Multitalent aus Istanbul
Das türkische Multitalent Fazil Say kann viel mehr als spektakulär gut klassische Sonaten oder Konzerte spielen: Say komponiert, ist passionierter Jazzer und mischt sich politisch ein. Wir haben ihn in Istanbul an den Fernsprecher bekommen und uns zuerst einmal über diese tiefe rauchige Stimme gewundert – auch wenn man die meistens sogar dann hört, wenn er spielt.
MEIER: Herr Say, Sie sind weltweit ungeheuer gefragt, wieviele Interviews geben Sie eigentlich im Monat?
Fazil Say: Ich geb gar nicht sehr viele. Vielleicht für jedes Land, das ich bereise, drei bis vier im Jahr.
MEIER: Sie haben etwa zehn Jahre in Düsseldorf und Berlin studiert. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Deutschland beschreiben?
Say: Ich kam ja als 17-Jähriger 1987 mit dem Akademischen Austauschdienst nach Deutschland und habe vier Jahre bei David Levine in Düsseldorf studiert und dort Konzertexamen gemacht. Das war natürlich eine große Wechselsituation, von der Jugend zum Erwachsenwerden, von Istanbul nach Deutschland. Und das hatte ich ganz alleine zu verkraften. Ich wollte ja unbedingt in Deutschland studieren, weil schon mein Großvater und mein Vater hier studiert hatten. Das war also so eine Art Familientradition. Und ich konnte auch schon ein bisschen deutsch, bevor ich aus der Türkei hierher kam. Anfang der 90er in Berlin war es dann natürlich eine besonders interessante Zeit, so direkt nach der Wende. Am Tag des Mauerfalls hatte ich in Berlin ein Konzert mit türkischen Komponisten. Das war unglaublich, als die Leute aus der DDR rübergeströmt sind. Von 1991 bis 1995 hab’ ich dann in Schöneberg gewohnt. Und da habe ich auch erlebt, wie sehr sich die Deutschen in Ost und West nach 40 Jahren Trennung sozusagen auseinandergelebt hatten. Zum richtigen Zusammenwachsen braucht es sicher noch eine Generation. Aber auch für die Ausländer war es schwierig. Die wurden sozusagen in die zweite oder dritte Klasse gepuscht. Und es gab dann ja auch einige schreckliche ausländerfeindliche „Explosionen“.
MEIER: Bei uns ist viel die Rede von Parallelgesellschaften und mangelnder Integrationsbereitschaft. Meistens sind damit aufgrund ihrer hohen Zahl die Türken gemeint. Wie stellt sich Ihnen die Lage der Dinge dar?
Say: Da ist schon etwas dran. Viele Türken kamen ab den 70er Jahren ja aus dem Osten Anatoliens und haben die kulturelle Revolution in der Türkei gar nicht mitbekommen. Sie kannten teilweise nicht einmal die Weltstädte Ankara oder Istanbul. Dann kamen sie mit nichts nach Deutschland, konnten kein Deutsch und haben oft wie in einem Ghetto gelebt und nur türkische Zeitungen gelesen. Solche Probleme gibt es teilweise immer noch. Wenn ich in einer deutschen Stadt spiele, sind höchstens 5 Prozent Türken im Saal, weil sie ja gar keine deutschen Zeitungen mit den Ankündigungen lesen. Einmal haben wir in Hamburg allerdings auch ein besonderes Projekt gemacht, bei dem der Veranstalter bewusst an die türkische Presse gegangen ist und mit der türkischen Community zusammengearbeitet hat. Sogar die Plakate waren sowohl auf Deutsch wie auf Türkisch. Da kamen dann 1.000 Deutsche und genausoviele Türken, und die Laiszhalle war proppenvoll. Das war eine interessante Sache.
MEIER: Sie spielen, lernen, üben, komponieren, schreiben Bücher, reisen in der Welt herum, waren sogar Botschafter des interkulturellen Dialogs der EU – wie schaffen Sie das alles?
Say: Na, wissen Sie, hauptsächlich mache ich nur Musik! Alles andere gehört halt dazu. Und Vielseitigkeit war ja schon immer meine Sache. Aber alles gehört zur Musik.
MEIER: Sie hatten sich einmal vorgenommen, nur noch eine Hälfte des Monats unterwegs zu sein. Was ist denn aus diesem Vorsatz geworden?
