Der neue Speyerer Domkapellmeister im Interview
Seinem Amtsantritt letztes Jahr gingen reichlich Kontroversen um die Nachfolge von Leo Krämer voraus. Der wollte gar nicht pensioniert werden, und in der Interimszeit wurde ordentlich Porzellan zerdeppert. Wollen wir hier nicht alles nochmal aufwärmen. Jedenfalls scheint die Speyerer Dommusik wieder in ruhige Fahrwasser gefunden zu haben: Das dommusikalische Trio ist seit August auch wieder vollständig, nachdem Markus Eichenlaub zum Domorganisten berufen wurde, und nach einem Jahr Pause gibt es auch wieder die von Stadt und Domkapitel getragenen Internationalen Musiktage „Dom zu Speyer“ – genügend gute Gründe also für ein Gespräch mit Markus Melchiori.
MEIER: Inwieweit haben Sie denn die Zerwürfnisse, die Ihrer Berufung vorangingen, mitbekommen bzw. vielleicht sogar betroffen?
Melchiori: Nein, betroffen gar nicht. Ich wusste natürlich, dass Herr Krämer altersbedingt aufhört, Frau Völker die Dommusik interimistisch geleitet hat und dass mit mir dann am 1. September letzten Jahres etwas Neues beginnen sollte. Die Interna kenne ich nicht genau. Aber es ist natürlich überall so, dass jemand, der die Altersgrenze erreicht, in den Ruhestand geht, auch in der katholischen Kirche. Bei Priestern und Bischöfen liegen die Altergrenzen etwas anders. Domkapellmeister bilden da aber keine Ausnahme.
MEIER: Wie kam es denn damals zu Ihrer Bewerbung?
Melchiori: Ich habe mich gar nicht beworben. Ich wurde vom Domkapitel angesprochen und habe mich dann natürlich entsprechend vorgestellt.
MEIER: Spüren Sie noch den „übermächtigen“ Schatten Ihres Vorgängers?
Melchiori: Herr Krämer hat durch seine große Persönlichkeit die ganze Dommusik sehr geprägt – auch durch seine Art des Musizierens. Da ist es klar, dass das einen Nachfolger beschäftigt. Es geht aber nicht darum, alles neu zu erfinden, sondern was sich über Jahre bewährt hat, erst einmal aufzunehmen und auch weiterzuentwickeln. Wichtig ist jetzt, die Dommusik neu aufzubauen, denn auch Herrn Krämers saarländische Chöre, die oft mit dem Domchor zusammen konzertiert haben, stehen ja nicht mehr zur Verfügung. Das heißt, wir wollen den Domchor an sich festigen, neue Mitglieder gewinnen und auch die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im vokalen Bereich kräftig anpacken. Der Domchor ist letztlich der Rückhalt der Dommusik.
MEIER: Wie viele Mitglieder hat denn der Domchor momentan?
Melchiori: Circa 50.
MEIER: Das heißt, große romantische Oratorien sind schwierig zu machen?
Melchiori: Nein. Aber natürlich wäre es in der Größe des Raumes schön mit 90 Choristen singen zu können. Aber andererseits: Die Musiktage sind ja nicht das Tagesgeschäft. Die Hauptaufgabe eines Domchores ist sonntags im Gottesdienst zu singen und natürlich an den Feiertagen. Konzerte sind ein schönes Bonbon für den Chor und jeder Chor braucht natürlich auch die konzertante Herausforderung. Aber der Schwerpunkt liegt ganz klar im liturgischen Bereich. Und das ist den Chormitgliedern nach meinem Eindruck auch ganz wichtig, obwohl das mitunter ein deutlich größeres Pensum bedeutet als bei einem Oratorienchor. Wir proben oft mehrere Programme bzw. Stücke parallel, und da wird es beispielsweise auch schwierig, wenn Leute nur projektweise mitsingen möchten. Eine Chorgemeinschaft wächst auch mit dem, was man zusammen erarbeitet.
MEIER: Wie ist denn nun die neue Konstruktion: Nach Dietmar Mettlachs Pensionierung als Diözesankirchenmusikdirektor versieht jetzt Markus Eichenlaub sowohl den DKMD wie den Domorganisten?
Melchiori: Dadurch, dass ich jetzt am Dom – im Gegensatz zu Herrn Krämer – ausschließlich Chorarbeit mache, schien uns das sinnvoll. Es gibt eigentlich an keinem Dom eine Personalunion von Kapellmeister und Domorganist. Wir haben auf der Domkantorenstelle noch Christoph Keggenhoff, der einen Großteil der Orgeldienste übernimmt und mit einer halben Stelle in der Ausbildung tätig ist. Deswegen konnten wir keine volle Organistenstelle ausschreiben. Die Stelle von Herrn Mettlach bleibt so zu 100 Prozent erhalten, aber eben auf zwei Personen verteilt. Dieses Stellenkonstrukt hat sich in der momentanen personellen Situation einfach angeboten.
MEIER: Eichenlaub kommt ja wie sie aus Limburg. Hatten Sie Einfluss auf seine Berufung?
