Eine wahre Geschichte von T.C Boyle

Er war nackt, verdreckt und unempfindlich gegen Kälte. Die Bauern glaubten, er sei eines dieser legendären Wolfskinder. Aber auch unter einer biologisch korrekteren Bezeichnung wurde "l’enfant sauvage", das 1797 in Südfrankreich gefangen wurde, eine wissenschaftliche Sensation. Der offensichtlich im Wald ausgesetzte Junge war ohne Kontakt zu Menschen aufgewachsen. Viktor, so nannten sie ihn, wurde nach Paris transportiert und zu einem Forschungsobjekt erster Güte. Was, so lautete die Frage, ist am Menschen natürlich und wieviel vermögen Kultur und Erziehung? Rousseaus Theorie vom edlen Wilden ließ grüßen.

Kein Wunder also, dass T.C. Boyle nicht der erste Großkünstler ist, der sich von den Untersuchungsberichten inspirieren ließ. Genau vor 40 Jahren verfilmte François Truffaut den sich über Jahre hinziehenden Versuch des Taubstummen-Arztes Itard, dem Wilden das Sprechen und Denken beizubringen.

Wie sich die Zeiten und Haltungen ändern, sieht man an den unterschiedlichen Perspektiven, die der Regisseur und der Schriftsteller wählen. Truffaut ließ die Geschichte genau an dem Punkt enden, wo der junge Mann, der in Wirklichkeit nie sprechen lernte, zeigt, dass er zwischen moralisch richtig und falsch unterscheiden kann. Boyle dehnt die Geschichte über dieses Ereignis hinaus. Seine nicht übermäßig spannende Erzählung, die eigentlich geplant war als Teil des Romans "Talk Talk", ist, was die Natur des Menschen betrifft, etwas pessimistischer. Insgesamt verschiebt er den Focus seiner Geschichte. Und zwar auf die Frage, wer eigentlich darüber entscheidet, wo das Tier aufhört und der Mensch beginnt.

[Frank Barsch]

* T.C. Boyle: Das wilde Kind. Übersetzt von Dirk van Gunsteren. Hanser. 106 Seiten. € 12.90

 

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