Say: Das stimmt. Ich spiele ja teilweise über 100 Konzerte im Jahr. Das ist schon ermüdend. Aber das mit dem halben Monat ist schlichtweg nicht zu organisieren. Am besten nimmt man sich wohl vor: Na gut jetzt mache ich 2010 noch einmal 110 Konzerte und 2011 dafür nur 50. Jetzt in diesem Herbst ist der Kalender nicht so voll, aber da muss ich ja auch meine „Istanbul Sinfonie“ komponieren.
MEIER: Komponieren Sie eigentlich am Computer oder auf Papier?
Say: Ich notiere, arbeite an einer Skizze und schreibe es dann sauber auf Papier. Die Kopisten von Schott, meinem Verlag, übertragen das dann auf den Computer.
MEIER: Und wie steht es um Ihre Umzugspläne – weg von Istanbul, und dann wohin?
Say: Ich hatte schon ein paar Probleme mit der Regierung. Das betrifft jetzt aber nicht nur mich persönlich: Viele Künstler haben Schwierigkeiten mit dieser Regierung. Aber ans Weggehen denke ich momentan nicht konkret. Ich hab hier ja meine Tochter …
MEIER: Sie sagten, wenn die Islamisierung fortschreitet, würden Sie vielleicht ans Auswandern denken …
Say: Ja, wahrscheinlich, aber konkret ist da zur Zeit nichts.
MEIER: Sie werden sicher sehr viel häufiger angefragt, als Sie auftreten wollen bzw. können. Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?
Say: Ich mache inzwischen sehr viele Festivals, also Fazil-Say-Festivals, in Paris, Hamburg, Dortmund oder Köln, wo ich meine ganze musikalische Vielseitigkeit zeigen kann, als Pianist, Kammermusiker, mit Orchester, als Komponist natürlich oder auch als Jazzmusiker. Und da geht es auch oft um soziale Dinge und den kulturellen Dialog. Außerdem gehen wir viel in Schulen, machen Konzerte für Kinder. Bei Konzertengagements geht es überhaupt nicht darum zu sagen, London ist besser als Mannheim. Ich gehe hin und spiele, so gut ich kann. Das einzige Kriterium ist mein eigenes Spiel, egal ob ich in der Türkei bin, in Tokio oder New York. Das spielt keine Rolle.
MEIER: Aber es gibt doch sicher Vorlieben?
Say: Natürlich gibt es musikalische Freunde wie zum Beispiel Patricia Kopatchinskaja, oder auch Thomas Fey hier in Heidelberg ist ein Dirigentenpartner für mich, ein großartiger, interessanter Musiker. Oder es gibt eine Partnerschaft mit Roger Norrington in Stuttgart.
MEIER: Apropos Norrington - wenn Sie Dirigent wären, würden Sie dann auch alles ohne Vibrato spielen lassen.
Say: Beethoven und Mozart bestimmt. Bei Bruckner und Mahler bin ich mir nicht so sicher. Thomas Fey arbeitet ja auch ein bisschen in diese Richtung mit dem alten Klang. Das gefällt mir sehr gut.
MEIER: Haben Sie auch eine bestimmte Beziehung zum Bundesjugendorchester und zu Peter Ruzicka?
Say: Ich kenne Ruzicka von den Salzburger Festspielen, mit dem BJO spiele ich das allerersten Mal.
meier: Gibt es eigentlich eine Art Austausch unter den Pianisten Ihrer Liga? So von wegen: die wollen von mir Saint-Saens' Fünftes, da hab ich aber momentan kein Bock drauf?
Say: Ein Konzert abzusagen, weil man keine Lust hat, das geht natürlich gar nicht. Und was ich nicht mag im Repertoire, das konnte ich noch nie gut spielen. Es kann allerdings schon einmal sein, dass ich an einem Tag nicht so gut drauf bin für ein bestimmtes Stück. Das ist im Leben so. Dann kann man aber auch vorsichtig das Programm umstellen und vielleicht eine andere Beethoven-Sonate spielen. Nicht bei einem Klavierkonzert natürlich, aber solo durchaus.
MEIER: Ich würde Sie als Sänger auf dem Klavier bezeichnen. Wie geht das?
Say: Es geht um die innerliche Energie an. Das Singen am Klavier hat etwas mit Freiheit und relativ wenig mit Technik zu tun.
Interview: Ingo Wackenhut, Foto: Marco Borggreve (MEIER 1/2010)




