###edit###
 
###edit###

Wagner-Tenor ohne Wagner

Der Vielseitige lässt sich auch in seinem achten Lebensjahrzehnt nicht lange bitten: René Kollo, Spross einer berühmten Berliner Operetten-Dynastie, als junger Schlagersänger sogar beim Grand Prix dabei und als Wagner-Tenor beinah’ schon eine Legende, ist auf Kirchen-Tour. MEIER hat mit ihm übers Älterwerden, Privatsphäre und so gut wie nicht über Wagner gesprochen.

MEIER: Sie sind im November 72 geworden. Da legen viele die Hände in den Schoß. Wie erklären Sie sich Ihre Vitalität?

René Kollo: Das erkläre ich mir gar nicht. Ich bin sehr glücklich und froh, dass es so ist. Ich hab’ immer gern gearbeitet und bin immer gern unterwegs gewesen. Ich kann mir das gar nicht anders vorstellen.

MEIER: Es gibt also kein Rezept …

Kollo: Ich hab wohl gesunde Gene, Gottseidank, das ist wohl der Hauptgrund, denk’ ich mal.

MEIER: Franz Mazura, mit dem Sie ja viel gesungen haben, hat mir mal gesagt, dass seiner Meinung nach Tenöre länger singen können müssten, weil Männerstimmen mit den Jahren höher werden. Merken Sie davon etwas?

Kollo: Oh ja, mit Franz Mazura habe ich oft zusammengearbeitet. Also, was mich angeht: ich kann immer noch und bin bestens drauf, wie man so schön sagt, aber von dieser Anhebung habe ich nichts gemerkt. Ich kenne auch nicht soviele Tenöre, die in meinem Alter noch singen.

"Däumchendrehen ist nicht so meine Sache"

MEIER: Spätestens seit Christa Ludwig wissen wir, wie auch befreiend es sein kann, nicht mehr singen und so ungeheuer diszipliniert sein zu „müssen“. Können Sie das nachvollziehen?

Kollo: Naja, ich stecke ja noch mitten drin. Das ist natürlich ein Beruf, der sehr viel Disziplin und auch Zurückgezogenheit fordert. Aber ich bin das seit über 40 Jahren so gewohnt, und ich weiß gar nicht, was ich sonst machen sollte. Also ich weiß das natürlich schon: Ich habe gerade zwei Bücher geschrieben, die jetzt im Juli und im Oktober herauskommen, das eine ist ein Psychokrimi, „Der kleine Tannhäuser“, der kommt in Bayreuth heraus, und das andere ist ein Geschichtsbuch. Ich weiß also schon, was ich nebenbei tun könnte, aber ich habe mich so an diesen Beruf gewöhnt, bin vollkommen gesund und gut drauf, die Stimme ist völlig ok, und da sehe ich es nicht ein, warum ich zuhause sitzen und Däumchen drehen sollte. Das ist nicht so meine Sache.

MEIER: Sie haben sich von vielen großen Rollen verabschieden müssen. Hat Sie das traurig gemacht oder eher erleichtert?

Kollo: Ich habe mich davon gar nicht verabschiedet. Sie werden heute von den Intendanten automatisch verabschiedet. Ab einem gewissen Alter glauben die, dass Sie das nicht mehr können. Was ein völliger Quatsch ist, natürlich: ich könnte das heute noch. Aber ich kann es ja nicht alleine machen, ich muss ja engagiert werden. Heute wollen sie ja sowieso auf der Bühne am liebsten Embryos haben. Strahlend aussehende Leute, die alles singen, sofort. Damit macht man alles kaputt, das hat so keine Zukunft. Aber das hat jetzt mit mir nichts zu tun. Ich hätte das schwere Fach auch noch weiter gesungen. Nur hatte ich mal gesagt, dass ich hier in Berlin meinen letzten Tristan singe. Und daraus hat die Presse sofort gemacht: Herr Kollo singt keinen Wagner mehr. Was völliger Quatsch war!

