Burn-Out-Roman von Richard Yates

In den einzigartig niederschmetternden Romanen und Erzählungsbänden von Richard Yates ist das Unglück eine furchteinflößende, alltägliche Außeralltäglichkeit. Man sollte Yates' Bücher an getrübten Tagen besser nicht lesen. Es sind einsame Bücher mit einsamen Protagonisten. Der Effekt einer Katharsis bleibt immer aus und Abstand zur geschilderten Trostlosigkeit ist kaum möglich: Sie sind zu nah, oder gerade nahe genug am Leben entlang geschrieben, zeitlos gültig, von eleganter Schnörkellosigkeit, inhaltlich dicht und höchst suggestiv in ihrer Wirkung. Das gilt auch für das hervorragende "Disturbing the Peace" aus dem Jahr 1975, das jetzt unter dem Titel "Ruhestörung" ins Deutsche übertragen wurde. Es ist das vierte von insgesamt sieben längeren Werken.

"Ruhestörung“ erzählt die Geschichte des 36-jährigen Anzeigenverkäufers John Wilder, einem Mann, der einen Sack Minderwertigkeitskomplexe mit sich herumschleppt und sich zu weit Höherem berufen fühlt. Nicht nur Wilders Durchschnittlichkeit, auch sein Alkoholismus sowie seine permanent überstrapazierten Nerven stehen ihm bei seiner Suche nach Glück, Erfolg und Anerkennung hartnäckig im Weg.

"Ruhestörung" ist eine drastische Berg- und Talfahrt mit sardonischen Zügen, dialogstark in Szene gesetzt, reich an lebensklugen Einsichten, plastischen Beschreibungen und von einem bemerkenswerten Drive. Die größte Stärke des Romans liegt darin, den wellenförmigen, bisweilen sprunghaften Irrsinnsweg John Wilders bis hin zum vollständigen Wahn derart nachvollziehbar gemacht zu machen, dass es schmerzt. John Wilders Scheitern ist vollkommen, auch vollkommen schlüssig. Deshalb hat man als Leser am Ende auch keine Fragen. Man ist einfach nur: am Ende.

[Michael Saager]

 

*Richard Yates: Ruhestörung. Aus dem Amerikanischen von Anette Grube. DVA. 320 Seiten. EUR 19.95

 

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