Mannheims Operndirektor über den Mozartsommer und die kommende...

Zum dritten Mal verwandelt das Nationaltheater (nicht nur) das Schwetzinger Schloss in ein Mozart-Dorado. „Titus“ hat in Günter Krämers Inszenierung Premiere, drumherum gruppiert man Denk- und Merkwürdiges zum Thema mit den Schwerpunkten zeitgenössische Musik, Exotismus, Raritäten, Kabarett oder einem Abend über Mozart als autonomen Künstler mit Joachim Schlömer als Regisseur. Außerdem hat das Nationaltheater gerade den Spielpan 2010/11 bekanntgegeben und u.a. mitgeteilt, dass der „Ring“ erst ab übernächster Saison geschmiedet wird. Genügend gute Gründe also, mit Operndirektor Klaus-Peter Kehr über das Festival und die neuesten Entwicklungen der Mannheimer Oper zu sprechen.

Meier: Sie sind seit fünf Jahren in Mannheim „am Amt“. Wie hat sich die Oper in Ihren Augen entwickelt?

Klaus-Peter Kehr: Naja, wir werden natürlich immer besser (lacht) …Wir haben ein wunderbares Ensemble, das wir um vier Anfängerpositionen aufstocken konnten, die Mannheimer Hofoper ist mittlerweile von unserem Publikum angenommen und die Uraufführung von Bernhard Langs „Montezuma“ war ein Erfolg, auch beim Publikum.

Meier: Bei den Hofopern haben Sie ja mit „Amadis“ ein Stück gebracht, das mit Mannheim gar nichts zu tun hat, und der „Titus“ ist beileibe kein Mozart-Frühwerk, wie Sie es eigentlich beim Mozartsommer neu zur Diskussion stellen wollten. Besonders päpstlich sind Sie da also nicht …

Kehr: Das muss man auch nicht sein. Wir machen Kunst, und da haben wir ja weder Zölibat noch Unfehlbarkeit. Johann Christian Bach war ein sehr wichtiger Komponist für die Mannheimer Schule, er hat hier schließlich zwei Opern für Mannheim geschrieben und uraufgeführt: „Lucio Silla“, den wir aber gerade in Mozarts Fassung beim Mozartsommer hatten, und „Temistocle“ , den wir nicht sehr geeignet fanden. Wir haben uns für das bessere Stück entschieden und sind dabei im Mannheimer Umfeld geblieben. Der „Titus“ ist insofern auch ein Ausreißer, weil wir, also Günter Krämer und ich, einen Geschmack an Mozarts Römerdramen gefunden haben. Beim nächsten Mozartsommer werden wieder zum Frühwerk Mozarts zurückkehren, wo es noch einige Schätze zu heben gibt.

Meier: Können Sie Krämers Zugriff auf den „Titus“ ein bisschen beschreiben?

Kehr: Wie schon bei der vorangegangenen Inszenierung von „Lucio Silla“, geht es auch im „Titus“ um die Urphänomene von Macht und Liebe im privaten wie öffentlichen Bereich. Es sind die großen Themen unseres Lebens im Spiel, die diese Seria-Opern immer noch brisant abhandeln. Günter Krämers Regie wird dies spannungsreich erlebbar machen.

Meier: Mit drei Titus-Vorstellungen in Schwetzingen haben Sie dann ja gerademal so viele Leute im Rokokotheater, wie mit einer in Mannheim …

Kehr: Ja, aber ein Festival ist eben ein Festival. Und wir werden den „Titus“ – wie „Lucio Silla“ auch – wiederaufnehmen und im Laufe der Zeit ein kostbares und spannendes Repertoire mit diesen besonderen Mozartopern aufbauen. Ich bin sicher, dass dieses einmal zu einem Markenzeichen wird.

Meier: Wie ist denn dieses Jahr die finanzielle Situation?

Kehr: Die hat sich relativ spät doch noch mit großer Hilfe der Sponsoren und der Kunstsiftung zum Guten gewendet.

Meier: Sie gehen mit dem diesjährigen Programm quasi an die Ränder der Mozart-Rezeption. Ist das Absicht, weil zu Mozart scheinbar schon alles gesagt ist?