MEIER: Aber dieser Jugendwahn ist ja auch nicht ganz neu, wenn ich an Anja Silja denke oder sogar die Callas, die mit 17 die Tosca sang …

Kollo: Ja, das hat es immer mal gegeben, aber es waren Einzelfälle. Heute ist es ein System geworden, man will neue Leute entdecken, dann werden sie in Partien reingeworfen, die sie vielleicht in zehn, 15 Jahren singen dürften, und werden fertiggemacht. Also, damals waren es Ausnahmen …

MEIER: Sie gehören ja selbst eigentlich auch zu diesen Ausnahmen …

Kollo: Naja, ich habe ja erst mit 28 angefangen, Oper zu singen. Dann kamen die großen Wagner-Partien allerdings sehr schnell. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Nach dem Tannhäuser mit Solti kam Karajan und Salzburg, dadurch war ich relativ schnell drin, hab mir keine großen Gedanken gemacht, hab’s einfach gesungen, und es ging wohl. Das kann also auch mal funktionieren, aber ich glaube nicht, dass es das System sein sollte. Das System müsste sein, dass die Leute langsam an die großen Sachen herangeführt werden, es auch mal singen dürfen, dann aber wieder ein, zwei Jahre liegenlassen. Das ist jetzt mehr eine gesangstechnische Geschichte, aber wenn das nicht mehr gemacht wird, werden die Kollegen in wenigen Jahren verheizt.

MEIER: Was sind denn Ihrer Meinung nach die Voraussetzungen, damit eine Stimme bis ins fortgeschrittene Alter intakt bleibt?

Kollo: Erstmal dass Sie richtig singen, dass Sie – wie meine Lehrerin sagte – mit den Zinsen singen und nicht mit dem Kapital. Heute wird ausschließlich mit dem Material gesungen, und das geht nur relativ kurze Zeit. Das ist dann eine sportive Sache, aber jeder Muskel wird irgendwann sauer und macht das dann nicht mehr mit. Wenn jemand anständig singt, dann kann er eigentlich singen, bis er umfällt. Da gibt’s kein Limit. Es geht eher darum, ob man sich das selber noch zutraut. Wenn es natürlich qualitativ nicht mehr das ist, was man eigentlich möchte, sollte man aufhören.


"Man muss auch mal sagen können, Kinder, das ist mir zu früh"

MEIER: Im schweren Fach sind die Sänger ja aber auch häufig nicht mehr festengagiert. Wer soll denn dann sorgsam mit ihnen umgehen?

Kollo: Das spielt sicher eine Rolle, aber auch in den Theatern verstehen die maßgeblichen Leute ja  gar nichts mehr von Stimmen, sie wissen nicht, was eine Stimme aushält, was eine Stimme überhaupt ist und was man einer Stimme zumuten kann. Das ist völlig ausgestorben. Natürlich war es auch schon früher so, dass nicht jeder Dirigent oder Intendant etwas von Stimmen verstand. Dann muss man das selber machen. Ich hab das einfach gemacht, und es ging ganz gut. Aber ich würde das keinem empfehlen, vor allem heute nicht. Man muss einfach auch mal sagen können, Kinder, das ist mir zu früh, das kann ich jetzt noch nicht. Wenn Sie das heute einem Intendanten sagen, dann sind Sie raus, dann werden Sie nicht mehr engagiert, ganz einfach.

MEIER: Inwiefern könnten da denn auch die Agenturen …

Kollo: Ach Quatsch, die wollen Geld verdienen. Und wenn die Theater junge Leute haben wollen, dann müssen die Agenten junge Leute vermitteln. Dann können Sie sie so lange vermitteln, wie sie singen können, und wenn sie nicht mehr können, dann ist es eben vorbei.

MEIER: Da wird die Kuh geschlachtet, statt gemolken …

Kollo: Ja, aber auch zum Melken muss man sie erst mal füttern und aufpassen, dass sie gesund bleibt. Alles drumherum muss stimmen, sonst schmeckt die Milch nicht.

MEIER: Es scheint so, als seinen Sie relativ freigiebig, was Ihre Privatsphäre angeht. Haben Sie kein Problem damit, wenn Ihre „familiären“ Verhältnisse öffentlich breitgetreten werden?

Kollo: Das ist so, und das können Sie auch gar nicht verhindern. Einer sieht was, einer macht'n Bild, und dann ist das drin. Ich hab das auch nie wichtig genommen. Es gibt sicherlich Leute, die sich völlig abschotten, das ist mir viel zu anstrengend. Solange die Queen für die Öffentlichkeit Fotos mit ihrer Familie macht, ist das doch sehr königlich, dann kann ich das doch auch. Wenn man in der Öffentlichkeit steht und sein Gesicht zeigt, dann muss man auch wissen, dass die Leute darauf ein gewisses Anrecht haben, wobei ich mein wirkliches Privatleben da doch immer eher am Rande vorbeigeführt habe.

MEIER: Es ist ja wohl auch der Preis der Popularität, vielleicht wollen Sie ja populär sein ...?

Kollo: Na, selbstverständlich, wir machen doch diesen Beruf, damit die Leute uns kennen, denn sonst kann ich ja in der Badewanne singen. Und wenn die Leute mich kennen, muss ich ihnen auch ein bisschen entgegenkommen. Das ist doch ganz logisch.

