Der "Masterbabbler" im MEIER-Interview

„Masterbabbler“? Nein, das ist kein neuer Studiengang der Uni Mannheim, sondern der Titel des aktuellen Programms von Arnim Töpel. Doch auch dem „Philosophen unter den Kabarettisten“ geht es um Bildung – Herzensbildung. Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Und wozu brauchen wir Dialekt? Das sind Fragen, mit denen sich der gebürtige Heidelberger auf der Bühne beschäftigt. MEIER fragte zurück.

 

Meier: In Ihrem neuen Programm „Masterbabbler“ gibt es die „Erste Kurpfälzer Dialektschule“. Was hat es damit auf sich?

 

Arnim Töpel: Das ist die Chance, sich mit unserem Dialekt in einem Schnupperkurs vertraut zu machen. Mit dem Vokabular, der Grammatik, den speziellen Lauten, der Musikalität und mit dem Lebensgefühl, das darin steckt. Nehmen wir zum Beispiel das beredte „Schweigen auf Kurpfälzisch“: „Ischsachmolnix ...“

 

Meier: Sie machen zwar ein Soloprogamm, aber so ganz solo sind Sie auf der Bühne trotzdem nicht ...

 

Töpel: Ich habe zwei Seelen, zwei Menschen in mir drin. Der eine bin ich, der Pianist – mit Hochdeutsch als Muttersprache. Und der andere ist so ein Typ, der tatsächlich seit geraumer Zeit tief in mir steckt: „de Günda“.

 

Meier: Was machen die beiden? Wie kann man sich das vorstellen?

 

Töpel: Wie einen ständigen inneren Dialog. Es ist ein Hin und Her, sprachlich wie musikalisch. Und wir beide sprechen tatsächlich über Gott und die Welt. Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Wozu brauchen wir Dialekt?

 

Meier: Und? Wozu brauchen wir Dialekt?

 

Töpel: Dialekt ist wertvoll, und zwar jeder Dialekt. Ich gehöre nicht zu denen, die behaupten: Kurpfälzisch ist die allerschönste Sprache und unsere Heimat ist so herrlich ... Nein, Dialekt hat eine ganz andere Funktion: Die Menschen brauchen in dieser haltlosen Welt Erdung, wir müssen wissen, wohin wir gehören.

 

Meier: Sie sagen: Man kann im Dialekt auch Regierungserklärungen abgeben. Oder Predigten halten. Kann man wirklich?

 

Töpel: Klar. Das passiert nur nicht, weil der Dialekt aus unserem Alltag längst verschwunden ist, weil er lange diskreditiert wurde, in dem Ruf stand, nur etwas für schlichte Gemüter zu sein.

 

Meier: Bei Ihnen heißt es dazu, Mundart sei alles andere als tumb und ordinär. Wie meinen Sie das?

 

Töpel: Es ist ein probates Mittel: Wenn man auf der Bühne einen Trottel darstellen will, lässt man ihn Dialekt sprechen. Und alle machen sich darüber lustig. Dem Dialekt erweist man damit keinen Dienst. Dappisch ist eben nicht bleed.

 

Meier: Befürchten Sie, dass es den „Kurpfälzer Groove“ irgendwann nicht mehr gibt? Ist der Dialekt noch zu retten?

 

Töpel: Dialekt ist eindeutig vom Aussterben bedroht. Die Mediensprache ist Hochdeutsch, und die Medien sozialisieren die Menschen. Es bleibt ein bisschen Akzent. Vor allem die Jüngeren haben zur Mundart keinen Zugang mehr, es sei denn als Witzvehikel.

 

Meier: Was kann man dagegen machen?

 

Töpel: Zum Beispiel Programme, Songs. Mit Inhalten. Bei allem Witz, bei aller Unterhaltung geht es mir immer auch um die wichtigen Dinge im Leben. Die Leute sollen jetzt alle mobil sein und durch die Welt juckeln, ständig vernetzt sein, und drohen dabei, keine Bindung mehr zu nichts und niemandem zu haben. Sprache kann für diese Bindung sorgen.

 

Meier: Was kann man mit Dialekt besonders gut sagen, was so im Hochdeutschen nie funktionieren würde?

 

Töpel: Im Grunde alles. Dialekt hat Herzlichkeit und Wärme, Charme und Weichheit, aber auch Kompromisslosigkeit und vor allem Musikalität. Ich habe einen Song, der heißt „Des is ä Singlewelt“, Soul auf Kurpfälzisch. Weil ich ihn im Dialekt bringe, verliert er nicht an Brisanz, aber an Brutalität.

 

Meier: Welche „kleinen Gemeinheiten“ funktionieren besser im Dialekt?

 

Töpel: Na ja, gemein will ich nicht sein. Ich will nicht verletzen. Es gibt aber genügend Seitenhiebe in meinem Programm, insbesondere auf unsere Bildungssituation.

 

Meier: Zum Beispiel?

 

Töpel: Die chronisch fehlende Herzensbildung. Die Inflation der Studiengänge, der vielen Abschlüsse, die sowieso niemand ernst nimmt – und die auch niemand braucht: zu viele „Master Bachelor of Sprischbeitel“. Und besonders dankbar bin ich meinem Günda für seine Übersetzung von „Marketing“: „Uffschneiderles“.

 

Interview: Dimitri Taube

 

Termine: arnim-toepel.de

 

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