Heidelbergs junger GMD im Interview
Der Heidelberger GMD dirigierte Heidelbergs Philharmoniker Anfang August im Rahmen der Schlossfestspiele wieder live zu einem legendären Kinofilm: Chaplins „Lichter der Großstadt“. Außerdem hat er gerade den Opernspielplan des Heidelberger Theaters für die kommende Saison vorgestellt. Gute Gründe für ein Gespräch über Chaplin, Otello und die Zukunft der Heidelberger Oper.
Meier: Sie sind gerade 30 geworden. Darf man noch junger Dirigent sagen?
Cornelius Meister: Alle Dirigenten unter 70 sind jung. Das ist ja gerade das Schöne an unserem Beruf. Dennoch dirigiere ich jetzt schon beinahe die Hälfte meines Lebens.
Meier: Als ausgewiesener Chaplin-Fan: Was ist für Sie das Besondere, Geniale an „Lichter der Großstadt“?
Meister: In jedem „Chaplin“-Film gibt es Szenen, über die man auch beim hundertsten Anschauen noch schallend lacht: bei den „Lichtern der Großstadt“ die Situation, wenn Chaplin bei der Einweihung des Denkmals unfreiwillig stört und viele weitere. Gleichzeitig verkörpert Chaplin aber immer auch etwas ganz Ehrliches, eine gewisse Lebens-Tragik. Das alles versüßt mir die Vorbereitung auf die Aufführung: Sie dürfen nicht vergessen, dass ich in den Wochen vor der Aufführung jeden Tag immer wieder den gleichen Film sehe, um ihn mit allen seinen Facetten auswendig zu lernen. Das hält man nur bei Meisterwerken wie den „Lichtern der Großstadt“ durch.
Meier: Wie haben wir uns denn die Entstehung der Musik vorzustellen: Chaplin pfeift eine Melodie, sein Adlatus schreibt sie auf und arrangiert sie … ?
Meister: Chaplin war ein Universalgenie. Auch Loriot, den ich verehre, war bei seinen Filmen in mehrfacher Funktion schöpferisch tätig, aber er hat keine Filmmusik komponiert. Chaplin hingegen überließ nicht einmal das anderen. Dass ein Komponist von Filmmusik nicht selbst die Orchestrierung vornimmt, ist dabei nichts Ungewöhnliches. Solch eine Arbeitsteilung war und ist durchaus üblich.
Meier: Sie haben schon in ihrer Kapellmeisterzeit in Hannover Filmmusik dirigiert. Was packt Sie daran so?
Meister: Eigentlich ist es nach wie vor ein Hobby. Es gibt Dirigenten, die sich darauf spezialisiert haben und mehr oder weniger ausschließlich Filmmusik dirigieren. Ich hingegen gönne den Philharmonikern und mir jedes Jahr zum Saison-Abschluss einen Film. Eigentlich sollte das eine Form der Entspannung sein, aber genaugenommen handelt es sich dabei um eines der anspruchsvollsten Projekte jeder Spielzeit.
Meier: Hat das damit zu tun, dass es in der Oper zwischen Bühne und Graben ein Geben und Nehmen ist. Hier geben ausschließlich Sie. Ist das ein Problem?
Meister: Ich würde meine Arbeit eher als „Nehmen“ bezeichnen denn als „Geben“: Während ich in der Oper eine unmittelbare Reaktion auf das spüre, was ich gebe, ändert sich der Film gar nicht – da kann ich gegen ihn noch so inspiriert andirigieren. Man könnte vielleicht sagen, dass der Dirigent am freiesten ist in der symphonischen Literatur; danach in der Oper, wo aus dem Zusammenspiel mit den Solisten, mit der Szene, mit dem Licht usw. ein Ganzes entsteht; danach im Ballett, weil die Tänzer allein durch die Gesetze der Schwerkraft auf eine berechenbare musikalische Partnerschaft angewiesen sind; und zuletzt bei der Begleitung eines Stummfilms: Auch wenn ich als Dirigent in manchen Sequenzen, die beispielsweise eine Naturstimmung ohne größere Aktionen zeigen, durchaus frei im Rubato bin, bewege ich mich hier innerhalb genau gesetzter Grenzen. Dennoch spontan und künstlerisch eigenständig zu sein: Hierin liegt gleichermaßen die Herausforderung und die Faszination.
