Erzählungen von Lutz Seiler

Unterwegs in der turkestanisch-sibirischen Eisenbahn: Es geht durch radioaktiv verseuchtes Gebiet, der Reisende hat sich einen Geigerzähler gekauft, der unregelmäßig blinkt und den er – bei sich – seinen kleinen Erzähler nennt. Das Kästlein zeichnet die Strahlung auf, die von der Umwelt ausgeht – genauso wie der Reisende all das aufzeichnet, was um ihn herum geschieht. Dabei gerät das Aufgenommene in eine merkwürdige Schwebe: Die Welt vor den Fenstern bleibt märchenhaft unkonturiert, und der Zug selbst gewinnt eine geradezu unwirkliche, mystische Dimension. Ein Personal wie aus einem Fellini-Film begleitet den Erzähler auf der Reise in die letzten Winkel eines untergegangenen Reichs und einer vergangenen Zeit. "Turksib" heißt diese suggestive Geschichte von Lutz Seiler, für die er mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde. Nun ist sie Teil eines Bandes, der ganz unterschiedliche Texte versammelt: eine Trennungsgeschichte, die Erinnerung an eine DDR-Kindheit, die Erzählung einer persönlichen Umbruchszeit, die vor dem Hintergrund der Wende spielt. Eines aber haben diese schwermütig-schönen Geschichten gemein: sie sind meisterlich geschrieben und von Ferne hört man einen Ton, der an den großen Autor Wolfgang Hilbig erinnert.

[Ulrich Rüdenauer]

 

* Lutz Seiler: Zeitwaage. Erzählungen. Suhrkamp. 287 Seiten. EUR 22.80

 

 

Kommentieren

Meine Informationen merken

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


Kann ich nicht lesen, neues Bild bitte.


Kommentare werden umgehend geprüft und erst dann freigeschaltet.

Noch keine Kommentare zu diesem Artikel

Teilen |