Melchiori: Wir waren dort zehn Jahre Kollegen und sind auch befreundet. Für ihn war Speyer doppelt reizvoll: das Aufgabenfeld am Dom und als DKMD, aber auch, weil er ja ursprünglich aus der Pfalz kommt. Er hat sich im Bewerbungsverfahren dann als sehr geeignet erwiesen. Ich saß mit in der fünfköpfigen Findungskommission, und so hatte ich auch ein Fünftel Einfluss. Ich freue mich da auf eine schöne Zusammenarbeit, wir werden im Team auch mit Christoph Keggenhoff sicher einiges entwickeln.
MEIER: Ganz platt gefragt: Worin bestehen Ihre Aufgaben als Domkapellmeister konkret?
Melchiori: Ich bin für alles verantwortlich, was im Dom musikalisch passiert, von Anfragen zu Orgelführungen bis zu Sondergottesdiensten. Ich sitze in verschiedenen Gremien auf Diözesanebene, in Vorbereitungsgruppen zum Salierjahr 2011 oder zu 950 Jahre Domweihe. Dann sind natürlich zweimal wöchentlich die Proben mit dem Domchor und ebensooft mit den Kinder- und Jugendchören der Domsingschule. Gespräche führen, Terminpläne erstellen, Noten einrichten, Orchester und Dombläser organisieren – das ist schon ein breites, vor allem organisatorisches Aufgabenfeld.
MEIER: A propos: Wo wollen Sie denn mit der Kinder- und Jugendarbeit hin?
Melchiori: Hoch hinaus natürlich (lacht) Wir haben drei Chorgruppen mit insgesamt knapp 50 Kindern und proben doppelt so oft als bisher. Das ist eine sehr fruchtbare Arbeit.
MEIER: Die Musiktage erstrecken sich diesmal „nur“ über gut zwei Wochen. Welche Überlegung steckt dahinter?
Melchiori: Das war konkret der Wunsch der Stadt, und es war auch der ursprüngliche Rahmen der Musiktage. Die Stadt war der Ansicht, dass man einen Festivalcharakter nicht von August bis November fassen kann. Man braucht einen engeren Zeitrahmen. In Speyer laufen ja sehr viele Aktivitäten, da bin ich schon erstaunt. Beim Altstadtfest kann man beispielsweise im Dom im Prinzip nichts machen. Das will also alles koordiniert werden. Ich werde mich auch mit den protestantischen Kollegen treffen und eventuell auch programmatisch etwas absprechen. Ich denke, das ist für die Größe der Stadt ganz wichtig.
MEIER: Wie würden Sie die Programmschwerpunkte 2010 beschreiben? Man erkennt einen Akzent auf runden Geburtstagen …
Melchiori: In diesem Jahr sind es Komponisten, die nicht ganz so geläufig sind. Mit Schumann verbinden die Leute eher Lied, weniger Chor, mit Cherubini und Pergolesi können viele überhaupt nichts anfangen. Ich sehe die Musiktage als Chance, unbekanntere Musik, vielleicht gekoppelt mit Bekantem nahezubringen. Da ist ein bisschen pädagogischer Eifer mit im Spiel: nicht nur die Highlights zu präsentieren, sondern aufzuzeigen, was es sonst noch gibt.
MEIER: Welche Ideen haben Sie mittelfristig für die Musiktage? Könnten Sie sich auch eine stringentere Dramaturgie vorstellen?
Melchiori: Das werden wir schon eher offenhalten. Aber beispielsweise im nächsten Jahr, wenn 950 Jahre Domweihe gefeiert werden, wäre es schon interessant, 950 Jahre Musikgeschichte abzubilden, vom Mittelalter bis in die unmittelbare Gegenwart. Wir wollen auch ganz gern ab 2012 den Orgelwettbewerb, aus dem die Musiktage ja ursprünglich hervorgegangen sind, wieder aufleben lassen. Generell ist mir vor allem die Mischung des Programms und Vielfalt auch in den Besetzungen wichtig.
MEIER: Wie erleben Sie denn die (Über-) Akustik des Doms mit den berühmten 13 Sekunden Nachhall? Ich bin nach großbesetzten Konzerten meistens sehr frustriert, weil man so wenig „versteht“ …
Melchiori: Nun, der Dom ist in seinen akustischen Verhältnissen nicht zu ändern – die waren schon immer schwierig, vor allem im Langhaus. Ich glaube aber, dass es einen großen Reiz hat, hier z.B. eine Bruckner-Sinfonie, die Marienvesper oder eine Mozart-Messe zu machen. Die Besonderheit liegt ja darin, diese Musik an diesem bestimmten Ort zu hören. Wir werden in diesem Jahr erstmals auch Konzerte nur im Querhaus und der Apsis machen, das ist ein ganz eigener, neuer Raum, da bin ich sehr gespannt. Auf jeden Fall sollte man nicht versuchen, die Größe des Raums durch riesige Besetzungen und Laustärke wettzumachen. Der Raum spricht sehr gut auf intimes Musizieren an, man muss nicht von Klangmassen erschlagen werden. Da gibt es für mich noch Vieles auszuprobieren.
Interview: Ingo Wackenhut (MEIER 9/2010)