Näher bei den Leuten ...

MEIER: Mit den Kirchenkonzerten sind Sie seit 12 Jahren unterwegs. Ist das eine Reaktion auf nachlassende „seriöse“ Engagements oder Herzensangelegenheit?

Kollo: Also erstens kommen Sie auf diese Weise auf jeden Fall viel näher an die Leute, als wenn sie Oper machen. Sie sehen sie, während Sie in der Oper ja niemanden sehen, durch die Beleuchtung und den Orchestergraben. Das hat sich damals einfach so ergeben. Ein Veranstalter kam mit der Idee auf mich zu, und seither mach' ich das sehr gerne und bin damit zwei, drei Monate im Jahr unterwegs.

MEIER: Und es macht Ihrem ego nichts, dass sie oft auch in kleineren Städten auftreten? Gibt es für Sie da einen Unterschied oder sehen Sie die Leute mit leuchtenden Augen, und dann ist es wurscht, wo etwas stattfindet?

Kollo: Im Prinzip ist es wurscht, wo es stattfindet, wenn ich mal so sagen darf. Die Leute mit den leuchtenden Augen sind überall, Gottseidank. Es klingt jetzt vielleicht überheblich, aber ich hab' am Ende Jubel und standing ovations. Das ist überall gleich, und singen müssen Sie auch überall gleich gut. Sie können nicht sagen: ich mach' jetzt ein Kirchenkonzert in einer kleinen Stadt, und dann sing' ich nur auf einem Stimmband.

MEIER: Sind Sie eigentlich im christlichen Sinne ein gläubiger Mensch?

Kollo: Ich bin ein Mensch, der sich schon sein ganzes Leben mit dem Problem Gott und die Welt beschäftigt, aber ich würde nicht sagen, dass ich ein kirchlich gläubiger Mensch bin. Auch wenn ich die Kirche für absolut notwendig und richtig halte. Die Frage, woher kommen wir, was machen wir hier und warum überhaupt, das durchzieht mein Denken, solange ich denken kann. Und da beschäftige ich mich natürlich nicht nur mit dem Christentum. Und ich denke schon, dass das alles einen sehr großen und tiefen Sinn hat. Ich weiß nicht, ob wir wiedergeboren werden oder was mit uns anschließend passiert. Aber es wäre doch zu primitiv, wenn wir nur auf die Welt kommen, fressen und saufen und dann sterben wir wieder. Das wäre ja sinnlos. Ich denke schon, dass da etwas ist, das die ganze Geschichte leitet. Aber das ist ein endloses Thema, und keiner wird es ergründen.

MEIER: Kurz bevor Sie nach Ludwigshafen kommen, singen Sie in Baden-Baden und München den Aegisth in „Elektra“, im April folgt in Köln Peter Eötvös’ Oper „Love and other demons“. Welche Pläne haben Sie noch für die Bühne?

Kollo: Schauen Sie, ich bin jetzt 72. Ich mache keine Pläne. Was mir angeboten wird und mich interessiert – und was ich noch kann – das werde ich machen. Ich will nicht so weit im voraus planen. Ich warte ab, was kommt und lasse mich überraschen. Das Einzige, was ich wirklich vorplanen kann, sind meine Kirchenkonzerte, denn da bin ich selbst mitverantwortlich. Sehen Sie, ich muss ja nicht mehr. Ich sitze hier und mir geht’s wunderbar, und wenn noch jemand darauf kommt, den Kollo zu engagieren, naja bitte, dann können wir drüber reden.


Interview: Ingo Wackenhut
Foto: hgm-press


René Kollo im Südwesten

Kirchenkonzerte
mit dem walisischen Pianisten und Organisten Nigel Hurley an der Orgel, unterstützt mitunter von regionalen Chören. René Kollo singt unter dem Motto „Ein Tag, ein Jahr, ein Leben“ weltliche und geistliche Lieder.
11.2. Apostelkirche Ludwigshafen, 18 Uhr - abgesagt
11.3. Pfarrei St. Johannes Evangelist, Mainz, 19.30 Uhr
26.3. Paul-Gerhard-Gemeinde Karlsruhe, 17 Uhr

Kommentieren

Meine Informationen merken

CAPTCHA Bild zum Spamschutz


Kann ich nicht lesen, neues Bild bitte.


Kommentare werden umgehend geprüft und erst dann freigeschaltet.

Noch keine Kommentare zu diesem Artikel


MEIER im Social Web

Newsletter

Newsletter Abo

Welde_zeigt