Künstler statt Entertainer

Vor allem zu Heidelberg und seinem Frühling pflegt der 1955 geborene Weltklasse-Bariton aus den USA, der in Zürich und New York lebt, seit Jahren beste Beziehungen – auch wenn er dort in diesem März absagen musste. Umso schöner, dass der vielseitige und kluge Sänger nun Stargast bei der Operngala im Rahmen der Festlichen Opernabende des Nationaltheaters war. MEIER hatte sich im Vorfeld des umjubelten Abends mit Hampson über die Kunst, weibliche Fans, Mannheim und die Heidelberger Absage unterhalten. Inzwischen hat der Heidelberger Frühling außerdem mitgeteilt, dass Hampson ab 2011 im Rahmen des Festivals eine zehntägige "Heidelberg Lied Academy" abhalten wird. Das wussten wir zur Zeit des Interviews allerdings noch nicht.

Meier: Sie sind 30 Jahre im Geschäft, kennen die Spitzenhäuser der Welt. Was hat sich in dieser Zeit Ihrer Meinung nach am stärksten verändert?

Thomas Hampson: Der Abbau des Kapellmeistersystems ist gefährlich. Es gibt auch verstärkt Opern-Intendanten, die keine Musiker sind. Und dass man offenbar nicht sicher ist, ob man Entertainer oder Künstler beschäftigen will. Jungen Kollegen sage ich: Genießt die Ruhe! Alles geht zu schnell. Unsere Stimme entsteht im Kopf, und der formt sich mit Ende 20 immer noch. Ich will nicht wie ein alter Hund knurren, aber die Lehrjahre an einem festen Haus sind durch nichts zu ersetzen. Man kommt ja nicht als Opernsänger zur Welt.

Meier: Unwillkürlich denkt man dabei an das plötzliche Burn Out junger Sängerkollegen. . .

Hampson: Ein Burn Out mit 30 ist tragisch. Bei mir ging die Karriere auch sehr schnell, aber doch Stein auf Stein. Ich bin in meinen ersten Jahren nicht von Oper zu Oper gehüpft.

Meier: Sind Medienzirkus und Marketing Gegner der Kunst?

Hampson: Eine teuflische Frage; wir gehen im Kreis. Marketing und Markt, das ist kein Schimpfwort. Es ist immer so gewesen, auch bei Rossini oder Mozart. Und wir brauchen den Markt. Aber natürlich macht unsere Gesellschaft eine radikale Entwicklung durch. Ich denke viel darüber nach und ich frage mich, wie wir das schaffen, diese vielen Informationen, die ja noch lange kein Begreifen sind. Und dann das Tempo! Kann ich eine Stunde ntv schauen und dann noch einen Strindberg oder Verdi sehen? Die Entwicklung ist vielleicht nicht gut, aber es ist, was es ist.

Meier: Unser Medienkonsum prägt das Kulturerlebnis.

Hampson: Ich sehe es als Musiker nicht ohne Sorge, dass die „Sprache” Musik immer weniger wahrgenommen wird. Ja, sogar in der unfassbar aufregenden Welt der Oper scheint sie inzwischen für manche nur ein Begleitgeräusch zu sein.

Meier: Sie sind in Rollen, Vater, Verführer, Königsmörder . . .

Hampson: Es muss für mich immer eine Figur sein, die ich verstehen kann. Ich mag Rollen, die ein Dilemma haben. Helden ja, aber nie ungebrochen, Menschen eben.

Meier: Ihre weiblichen Fans sind Legion. Eine Stimme ist ein Geschenk, aber gutes Aussehen auch. Wie wichtig ist das?

Hampson: Geschenke sind toll, wichtig ist aber, was man daraus macht. Wir leben in einer Gesellschaft, in der der erste Eindruck zählt, in der ein sympathisches Aussehen Vorteile hat. Wenn es dazu führt, dass man beim Vorsingen über junge Kollegen sagt: Eine super Erscheinung – und erst danach guckt, ob sie die Rolle schaffen, ist das schlecht. Natürlich war es ein Vorteil für mich, als „Figaro”-Graf 1,95 Meter groß zu sein. Ich möchte aber doch lieber damit in Erinnerung bleiben, dass ich meine Kunst mit Zielen, Respekt und Demut gelebt habe.

