Short Stories von John Cheever

Ned Merrill ist ein Mann in mittleren Jahren, bestens in Form und beliebt, er hat Familie, Kinder und einen gut dotierten Job – auf den ersten Blick das Paradebild eines Angehörigen der amerikanischen Mittelschicht. Eines Tages taucht er in Badehose bei einer Party von Freunden auf und beschließt, auf seinem Nachhauseweg alle Pools der Nachbarschaft zu durchschwimmen.

John Cheever schafft es, von dieser Situation ausgehend, und in einem der amerikanischen Kurzgeschichte eigenen nüchternen Ton nach und nach eine unwirkliche, fast surreale Stimmung aufzubauen: Bei den Begegnungen mit seinen Nachbarn wird nicht nur dem Schwimmer Ned, sondern auch dem Leser immer deutlicher, dass diese lustig anmutende Tour durch die Vorgärten eine Odyssee ist. "Der Schwimmer" hat dem Erzählungsband des großen amerikanischen Erzählers John Cheever seinen Titel gegeben.

Mit den Abstiegsängsten der saturierten Gesellschaft kannte sich der 1982 im Alter von 70 Jahren gestorbene Cheever im übrigen bestens aus. Sie steht im Mittelpunkt seines Werks – und auch seiner Erzählungen. In dem chronologisch geordneten Band, der nur einen Teil der etwa 60 Kurzgeschichten enthält, muss man allerdings durchaus qualitative Unterschiede feststellen: So streichen einige frühe Erzählungen doch zu parabelhaft moralische Verfehlungen heraus, scheint der Autor selber noch zu verstrickt in ein bestimmtes, etwas bigottes Wertesystem und hat eher wenig Mitleid mit Außenseitergestalten – etwa in „Leb wohl mein Bruder“.

 

* John Cheever: Der Schwimmer. Stories. Mit einem Nachwort von T.C. Boyle. Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Gunkel. DuMont. 320 Seiten. EUR 19.95

[Ulrich Rüdenauer]

Kommentieren

Meine Informationen merken

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


Kann ich nicht lesen, neues Bild bitte.


Kommentare werden umgehend geprüft und erst dann freigeschaltet.

Noch keine Kommentare zu diesem Artikel

Teilen |