein ganz paar Elemente der Ursprungsidee enthalten. Da habe ich dann darauf bestanden, weil ein paar Sound waren sehr oldschoolig. Eine Orgel von Farock ist auch noch drin, allerdings von mir stark bearbeitet. Das war schon das aufwändigste Stück des Albums. Reine Produktionszeit: drei Monate, mindestens.
Die Fragen stellte Ulrich Kriest, der auch auflegte. (MEIER 12/2010)




