Regietheater im Jazz?

Zuletzt hat die große amerikanische Jazz-Sängerin ihre kulturellen Wurzeln in der roten Erde Malis aufgespürt und „Red Earth“, ein ganz erstaunliches Album mit von dort stammenden Musikern eingespielt. Auf ihrem neuen Album „Eleonora Fagan (1915-1959): To Billie with Love from Dee Dee“ forscht Bridgewater in eine ganz andere Richtung.

So wie sich Dee Dee Bridgewater zuvor schon Lieder von Ella Fitzgerald, Kurt Weill oder Horace Silver vorgenommen hat, so interpretiert sie jetzt – begleitet und unterstützt von Hochkarätern wie James Carter, Christian McBride oder Lewis Nash – Songs der legendären Billie Holiday. Allerdings schert sie sich nicht um Werktreue, sondern nimmt die Originale als Vorlagen, um Klassikern wie „Lover Man“ oder „Lady sings the Blues“ neue Facetten abzugewinnen. Dass sie an die Magie der Originale nicht heranreicht, ahnt man früh. Dass man manchmal den Eindruck hat, es gar mit Parodien zu tun zu haben, schmerzt. Dass Dee Dee Bridgewater manchmal stimmliche Probleme zu haben scheint, könnte an den Produktionsumständen liegen. Andererseits ist es natürlich interessant, dass mal jemand den Mut aufbringt, am Lack der tragischen Aura Billie Holidays zu kratzen. Reichlich Gründe, um sich einmal direkt mit der Künstlerin zu unterhalten.

MEIER: Ihr letztes Projekt „Red Earth“ galt der Erforschung Ihrer kulturellen Wurzeln in Mali. Darf man Ihr neues Album als einen Ausflug in die Jazzgeschichte werten?

Dee Dee Bridgewater: Vielleicht auch das. Aber zunächst einmal ist es die Feier einer großen Künstlerin. Ich wollte Billie nicht imitieren, zumal es ja wirklich genug Tributes an sie gibt. Ich dachte, es sei an der Zeit einmal ein anderes Licht auf Billie zu werfen, ein Licht aus Freude und Stolz. Schließlich ist sie wahrscheinlich die einflussreichste Jazz-Sängerin, die Amerika hervorgebracht hat.

MEIER: Hierzulande wird Billie Holiday zumeist als Ikone der Qual gehandelt.

Bridgewater: Eben! Aber ich halte das für eine Stigmatisierung. Sie war eine komplette Frau, nicht nur eine tragische Figur. Ich wollte, dass die Leute staunend fragen, wer denn diese Frau ist, die ich da abfeiere. Deshalb heißt das Album auch „Eleanora Fagan“. Es soll neugierig machen.

MEIER: Klingt deshalb auch die Musik auf Ihrem Album so frisch und modern?

Bridgewater: Wir leben im 21. Jahrhundert. Jungen Menschen ist der Name Billie Holiday kein Begriff mehr. Wie ich es im Booklet des Albums formuliert habe: Von Billie kann man lernen aufzustehen und die Angst zu überwinden, mit seiner eigenen Stimme zu sprechen. So wie ich es auf dem Album getan habe, denn ich imitiere sie ja nicht, sondern ich interpretiere sie.

MEIER: Ist ihre Herangehensweise an die Ikone Billie Holiday auch ein politischer Kommentar zur Musealisierung des Jazz als der klassischen Musik des 20. Jahrhunderts?

Bridgewater: Nein. Das Album ist ja gewissermaßen etwas, dass von einem viel größeren Projekt übrigblieb. Ich wollte das Theaterstück „Lady Day“ wieder aufleben lassen und dazu eine Doppel-CD im Theater anbieten. Auf CD 1 wären dann Ausschnitte des Theaterstücks zu hören gewesen, was dann durch CD 2 aufgehellt und re-interpretiert worden wäre. Das war der Plan, aber die Finanzierung des Projektes zerschlug sich leider. Jetzt ist die CD 2 ohne Rahmen erschienen. Wir haben das Album an nur drei Tagen eingespielt, weil ich einen lebendigen Eindruck wollte. Deshalb blieben auch ein paar Fehler ungeschönt.

MEIER: So viel Sie auch mit dem Material herumexperimentieren, am Ende gibt es auch bei Ihnen Billie Holiday pur. „Strange Fruit“, ein Abgrund von Song über die Lynchjustiz im US-Süden, wird durchaus werkgetreu und sehr ergriffen interpretiert ...

Bridgewater: Es ist ein politisches Statement meinerseits. Am Ende steht der Blues – und es gibt in den USA noch immer tausende Gründe, den Blues zu singen. Es hat sich nämlich nicht so viel zum Besseren verändert seit 1959, dem Todesjahr von Billie Holiday.

MEIER: Eine letzte Frage. Mit James Carter, Edsel Gomez, Christian McBride und Lewis Nash ist das Album famos besetzt. Werden Sie mit diesen Musikern auch touren.

Bridgewater: Nein, das ist unmöglich, dazu sind diese Musiker zu gefragt. Ich werde aber zumindest James Carter und Edsel Gomez mit dabei haben.

Interview: Ulrich Kriest (MEIER 4/2010)

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