Kehr: Das Wort Ränder sollten Sie in dem Zusammenhang nicht verwenden: Es gibt in der Kultur keine Ränder. Zu großer Kunst wie der von Mozart kann niemals alles gesagt sein. Diese Kunstwerke sind lebendig und verändern sich mit unseren Fragestellungen an sie. So hat jedes Mozartfestival seine Berechtigung, das dem Werk neue Antworten entlockt.

Meier: Sehr wichtig ist Ihnen da ja offensichtlich die Verbindung mit zeitgenössischer Musik und ungewöhnlichem Instrumentarium …

Kehr: Es ist nicht nur die zeitgenössische Musik, die sich mit der Musik Mozarts auseinandersetzt, sondern auch das zeitgenössische Theater, die zeitgenössische Performance und die zeitgenössische Installation. Wir haben ein besonderes Eröffnungskonzert vorbereitet mit Kompositionsaufträgen an Bernhard Lang und Adriana Hölszky, die Paraphrasen auf den türkischen Marsch Mozarts für ein Pianola geschrieben haben, das ist ein pneumatischer selbstspielender Flügel, der dann jeden Abend im Foyer vor den Vorstellungen spielen wird. Isabeela Beumer wird sich in einer „Voice and art performance“ mit der „Zauberflöte“ und der Königin der Nacht auseinandersetzen. Ein Konzert des bekannten Ensembles Concerto Köln wird zusammen mit dem türkischen Ensemble Saraband eine „Entführung in den Serail“ mit Türkenmusiken von Mozart und anderen Komponisten aus dem 18.Jahrundert, auch mit originaler Musik aus der Türkei des 18. Jahrhunderts, einen wesentlichen Aspekt dieser Zeit zeigen.

Meier: Und was versteckt sich hinter der zweiten szenischen Produktion?

Kehr: „Abendempfindung“ für eine Sängerin, Tänzer und Schauspielerin ist ein neues Stück von Joachim Schlömer, das er aus Mozart-Fragmenten und Konzert-Arien, verbunden mit Texten aus den Briefen, die sich mit der Problematik eines autonomen Künstlers in der Gesellschaft beschäftigen, wie sie durchaus auch heute noch existiert. Mozart war ja vielleicht der erste autonome Künstler nach unserem heutigen Verständnis. Ein wunderbarer Abend, der zuerst in Salzburg bei den Festspielen zu sehen war, und nun für den Mozartsommmer ganz neu überarbeitet wird.

Meier: Ist denn eigentlich mit Adam Fischers Erscheinen irgendwann noch zu rechnen?

Kehr: Er ist immer herzlich willkommen, wenn seine Zeit es zulässt. Immerhin ist er Intendant der Budapester Staatsoper.

Meier: Vielleicht noch ein paar Fragen zur kommenden Spielzeit. Wieso eigentlich schon wieder eine neue Zauberflöte?

Kehr: Unsere derzeitige „Zauberflöte“ ist einfach zu „gradaus“, wenn ich das so sagen darf, ein Easy seeing and listening. Gerade Stücke, die so viele junge Leute besuchen, müssen wir so gut wie möglich machen. Die „Zauberflöte“ ist viel komplexer, als das jetzt zu sehen ist, und davon muss man etwas spüren. Ich denke, das ist bei Joachim Schlömer in guten Händen.

Meier: Und die Hofoper pausiert?

Kehr: Ja, da machen wir in der übernächsten Spielzeit weiter.

Meier: Wie stehen Sie denn zur vieldiskutierten Konkurrenzsituation mit Ludwigshafen, was die „Ringe“ angeht?

Kehr: Ich würde sagen, es steht jedem frei, einen “Ring“ zu machen, wenn er ihn machen kann. Da eine Rivalität aufzubauen, ist lächerlich.


Interview: Ingo Wackenhut / Foto: Michel (MEIER 7/2010)


Kommentieren

Meine Informationen merken

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


Kann ich nicht lesen, neues Bild bitte.


Kommentare werden umgehend geprüft und erst dann freigeschaltet.

Noch keine Kommentare zu diesem Artikel

Teilen |

Newsletter

Newsletter Abo
Welde_zeigt
Promotion

Wellnessurlaub im 4+ Sterne Wellnesshotel an der Mosel