Die Meister-Pianistin beantwortet MEIERs Klassischen Fragebogen

Was hören Sie beim Putzen?


Beim Aufräumen und Putzen höre ich meist Kabarett, zur Zeit Georgette Dee oder Olaf Schubert.

Was hören Sie in der Badewanne?

Wenn ich mir Zeit für eine Badewanne nehme, dann soll das einen Erholungseffekt haben. Es kann durchaus sein, dass ich dafür die absolute Stille bevorzuge.

Welchen Komponisten der Musikgeschichte würden Sie bitten, ein Stück für Sie zu schreiben?

Das ist eine schwere Frage. Die Komponisten, vor denen ich die größte Hochachtung habe, würde ich nicht mit meiner Person belasten wollen. Vielleicht aber würde es mich interessieren, wie Schumann mich in den Carnaval einbauen würde. Zu den vertonbaren Buchstaben A.S.C.H kämen dann ein G und ein E.

Vor welchem Werk haben Sie Angst?

Wirklich Angst habe ich zumindest nicht vor den Werken, die ich spiele. Wenn ich Stücke für mich für ungeeignet erachte, dann überlasse ich sie gerne anderen. Aber Respekt habe ich. Vor jedem Stück. Bei jedem Auftritt.

Was war Ihr aufregendstes musikalisches Erlebnis – und warum?

Oh, da gibt es glücklicherweise viele. Es gibt diese Momente, bei denen auf der Bühne plötzlich alles funktioniert, man ist wie in einem Rausch. Ich erinnere mich an mein erstes Auftreten mit Orchester, das war- mit Verlaub- fast orgiastisch und hocherotisch für eine 16-Jährige. Als ich kurz danach wieder mit Orchester spielen durfte, beim Wettbewerb in Bonn, da hätte ich auf der Bühne fast angefangen zu weinen, so glücklich war ich.
Und ich erinnere mich an ein Konzert in Weimar im Belvedere, da spielte ich Beethoven 3. Wir hatten aus unterschiedlichen Gründen die luxuriöse Zahl von sechs Proben gehabt, alle fühlten sich wohl, es war, als würde die Musik von selbst fließen. An dem Tag war Svatoslav Richter verstorben, und wir haben ihm das Konzert gewidmet. Es war ein so intensiver Applaus, das habe ich nie wieder erlebt. Mein Lehrer, Bernard Ringeissen, stand im Publikum auf, er nahm mich in die Arme und sagte „nun brauchst Du mich nicht mehr“.
So viel Größe an einem Abend, das war fast unerträglich. Ich habe Tage gebraucht, um von diesem Gefühl wieder in die Realität zu wechseln.

Mit wem würden Sie am liebsten einmal Musik machen?

Ich mache mit allen Partnern, mit denen ich musiziere, gern Musik. Und ich hoffe, auch weiterhin so tolle Musiker treffen zu dürfen wie bisher.

Welche Sorten von Interpreten können Sie nicht ausstehen?

Diejenigen, die auf die Bühne gehen, weil sie eitel sind.

Wie würde Ihr ideales Publikum aussehen?

Ist mir ganz egal, wie die aussehen, Hauptsache, sie hören zu! Nein, im Ernst, ich genieße es, wenn ich spüre, dass im Raum eine intensive Aufmerksamkeit herrscht, wenn es gelingt, einen Saal zum Vibrieren, zum gemeinsamen Atmen zu bringen. Das passiert eher in kleinen Räumen, deshalb spiele ich sehr gerne in Kammermusiksälen.

Was möchten Sie bis in zehn Jahren musikalisch erreicht haben?

Ich möchte mehr Ruhe finden und es schaffen, mir meine Zeit besser einzuteilen. Ich habe manchmal so viele Ideen, und dann verzettele ich mich.

Sie reisen viel. Was machen Sie fern der Heimat außer Musik am liebsten?

Ich gehe in fremden Städten gerne in die Kirchen und lasse den Geist, der dort herrscht, auf mich wirken. Sehr eindrucksvoll war das in Warschau und in St. Petersburg, da bin ich in Gottesdienste geraten und habe einfach staunend zugehört und zugeschaut.

Wo sind Sie am liebsten – und warum?

Bei Menschen, die mich verstehen. Darum.

Was lesen Sie gerade – und warum?

Ich habe gerade „Schatten des Windes“ gelesen- wunderschön! Warum? Weil mein Vater mir das Buch empfohlen hat, und auf dessen Buchempfehlungen kann man sich verlassen.

Welche drei CDs haben Sie zuletzt gehört?

Ich räume derzeit viel auf, daher: Olaf Schubert, „Meine Kämpfe“. Dann: Jacky Terrasson: „Smile“. Und: Cesaria Evora

Musik ist nicht alles, oder doch? Was treibt Sie daneben am meisten um?

Meine Freunde, gemeinsam kochen, Skatspielen, meine Wohnung - meine Höhle!, in der Natur spazieren ... Das Leben ist doch herrlich!

 

Die Pianistin Ragna Schirmer wurde 1972 in Hildesheim geboren, studierte bei dem legendären Klavierprofessor Karl-Heinz Kämmerling und bei Bernhard Ringeissen in Paris. Zweimal gewann sie den Leipziger Bach-Preis, seit 2001 ist sie Professorin an der Mannheimer Musikhochschule, 2009 bekam sie den Echo Klassik für ihre Gesamtaufnahme der Händel-Suiten. Sie war 2010 der erste Artist in residence beim Heidelberger Frühling.


Ingo Wackenhut / Foto: Frank Eidel (MEIER 4/2010)

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