König der augenzwinkernden Stehpinkler

Der gelernte Jazzsänger besinnt sich kurz vor seinem 40. Geburtstag mit seiner Tour „Artgerecht“ auch seiner Wurzeln im Soul und Funk der 70er Jahre. In diesem Monat will er die SAP Arena damit rochen – ein Interview.

Klassischer Swing der 40er und 50er Jahre, aufgepeppt mit etwas Pop, dazu pfiffige bis nassforsche deutsche Texte – mit diesem Rezept legte der ausgebildete Jazz-Sänger Roger Cicero, Jahrgang 1970, in den letzten drei, vier Jahren eine unglaubliche Karriere hin. Sieht man einmal von der (mittlerweile schon fast traditionellen) Demütigung als deutscher Vertreter beim „Eurovision Song Contest 2007“ab (Platz 19 von 24), ist es eine Karriere ohne Rückschläge.
Nach „Männersachen“ und dem etwas schwächeren, aber nicht weniger erfolgreichen Nachfolger „Beziehungsweise“ hat sich Cicero auf Album #3 seiner musikalischen Wurzeln erinnert. Auf „Artgerecht“ frönt der erklärte Stevie Wonder- und Prince-Fan dem Soul und Funk der 1970er Jahre. Und das auf durchaus amtliche Weise! Die Konzerte auf der anstehenden Tournee sollen von dieser Leidenschaft erzählen, weshalb auch einige der älteren Stücke umarrangiert wurden. Freuen Sie sich also auf neue Seiten von Roger Cicero! Nur die Texte, nun ja, die stehen immer noch mit beiden Beinen in den 1950er Jahren. Aber die schreibt Roger Cicero ja auch nicht selbst, er arbeitet nur daran mit. Was das bedeutet? MEIER hat mit Roger Cicero gesprochen.

MEIER: Man sagt, wenn man mit einem Hitalbum startet, ist nicht das zweite, sondern erst das dritte Album die Nagelprobe …

Roger Cicero: Nach der ersten Platte, die ja ein sehr, sehr großer Erfolg war, haben alle gesagt, dass die zweite Platte die Schwierigste sei. Nach der zweiten hieß es dann, dass die dritte die Schwierigste sei. Wahrscheinlich ist also immer die nächste Platte die Schwierigste.

MEIER: Für „Artgerecht“ haben Sie Ihr Soundspektrum um Soul und Funk erweitert. Warum?

Cicero: „Beziehungsweise“ war von vornherein als Nachfolgealbum von „Männersachen“ angelegt. Bei „Artgerecht“ ging es mir jetzt von vornherein darum, mein Stilrepertoire zu vergrößern. Soul gehört ebenso zu meinen musikalischen Wurzel wie Swing und Jazz.

MEIER: Wie ironisch sind eigentlich Ihre Texte?

Cicero: Bei meinen Texten wird das Augenzwinkern immer ganz großgeschrieben, klar. Aber wir haben auch ein paar ernstere Lieder im Programm. Es geht über die Mann-Frau-Texte schon etwas hinaus, aber die Beziehungskisten, die wir verarbeiten, sind schon das Markenzeichen.

MEIER: Womit erklären Sie sich den Erfolg Ihrer Beziehungssongs?

Cicero: Viele Leute finden sich in diesen Beziehungssongs wieder. Die kennen das von sich, haben es vielleicht bei Freunden beobachtet. Damit kann man sich identifizieren und somit auch automatisch lachen.

MEIER: Hätten Sie vor fünf Jahren auf ein Swingrevival gewettet? Ich denke an Robbie Williams, Michael Bublé oder auch Tom Gäbel.

Cicero: Ich würde nicht von einem Swingrevival sprechen. Swing war ja nie weg, sondern war höchstens mal etwas aus dem Blick einer größeren Öffentlichkeit geraten. Diese Musik gibt es jetzt schon so lange – erste musikalische Dinge, die in diese Richtung wiesen, entstanden ja schon um 1910 - die verschwindet nicht mehr. Die köchelt vielleicht in ein paar Jahren mal wieder so unten rum. Aber für mich war diese Musik immer hochaktuell.

MEIER: Trotz R’n’B und Hip Hop haben Soul und Funk hierzulande auch eine treue Anhängergemeinde. Warum?

Cicero: Funk und Soul sind sicher sogar noch etwas populärer als Swing, aber ich kann auch nicht erklären, warum das so ist. Ich bin damit groß geworden. Aktuell ist diese Musik wieder recht präsent: durch Ray Charles, durch den „Motown“-Geburtstag, durch Sängerinnen wie Joss Stone oder Amy Winehouse.

Meier: Sie haben unglaublich viele Platten verkauft in den vergangenen Jahren. Trotzdem liest man noch immer vom Kultsänger Roger Cicero. Sind Sie nicht längst Mainstream?

Cicero: Kult oder Mainstream? Da sind so Fragen, die ich mir nicht stelle, ehrlich. Die werden von außen an die Musik herangetragen. Ich aber bin Musiker, nehme Alben auf, gebe Konzerte. Darüber mache ich mir nen Kopf.

