Philip Roth über Abgründe

Die Hölle sind nicht nur die anderen. Höllenqualen kann einem auch das eigene Unvermögen bereiten. In Simon Axlers Fall ist es die Unfähigkeit zu spielen. Einst ein gefeierter Schauspieler, ein Riese der Bühne, macht er auf den Brettern, die die Welt bedeuten können, seit einiger Zeit eine absurd lächerliche Figur. Er kriegt nix hin, überzeugt niemanden. Seine gespielten Rollen haben sich "aufgelöst in dünne Luft". Woher diese schreckliche Unfähigkeit rührt, weiß er nicht. Verflucht: "Sein Talent war tot." Weil Philip Roth seine Protagonisten nicht selten erbarmungslos scheitern lässt, kommt es für den 65-jährigen Axler noch dicker: Seine Frau verlässt ihn; dem missglückten Selbstmordversuch folgt ein zeitweiser Aufenthalt in der Psychiatrie. So weit, so realistisch.

"Die Demütigung", das 30.Buch des amerikanischen Schriftstellers, handelt abermals von den Tücken des Alters. Roth, der einmal sagte, Alter sei eine große Ernüchterung, weiß indessen nur zu gut, dass das männliche Verlangen nach jungen Frauen bleibt. Und so schreibt er in eleganten schlanken Sätzen eine Geschichte, die durchaus als verdrehte Altherrenfantasie abtun darf, wer es nicht leiden mag, dass Axler schon bald mit der 25 Jahre jüngeren Pegeen anbändelt – der lesbischen Tochter eines Jugendfreundes, ausgerechnet!

Nicht nur Axler ahnt, dass ihm diese Beziehung – erzählt als deftige erotische Liebesgeschichte mit obsessiven Abgründen – früher oder später um die Ohren fliegen wird. Boshafte Leser verfolgen Axlers weiteren Weg deshalb mit voyeuristischem Lustgewinn; zartere Leserseelen könnten sich an der Gnadenlosigkeit stoßen, mit der Roth seinen Helden von der kurzen Zeitspanne großen Glücks zur finalen Demütigung schliddern lässt.

 

[Michael Saager]

* Philip Roth: Die Demütigung. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag. 137 Seiten. EUR 15.90

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