Roman von Haruki Murakami

Die Sätze sind schlicht – leicht zu lesen und noch leichter zu verstehen. Da gibt es wenig heraus zu deuten, da wird nichts weggelassen, um Spannung zu erzeugen. Es gibt keinen faszinierenden Metaphernwildwuchs, der Tonfall sämtlicher Figuren ist überaus ähnlich und die Dialoge sind so nüchtern wie Gespräche zwischen Beamten. Diese Kritik an Büchern Haruki Murakamis ist nicht neu, und seine Fans haben an diesen "Mängeln“ ohnehin nie Anstoß genommen. Gleichwohl wäre es eine schön Überraschung gewesen, hätte der berühmte japanische Autor es bei seinem gut 1.000 Seiten fassenden neuen Roman "1Q84" ausnahmsweise einmal anders gemacht.

Einigermaßen spannend ist "1Q84" trotzdem, denn Murakami ist, wenn er will, ein versierter Geschichtenerzähler. Und eine Fitnesstrainerin, die Vergewaltiger ermordet, indem sie ihnen mit einer Nadel zwischen die Halswirbel sticht, ist ja auch nicht die denkbar schlechteste Protagonisten. Aomame betreibt ihr Geschäft mit professioneller Kaltblütigkeit und erhält ihre Aufträge von einer exzentrischen alten Dame. Die zweite Stimme des Buches gehört Tengo, einem klugen, jungen, einsamen Mathematiklehrer und Träumer, der den Roman eines Mädchens zum Erfolg lektoriert. Aomame und Tengo haben mehr miteinander zu tun haben, als sie lange Zeit wissen.

Phantastischer Schwung kommt in die Geschichte, als sich für Aomame, Tengo und den Leser eine unheimliche Parallelwelt auftut. So spielen nicht nur Liebe, Macht, sexueller Missbrauch und religiöser Fanatismus engagiert ihre Rollen, sondern etwa auch undurchschaubare Fabelwesen, die "Little People". Je unlogischer und absurder es zugeht, umso gewinnbringender ist die Lektüre dieses Romans, der, wie jeder Murakami-Roman, aber vor allem etwas für waschechte Murakami-Fans sein dürfte.

[Michael Saager]

 

* Haruki Murakami: 1Q84. Dumont Buchverlag. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. 1021 Seiten. € 32. –

 

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