MEIER: Sie stehen mit ihrer Liebe zu Soul und Funk nicht allein da. Auch Jan Delay hat diese Musik für sich entdeckt. Ein Zufall? Oder ein Trend?

Cicero: Ich habe Jan Delay live noch nicht gesehen, kann also zu seiner Show nichts sagen. Ich habe ihn bislang auch eher aus der Ferne beobachtet.

MEIER: „Emma“ erklärte Sie vor einiger Zeit zum „Pascha des Monats“. Fühlten Sie sich ertappt?

Cicero: Das ging damals um den Text zu „Frauen regieren die Welt“. Den fanden die furchtbar, als einen Schlag ins Gesicht der Frauenbewegung. Was natürlich lächerlich ist, weshalb ich mich über diese Auszeichnung auch eher amüsiert habe.

MEIER: Traf diese Auszeichnung nicht überhaupt den Falschen? Schließlich singen Sie ja Texte, die von Frank Ramond geschrieben werden.

Cicero: Ich arbeite eng mit Frank Ramond zusammen. An der Themenwahl sind wir beide beteiligt, aber Frank schmückt das dann immer etwas aus. Das ist also schon authentisch, aber zugleich bin ich auf der Bühne auch ein Geschichtenerzähler. Was ich singe, ist nicht unbedingt aus meinem Tagebuch herauskopiert.

MEIER: Frank Ramond textet auch für Annett Louisan, Ina Müller und neuerdings auch für sich selbst? Wie authentisch können Texte da noch sein?

Cicero: Es ist ja nicht so, dass Frank schreibt und schreibt und schreibt – und dann kommt ein Künstler daher, und er öffnet seine Schublade. Das ist kein Restaurant. Frank arbeitet sehr eng mit seinen Künstlern zusammen – und die wiederum sind so unterschiedlich wie die Texte es letztlich auch sind.

MEIER: Ina Müller darf schon mal sehr selbstironisch über ihre Orangenhaut singen? Diese Facette fehlt Ihren Texten. Warum singen Sie nicht einmal darüber, wie es unter Ihrem Hut ausschaut?

Cicero: Ich finde nicht, dass ich nicht auch über mich selbst lächeln kann. Aber Ina Müller ist nun wirklich ein ganz anderer Typ. Was die macht, das würde zu mir gar nicht passen.

MEIER: Wie viel Roger Cicero steckt in Ihren Texten? Nehmen wir das Ungeduldiger-Autofahrer-Lied „Hinterm Steuer“!

Cicero: Das ist relativ autobiografisch.

MEIER: In Ihren Liedern geht es häufig um die Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Die Bilder von Männern und Frauen wirken auf mich recht klischeehaft. Im Titelsong Ihres aktuellen Albums wollen Männer ein Motorrad, aber nicht aufräumen. Was ist das für ein Männerbild?

Cicero: Das ist natürlich vom Anspruch her nicht repräsentativ. Es ist eine Geschichte, die wir humoristisch ausgeschmückt haben. Damit ist keine Aussage über „den Mann“ impliziert. Aber es ist schon merkwürdig, dass sich so viele Männer damit identifizieren können, oder?

MEIER: Mir kommt das ziemlich ausgedacht und ausgetreten vor. Als eine musikalische Variante von „Caveman“ und Mario Barth. Wir leben im 21. Jahrhundert, mitten in einer umfassenden Krise. Könnte man da an das Thema nicht etwas ernsthafter und verbindlicher rangehen?

Cicero: Wenn Sie ein Album mit lauter ernsthaften Betrachtungen zu den Geschlechterbeziehungen aufnehmen wollen – gerne, ich bin gespannt!

MEIER: Sie wollen das nicht?

Cicero: Ich weiß es nicht. Mal sehen, was sich in Zukunft so ergibt. Vor mir liegt hoffentlich noch ein langer Weg. Und mein Horizont ist sicher nicht auf Mann-Frau-Geschichten beschränkt.

MEIER: Sie haben Jazz studiert und jahrelang auch ganz unspektakulär performt. Was sagen denn die ehemaligen Kollegen, die immer noch vor 100 Leuten spielen, zu Ihrem Erfolg?

Cicero: Was ich direkt höre, ist immer sehr positiv. Nicht mal die Jazzpolizei rümpft bislang die Nase. Ich werde nicht angefeindet. Ich habe neulich mit Till Brönner gespielt und trete mit meinem Quartett Afterhours auch noch immer in kleinen Clubs auf.

MEIER: Wäre es da nicht eine schöne Geste, eine richtige, aber passende Jazzband als Vorgruppe einzuladen und dem Jazz eine Plattform zu bieten? Oder würde das Ihr Publikum verschrecken?

Cicero: Das habe ich bislang noch nicht ausprobiert. Es käme dabei sicherlich auf die Art der Musik an. Bei Free-Jazz hätten wir zum Beispiel vermutlich ein Problem.

UK / Foto: Sven Sindt (Meier 1/2010)

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