Die De-Phazz-Sängerin auf Solopfaden - das Interview

Wir kennen und schätzen sie als Sängerin von De-Phazz und für ihr großartiges Album „What´s next?“. Jetzt legt die Wahlberlinerin nach und sorgt für eine Riesenüberraschung. Ihr neues Album, zur Zeit bekommt es gerade den letzten Schliff, trägt den Titel „Mittendrin“ und enthält erwachsene Popmusik mit erwachsenen deutschen Texten - mal autobiografisch, mal ironisch, mal scharfzüngig, mal beschreibend. Auf die kommenden Konzerte von Pat Appleton darf man gespannt sein - und dann vielleicht ein blaues Wunder erleben.

Meier: Ich habe gerade „Mittendrin“ gehört und bin ziemlich überrascht. Ich habe so eine Musik ziemlich lange nicht mehr gehört und musste dabei ziemlich oft an Ulla Meinecke denken.

Pat Appleton: Hey, super! Tatsächlich war deren Musik ein Ausgangspunkt. Ich wollte mal wieder eine Frauenstimme hören, denn momentan fühlt man sich ja von jungen Wilden umstellt.

Meier: Eben, überall erzählen uns die 21-Jährigen von ihren Problemen. Deine Texte klingen eher nach 31.

Appleton: Sehr charmant! Danke!

Meier: Die Textsituation im deutschsprachigen Pop ist unbefriedigend. Bei Ina Müller oder Annett Louisan, die eigentlich ähnlich unterwegs sind, schreibt ein Mann die Texte, und außerdem herrscht da ein Zwang zur Ironie. „Mittendrin“ füllt insofern eine schmerzhafte Lücke.

Appleton: Das freut mich sehr. Ich habe das Album schon so vielen Leuten vorgespielt, und die meisten finden es noch immer zu laut und zu krachig. Wir mischen uns hier gerade einen Wolf! Das drückt dann schon mal auf die Stimmung.

Meier: Als erste Single-Auskopplung würde ich spontan „Männer ohne Pferd“ vorschlagen.

Appleton: Ja, noch so ein Streitpunkt! Aufgrund der antizipierten Radiotauglichkeit gilt aktuell „Weißmehl“ als Favorit, aber da wird sicher noch drüber gesprochen werden. Meine Mutter plädiert auch für „Männer ohne Pferd“.

Meier: Irgendwas an diesem Song erinnert mich übrigens an einen apokryphen Song der Briten Wimple Winch aus dem Jahre 1966. Kennst du „Save my Soul“? Das ist eine ganz irre Nummer!

Appleton: Da müsste ich meine Mutter fragen, denn 1966 konnte ich selbst noch keine Musik hören. Andererseits bin ich durch die De-Phazz-Schule gegangen... Aber bewusst sagt mir das jetzt nichts.

Meier: Egal! Mir gefiel gerade die Krachigkeit deines Songs.

Appleton: Ich beobachte ja gerne Leute. Mir ist aufgefallen, dass Männer, je älter sie werden, sich immer jugendlicher geben. Da ruft dich dann ein 42-jähriger Gitarrist an und sagt, dass man ihn nicht mehr zuhause anrufen brauche, weil er sich verändert habe. Das passiert gerade häufiger: sportlich gebliebene Herren, die lieber Fahrrad als Auto fahren und so beweglich geblieben sind, dass sie der Verantwortung gerne mal aus dem Weg fahren. Da fand ich rockige Musik ganz passend, es geht ja auch um eine ganz spezielle, um die Ecke gedachte Spießigkeit.

Meier: Apropos. Ganz traust du dir in dieser Hinsicht ja auch nicht über den Weg. Im Song „Niemals“ erzählst du davon, wie du einmal einen Brautstrauß gefangen hast und wie dich das in große Verlegenheit gebracht hat.

Appleton: Der Song geht auch auf ein persönliches Erlebnis zurück, aber ich habe statt selbst zu heiraten lieber einen Song darüber geschrieben. Da will man mal romantisch sein und lädt sich jede Menge Papierkram auf. Wer wird eingeladen? Wer nicht und warum? Was ist mit den Eltern? Und so weiter und so weiter. Hochzeiten sind so was von anstrengend.

Meier: Ich dachte, es sei gerade der Trend, Hochzeiten so zu feiern, dass das Brautpaar und deren Eltern nach der Feier finanziell ruiniert sind.

Appleton: Ja, eben, man muss doch etwas darstellen. Aber „Niemals“ war tatsächlich die Initialzündung für das neue Album. Ich hatte den Song liegen, aber noch ohne Text. Der Text ging dann erstaunlich leicht von der Hand. Und da habe ich mir gedacht: Okay, dann komme ich jetzt mal raus aus der Lounge, stelle mich gerade hin und sage „Leute, hier bin ich, und so denke ich!

Meier: Erste Überraschung: deutsche Texte. Zweite Überraschung: Auch die Musik klingt völlig anders als das perfekt produzierte Album „What´s next?“

Appleton: Ich wollte einen Sound, der sich mehr am Live-Feeling orientiert. Einen Vintage-Sound mit einer richtigen, alten Hammond-Orgel mit Leslie-Verstärker. Ich wollte dieses föhnende Gewaber spüren. Ich habe ja früher viel Live-Erfahrung mit solchen Instrumenten und großen Anlagen gesammelt. An diesen Sound wollte ich wieder heran.

Meier: Neben Ulla Meinecke nennst du auch Grönemeyer als wichtigen Einfluss, der dich geprägt hat. Ich würde noch Edo Zanki und Carsten Bohn ergänzen wollen. Gerade „Weißmehl“ klingt doch sehr nach Jazzband, die Pop-Funk-Fusion will. So was wurde Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre gerne gemacht.

Appleton: Genau! Das ist ja auch die Musik, von der ich geprägt wurde. Ich wollte weg von diesen Whitney-Houston-Covers und auch mal eine Trude Herr oder eine Hildegard Knef auspacken. Weil ich mit dem Deutschen auch gut klarkomme. Warum macht man Platten? Eigentlich gibt es keinen Grund mehr, man verkauft ja kaum noch etwas. Aber wenn man es trotzdem macht, dann sollte man seine ganze Persönlichkeit einbringen und keine Kompromisse mehr machen. Mit „Mittendrin“ wollte ich einfach mal etwas krasses Anderes machen. Deshalb ist auch kein Foto von mir vorne drauf, sondern momentan noch eine weiße Wildsau. Mensch, es gibt so viele hübschere, jüngere Sängerinnen. Man muss bloß mal in einen Plattenladen gehen. Das ist ganz schön frustrierend. Und ich will nicht wegen meinem Aussehen automatisch ins R’n’B Fach abgelegt werden.

Meier: Aber in Berlin, habe ich mir sagen lassen, ist doch die Wildsau so etwas wie ein abenteuerlustiger, jugendlicher Vorstadtrocker. Habe ich in einem Tierfilm gesehen.

Appleton: Vorstadtrocker? Schön gesagt! Letztes Jahr bin ich auf dem Nachhauseweg nach einer Session in Zehlendorf tatsächlich einem Wildschwein begegnet. War ne erstaunliche Situation, weshalb ich mir dachte, das Schwein muss einfach stattfinden. Aber auch da wird noch diskutiert. Obwohl: Die Leute, die die Musik von „Mittendrin“ gut finden, finden auch das Wildschwein klasse.

Meier: Ich sehe, wir verstehen uns.

Appleton: Sieht so aus, ja.

Interview: Ulrich Kriest (MEIER 8/2010)

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