Der 31-jährige Star-Cellist im MEIER-Interview

Er ist mit Sicherheit einer der interessantesten Cellisten seiner Generation: der 31-jährige Münchener Johannes Moser, dessen Karriere spätestens seit seinem Preis beim legendären Tschaikowsky-Wettbewerb 2002 so richtig steil nach oben ging. MEIER hat mit dem Ausnahmemusiker anlässlich seines Konzerts mit den Mannheimer Philharmonikern in New York telefoniert - sozusagen auf dem Weg zum Flughafen während seiner USA-Kanada-Tournee.

MEIER: Ottawa, Los Angeles, Pittsburgh, Vancouver – wie reist es sich denn momentan unter verschärfter Terrorgefahr?

Johannes Moser: Ja, das ist vor allem mit dem Cello ein Problem. Einmal wollte ich in die USA einreisen, und man sagte mir, ich solle die Saiten vom Cello abnehmen, weil ich damit ja eventuell den Piloten erwürgen könnte. Aber das ist natürlich unmöglich, denn mein Cello würde ja ohne diese Saitenspannung in sich zusammenfallen. Also musste ich dem Mann eine kleine Instrumentenkunde geben und das Instrument auch einmal anspielen. Da waren dann alle ganz besänftigt. Was auch einmal vorgekommen ist: Es gibt doch die Elfenbeinspitze am Cellobogen, da wollte man mich einmal wegen des Elfenbeins nicht einreisen lassen. Da passieren immer wieder interessante Dinge.

MEIER: Und Ihr Cello hat im Flugzeug ja auch immer einen eigenen Platz ...

Moser: Ja, das ist notwendig, weil mit dem Gepäck ja nicht besonders zimperlich umgegangen wird.

MEIER: Liest man die Liste der Orchester und Dirigenten, mit denen Sie zusammenarbeiten, wird einem vor lauter Prominenz schwindlig. Geht Ihnen das auch so?

Moser: Schwindlig sicher nicht. Für mich steckt hinter jedem dieser großen Namen eine besondere, individuelle künstlerische Erfahrung. Und ich glaube, wenn man sich mehr darauf konzentriert als sich von den Namen blenden zu lassen, hat Aufregung im Grunde keinen Platz mehr. Dann geht es um die Sache und die wirklich sehr reichen Erfahrungen, die sich bieten. Vielleicht ein Beispiel: 2007 habe ich mit Thielemann in München das Schumannkonzert gemacht und das gleiche Stück zwei Wochen später mit Muti in Italien. Das sind nun wirklich zwei sehr unterschiedliche Künstler, und insofern war das „Endprodukt“ auch äußerst unterschiedlich. Aber ich war mit beiden Versionen irgendwie glücklich, weil beide sozusagen aus einer künstlerischen Melange entstanden sind. Ich bin nicht nur rumgefahren und hab' sozusagen mein Schumannkonzert abgeliefert, sondern wir haben versucht, jeweils unsere gemeinsame Version zu entwickeln. Die Chance zu haben, so etwas mit solchen musikalischen Giganten zu verwirklichen, das ist wunderbar, das ist wirklich ein Geschenk.

MEIER: Ist es Ihnen schonmal passiert, dass Sie mit einem Dirgenten überhaupt nicht zusammengekommen sind?

Moser: Ja, das kommt schon vor, aber das liegt dann weniger daran, dass man unterschiedliche Ideen hat, sondern es  ist eher so, dass jemand partout keine Lust hat zusammenzuarbeiten, sondern sagt: Machen Sie mal, ich folge Ihnen. Ich will gar nicht, dass man mir folgt, ich will gemeinsam etwas entwickeln. So etwas finde ich schade, ein verpasste Chance.

MEIER: Sie sind ja dermaßen viel auf Reisen, wie entspannen Sie sich da?

Moser: Sport ist für mich als Ausgleich unheimlich wichtig. Ich versuche, unterwegs sehr viel schwimmen zu gehen, oder joggen oder ins Fitness-Studio. Der ganze Stress, die Rumsitzerei, ja auch die Haltung beim Spielen, das setzt nicht nur dem Rücken zu, sondern auch dem Geist. Ich muss mich davon irgendwie befreien.

MEIER: Und die zwischenmenschlichen Beziehungen?

Moser: Natürlich habe ich auch unterwegs ein soziales Bedürfnis, und ich bin darauf erpicht, mit den Leuten, mit denen ich musikalisch zusammenarbeite, auch eine persönliche Verbindung einzugehen, z. B. indem man abends zusammen mal ein Bierchen trinken geht. Andererseits bin aber auch Gast, und es gibt Orchestermusiker, die wollen, dass ich das bleibe, und auf nähere Bekanntschaft gar keinen Wert legen.

MEIER: Ihre Mutter ist Sängerin – könnte Ihr ungewöhnlich sanglicher Ton damit zu tun haben?

Moser: Meine Mutter hat Konzerte gesungen, bis sie im achten Monat mit mir schwanger war. Ich habe den Gesang quasi mit der Muttermilch eingeflöst bekommen. Was für mich auch nach wie vor total wichtig ist, sind Opernbesuche oder Liederabende, wo ich nicht nur erleben kann, wie jemand mit dem Atem und der Stimme umgeht, sondern auch sehen kann, wie das gemacht wird: Wie wird Atem geholt oder wie gestützt. Da kann man sich einiges abschauen.

