Der "Wissenschaftskabarettist" im MEIER-Interview

Christoph Brüske kennt die Gegend, war schon oft da. Im Juli war der Rheinländer, nach eigener Aussage „seit geraumer Zeit Anfang 30“, erneut in die Pfalz. Anlässlich des Kabarettissimo-Festivals spielte er in Mußbach sein Programm „Energie“. Im MEIER-Gespräch verriet er, warum er kaum Witze über Helmut Kohl macht, was ihn an Offenbach an der Queich stört und warum wir alle weiter die Krise haben.

MEIER: Sie spielen in Neustadt an der Weinstraße, in der Pfalz. Wer ist für Sie der „lustigste“ Pfälzer aller Zeiten?

Christoph Brüske: Wenn ich an berühmte Pfälzer denke, fällt mir zuerst natürlich Helmut Kohl ein. Er hat richtig viele Klischees bedient, das muss man ihm lassen. Würde ich mein Programm aber nur mit Kohl-Witzen durchziehen, hätte ich gewisse Karriereprobleme.

MEIER: Okay, wenn nicht mit Kohl-Witzen: Wie bereiten Sie sich auf den Auftritt in der Pfalz vor?

Brüske: Mein Ziel ist es, jedem Auftritt eine individuelle Note zu geben. Dafür informiere ich mich im Vorfeld immer über den Ort, in dem ich spiele. Vor allem übers Internet. Funktioniert meistens ganz gut. Auf der Bühne versuche ich dann, lokale Aufreger mit deutscher Politik und dem Weltgeschehen zu verflechten. Makrokosmos trifft Mikrokosmos.

MEIER: In ihrer „Bühnenanweisung“ bitten Sie die Veranstalter, in der Garderobe immer „Exemplare von aktuellen, regionalen Presseorganen“ bereitzuhalten. Welche lokalen Schlagzeilen schaffen es garantiert ins Programm?

Brüske: Schlagzeilen, die eine gewisse Schieflage verdeutlichen. Wenn die Stadt zum Beispiel Geld raushaut für neues Pflaster auf dem Marktplatz, aber gleichzeitig das Hallenbad dicht macht, Kita-Plätze abbaut oder die Bücherei schließt. Ich denke, die Themen gehen mir so schnell nicht aus. Ungleichgewicht und Widersprüche gibt es überall.

MEIER: Und eine Schlagzeile wie „Bürgermeister rast in Hühnerstall“? Wäre die okay?

Brüske: Klar, wenn sowas in Neustadt passiert: Wunderbar. Da sage ich nicht nein, sondern: Bitte mehr davon!

MEIER: Eine „individuelle Note“, wie Sie sagen, hat bei Ihnen auch der Schluss. Wie sieht der aus?

Brüske: Ich verabschiede mich immer mit einer musikalischen Hommage an den Ort, in dem ich spiele. Und ich habe festgestellt: Je kleiner und gemütlicher der Ort, desto größer die Begeisterung. In Berlin sitzen die Leute immer da und sagen gelangweilt: Ach, wieder‘n Lied über Berlin.

MEIER: Verwöhnte Großstadt. Denken Sie, in Neustadt haben Sie bessere Karten?

Brüske: Da bin ich guter Dinge, mir wird schon was Passendes einfallen. Grundsätzlich hängt es immer davon ab, wie die Stadt heißt. Ich habe zum Beispiel mal hier in der Gegend in Offenbach an der Queich gespielt, und beim Texten hab‘ ich gemerkt: Mensch, was is’n das für ein Ort. Offenbach an der Queich ist wirklich scheiße zu reimen.

MEIER: Im aktuellen Programm „Energie“ geht es unter anderem um Atomkraft, Energieeffizienz und Lobbyisten. Sie sind aber auch Kabarett-Experte für Finanzenfragen. Ist es für Sie nicht wunderbar, dass gerade alle die Krise haben? Wer blickt überhaupt noch durch?

Brüske: Kaum einer. Aber gerade das ist offenbar wichtig. In meinem Programm verrate ich dem Publikum, was zum Beispiel hinter diesen Hedgefonds wirklich steckt. Und ich sage den Leuten, wie sie am nächsten Tag als Hedgefonds-Manager anfangen können – is‘ überhaupt kein Problem ... Die Nummer bringe ich auch in Neustadt.

MEIER: Wie lange geht die Krise noch?

Brüske: Für viele ist sie ja schon vorbei. Ich sehe das anders. Die ganzen Rettungsschirme haben zwar erstmal für Ruhe gesorgt, aber Nachrichten à la Griechenland könnten uns noch eine ganze Weile beschäftigen. Wenn ich höre „Heute ist der Kredit für Griechenland verabschiedet worden ...“, dann denke ich mir: Das Wort „verabschieden“ passt in dem Zusammenhang wirklich sehr gut. Da könnte durchaus noch so einiges „verabschiedet“ werden.

MEIER: Man bezeichnet Sie auch oft als „Wirtschaftskabarettisten“. Das könnte man gerade in der Pfalz leicht falsch verstehen ...

Brüske: Im Sinne von Brauhauskabarett – am Tresen sitzen und dumme Sprüche machen? Nee, in diesem Fall ist das nicht als Kalauer gemeint. Das Ganze hat einen anderen Hintergrund: Industrie- und Wirtschaftsunternehmen, auch Banken, buchen mich oft für ihre sogenannten „Galas“ oder „Events“. Ich weiß auch nicht, warum die mir so viel Geld geben, damit ich sie durch den Kakao ziehe. Mir selbst macht das natürlich viel Spaß. Auch Wirtschaftsfragen können sehr unterhaltsam sein.
Interview: Dimitri Taube

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