Meier: Was verbinden Sie eigentlich mit dem Mannheimer Nationaltheater, bzw. mit dem neuen GMD Dan Ettinger?

Hampson: Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit dem äußerst aufstrebenden Maestro Ettinger, der innerhalb kürzester Zeit eine sehr spannende Karriere gemacht hat. Es ist selbstverständlich auch eine Ehre in dem so renommierten Mannheimer Nationaltheater auftreten zu dürfen, an dem ich zum ersten Mal arbeiten werde.

Meier: Ihren Liederabend beim Heidelberger Frühling mussten Sie ja leider absagen. Im Internet kursierten Gerüchte, Sie hätten einfach ein Terminproblem gehabt, nachdem der Dirigent Leonard Slatkin am Tag vor Ihrem Heidelberger Konzert in seinem Blog noch geschrieben hatte, „He sounded great“. Wie war das tatsächlich?

Hampson: Die Absage in Heidelberg tut mir immer noch sehr leid. Das Festival liegt mir besonders am Herzen, und wir werden im Zuge der Erweiterung des Festivals in den nächsten Jahren sehr intensiv zusammenarbeiten. Leider war ich in der Zeit des geplanten Liederabends krank, und es war gesundheitlich ausgeschlossen, auf der Bühne zu singen. Bezüglich kursierender Spekulationen wollte Maestro Slatkin mit dem Blog-Eintrag über seine Leseprobe mit dem Orchester und mir vermutlich nur etwas Aufmunterndes über einen kranken Kollegen schreiben.

Meier: Nun kommen Sie zu einem Arienabend nach Mannheim. Haben Sie kein Problem mit solchen – ein bisschen bösartig gesagt - „zirzensischen“ oder auch starkult-verdächtigen Veranstaltungen?

Hampson: Es ist mir eine besondere Freude, in einer meiner Lieblingsgegenden in Deutschland nun auch an diesem Haus zu singen. Ich bin Herrn Ettinger und dem Nationaltheater Mannheim sehr dankbar für diese Einladung! Und verdächtig für Starkult werden an diesem Abend aus meiner Sicht höchstens Verdi, Tschaikowsky oder Mahler sein …

Interview: Lars von der Gönna/WAZ, Ingo Wackenhut / Foto: Dario Acosta (MEIER 6/2010)

 

DVD-Tipp: Busonis "Doktor Faust"

Thomas Hampsons Diskographie der letzten fünf Jahre ist überraschend "sparsam". Zuletzt gab es ein "Lied von der Erde" aus San Francisco, das hierzulande allerdings schwer zu beschaffen ist, und eine Mozart-DVD aus Salzburg zum Mozartjahr 2006. Derweil ist der der vielseitige Opernsänger Hampson aber auch als fulminanter Darsteller auf einer Referenz-Aufnahme von Busonis "Doktor Faust" zu erleben, 2006 in Zürich live fürs Fernsehen mitgeschnitten und nicht nur angesichts der Rarität des Stücks rundweg zu empfehlen.

Philippe Jordan entlockt der wertvollen Partitur sämtliche Finessen, Hampson zeigt, dass er auf der Bühne auch mal gefährlich weggehen kann vom (interpretatorisch natürlich bestens gefütterten) Schöngesang, der ihn berühmt gemacht hat, und der Mephistopheles von Gregory Kunde ist das Paradebeispiel eines frechen Charaktertenors. Klaus Michael Grüber, vor zwei Jahren gestorben und wie Busoni selbst ein Wanderer zwischen den alpinen Welten, der in Italien bei Giorgio Strehler zu inszenieren begann, betont hier die Künstlichkeit des reinen Spiels und überlässt der Musik ihre konstitutionelle Rolle. Gut so, bei solchen Sängern. (Arthaus Musik) IW

 

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