MEIER: Wie kriegen Sie denn die Stütze aufs Cello übertragen?

Moser: Naja, z. B. ein Pianissimo, das nicht gestützt ist, wird nicht tragen. Das ist allerdings mehr eine Sache der mentalen Sendung. Wenn ich mich für einen gestützten Ton entscheide, dann plane ich, dass das Pianissimo bis ans Ende Saals reicht, und dann muss man entsprechende technische Dinge anwenden.

MEIER: 2005 nach Ihrem Studium ging es mit Ihrer Karriere so richtig ab. Haben Sie eine Erklärung für diesen immensen Erfolg?

Moser: So etwas passiert nicht einfach, das muss man schon aktiv entscheiden. Und es ist natürlich auf jeden Fall auch sehr viel Glück mit im Spiel. Was mir aber sehr geholfen hat, ist, dass ich Dirigenten vorgespielt und meine Zusammenabreit angeboten habe.

MEIER: Eine Art Klinkenputzen?

Moser: Aber nicht im Sinne eines sich Anbiederns. Zum Beispiel: Ich hab 2005 Mariss Jansons vorgespielt. Daraus wurde dann erst 2009 ein Konzert mit dem Concertgebouw Orchester. Diese Dinge haben manchmal einen unglaublich langen Vorlauf. Im Grunde geht es darum, sich ins Bewusstsein zu bringen.

MEIER: Einen Termin mit Jansons muss man aber auch erst einmal bekommen ...

Moser: Ja. Und ich bin da sehr dankbar und weiß, dass das ein absolutes Privileg ist.

MEIER: Wie kam denn der Kontakt zu Boian Videnoff und den Mannheimer Philharmonikern zustande?

Moser: Er hat mir sozusagen ins Blaue hinein ein Mail geschickt und von seinem Projekt erzählt, von der Gründung dieses Orchesters, und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, als Solist mitzuwirken. Ich fand das eine tolle Idee und sehr mutig, dass jemand in Zeiten, wo die Kultur es nicht ganz so leicht hat und Orchester schließen, aktiv das Heft in die Hand nimmt und so etwas organisiert. Ich mache ohnehin viel mit jüngeren Musikern - mit jungen Menschen ja sowieso durch meine „Education“-Arbeit. Die Zusammenarbeit mit Leuten, die noch nicht seit 20 Jahren im Orchester und in dieser Routine sind, das ist etwas Schönes. Womit ich nicht sagen will, dass Routine etwas Schlechtes sein muss. Sie ist ja auch ein Investment, auf das man sich verlassen kann. Aber wenn man ganz frisch aus dem Studium kommt, hat man eben diese Erfahrung nicht und eine gewisse Neugier, Dinge über das Zusammenspiel herauszufinden, die man noch nicht wusste.

MEIER: Gab es in Ihrer Ausbildung denn Phasen, wo Sie dachten, Sie werden selbst Orchestermusiker?

Moser: Ja klar, ich wollte ursprünglich sowieso ins Orchester gehen, und nachdem ich 2002 den Preis beim Tschaikowsky-Wettbewerb gewann, war ich erstmal selbst überrascht. Bis zu dem Punkt wollte ich eigentlich meinem Vater nacheifern und eine Orchesterlaufbahn einschlagen. Und dann dachte ich mir, wenn ich den Preis jetzt schonmal habe - mal schauen, was man damit so anfangen kann.

MEIER: Apropos Nachwuchs - wird denn bei Ihnen schon in Sachen Lehre angeklopft?

Moser: Es wird angefragt, ob ich mich vorstellen möchte, aber das ist zu früh für mich. Ich habe 250 Reisetage im Jahr, ich könnte nicht verantwortungsvoll eine Klasse oder einen Schüler führen. Und ich möchte auch nicht einfliegen, in homöopathischen Dosen ein paar Stunden geben und dann wieder für Monate verschwinden. Auf lange Sicht ist das aber auf jeden Fall mein Wunsch. Auch aus rein egoistischen Gründen, denn ich habe oft festgestellt, dass man beim Unterrichten selbst am meisten lernt, indem man z. B. Komplikationen aufspürt, von denen man vorher gar nicht wusste, dass es sie gibt. Daran wächst man.

MEIER: Mit dem Unterrichten käme ja eventuell auch eine etwas größere Sesshaftigkeit - wie geht denn momentan überhaupt ein Privatleben oder Familie?

Moser: Ich hab ja noch keine Familie, und das Privatleben ist in der Tat eine etwas schwierige Angelegenheit. Aber es gibt eine Zeit für alles. Im Moment ist die Zeit fürs Reisen, die Welt zu sehen und interessante Musiker zu treffen. Und es wird eine Zeit geben, wo das nicht mehr so im Vordergrund steht, wo die Familie wichtig wird. Ich genieße im Moment das Privileg, sehr intensiv meinen Beruf leben zu können, und - ja - irgendwann werde ich intensiv meine Familie leben können.

MEIER: Sie meinen, dass dieses Jetset ein Reizfülle mit sich bringt, die sich mit der Zeit ein bisschen abschwächt ...

Moser: Das kann ich jetzt nicht beantworten, darüber sprechen wir dann gerne nochmal in zehn Jahren.

MEIER: Super Schlusswort, vielen Dank für das Gespräch und guten Flug.

Interview: Ingo Wackenhut (MEIER 1/2011)

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