Wussten Sie übrigens, dass der Film bei jeder Aufführung etwas anders läuft? Die Technik lässt sich nicht so einstellen, dass der Film immer gleich lang dauert. Differenzen von 20 Sekunden sind keine Seltenheit. Als Dirigent muss ich den Film daher wirklich genau kennen, um durch solche Schwankungen nicht aus der Bahn geworfen zu werden.
Meier: Wenn wir schon bei der Oper sind: Sie dirigieren in der kommenden Spielzeit „nur“ die „Otello“-Neuproduktion und die „Zauberflöte“. Hängt das damit zusammen, dass ursprünglich für 2010/11 ein weiterer neuer Mozart geplant war, der nun den Sparauflagen geopfert wurde?
Meister: Der Mozart-Zyklus passte ausgezeichnet ins alte Theater. Im Opernzelt mit seinem etwa doppelt so breiten Bühnenportal wollen wir hingegen Werke zeigen, die einen großen Chor erfordern. Da passt ein Werk wie „Otello“, das wir im alten Haus nicht unbedingt aufgeführt hätten, ideal auf die Bühne und in den Orchestergraben, der gerade mit Bravour den „Salome“-Test bestanden hat. Außerdem versuchen wir immer, den Spielplan auf den Möglichkeiten des aktuellen Sängerensembles aufzubauen. Auch in dieser Hinsicht bietet die kommende Spielzeit hervorragende Chancen für die Solisten, sich zu präsentieren.
Meier: Wäre nicht der „Fidelio“ auch ein „Chefstück“ gewesen?
Meister: Dietger Holm freut sich schon sehr darauf, die „Fidelio“-Premiere zu dirigieren. Wer weiß, vielleicht gibt es ja eine Möglichkeit, dass ich ein paar spätere Vorstellungen dirigiere. Dass ich Lust dazu hätte, ist im Haus bekannt.
Meier: Und, sorry für das Erbsenzählen: Sie dirigieren auch ein Konzert weniger als in dieser Spielzeit. Nehmen Ihre auswärtigen Verpflichtungen überhand? Ich denke an Ihren neuen „Job“ als Chef des RSO Wien …
Meister: Die Anzahl meiner Heidelberger Dirigate war lange vereinbart, bevor ich den Wiener Vertrag geschlossen habe. Die Auslastung der Heidelberger Philharmonischen Konzerte ist in beeindruckender Weise gestiegen. Schon jetzt sind die guten Plätze für die kommende Saison rar. Selbstverständlich fühle ich mich für alle Konzerte, auch wenn ich nicht selbst dirigiere, verantwortlich. So wird es auch in Zukunft sein. In den letzten Jahren habe ich übrigens immer mehr dirigiert, als vertraglich vereinbart und im Spielzeitbuch veröffentlicht war. Ich gehe davon aus, dass dies auch in Zukunft der Fall sein wird. Ich freue mich schon darauf, die Saisoneröffnung der Philharmonischen Konzerte am 29. September zu dirigieren. Wir werden beginnen mit Andrew Normans witzigem Stück „Drip Blip Sparkle Spin Glint Glide Glow Float Flop Chop Pop Shatter Splash“, gefolgt vom Brahmsschen Doppelkonzert mit Capucon und Poltéra als Solisten. Den Abschluss bildet das „Konzert für Orchester“ von Bartók.
Meier: Drip Blip Sparkle was? Egal. Eine Frage zum Schluss: Was rufen Sie Peter Spuhler und seinem Team, das mit ihm 2011 nach Karlsruhe geht, nach?
Meister: Dafür ist es noch ein bisschen zu früh. Zunächst einmal freue ich mich auf eine weitere schöne Spielzeit zusammen mit Peter Spuhler. Da ich mit seinem Nachfolger, Holger Schultze, bereits in intensiven und partnerschaftlichen Planungen für die Saison 2011/12 bin, blicke ich gleichermaßen frohen Mutes auf die Heidelberger Zukunft.
Ingo Wackenhut / Foto: Rosa Frank (MEIER 8/2010)




